Trinkerbeichte "Schluckspecht" Die Sucht ist eine strenge Mutter

Im Reich der Narkosen: In "Schluckspecht" erzählt Peter Wawerzinek die Geschichte einer Alkoholsucht vom ersten Rausch bis zum Fencheltee unter Ex-Prostituierten - verzettelt sich dabei aber ziemlich.

Straßenszene in Ost-Berlin 1987: Pure Prenzlauer Avantgarde
Ullstein

Straßenszene in Ost-Berlin 1987: Pure Prenzlauer Avantgarde

Von Wolf Reiser


Dem Autor Peter Wawerzinek geht voraus, dass er ohne Eltern, in Heimen und Anstalten und bei wechselnden Pflegeeltern aufwuchs - und das alles auch noch im deutschen Nachkriegs-Osten. Allemal scheint er damit auf ein grundsätzliches Thema geworfen: die verstörende Heimatlosigkeit, das Grauen der Ghetto-Stille, die Abwesenheit als Urerfahrung der Leere. Und Leere schreit nach Fülle, das weiß jedes Regal.

In "Schluckspecht" erzählt Peter Wawerzinek, 58, von seinem sich erfüllenden Knabenleben bei Tante und Onkel, einem schrulligen Pärchen auf dem Land - man möchte sich so gerne Jean Gabin und die Signoret vorstellen - wo gerne mal geraucht und gebechert wird, gesungen und gestritten. Hier könnte eine Geschichte voller Wehmut, Komik und Absurdität entstehen. Doch leider hat man als Leser so nach und nach das Gefühl, einem zweiten oder dritten Aufguss im Sinne eines Destillations-Experiments beizuwohnen.

Damit aber diese heilige Trinkerbeichte nicht den Anschein des rein therapeutischen Erlösungs-Schreibens erweckt, hat der Verfasser des immerhin 457 Seiten langen Textes einige seltsame, strukturgebende Eingriffe vorgenommen. Seine Kapitelüberschriften wie Die Wandlung, Reifung, Dichterhaus, Absturz erinnern an ein lutherisches Tarotkartenspiel, helfen aber keinem Menschen in dieser Welt im Wesentlichen voran.

Flutungen der Subkultur

Als weiteres Stilmittel dienen im Übermaß verwendete Sinnsprüche, Redensarten, Bockbierreime und Neo-Dada-Psalmen wie: "Steter Tropfen höhlt jedes Hirn," "Arbeiten und Singen sich einander bedingen", "Der Suff reibt den Menschen uff", sowie dem gezielt übersäuerten Mostkopf geschuldete Halluzinationen der Sorte "Österreich-Österarm" oder "Elvis Freesley". "Da lacht der Berliner", hieß mal eine beliebte Kolumne in der "BZ". Während man allmählich eine leichte Migräne spürt, keimt die Frage auf, ob Peter Wawerzinek seine Schimären bewusst oder gar selbstironisch über den Parcours drischt. Denn als echtes Hindernis erweisen sich auch die unzähligen und akribisch deplatzierten Dreiersatz-Kolonnen, die eventuell ein homerisches Vorbild haben oder ganz simpel für pure Prenzlauer Avantgarde stehen - sich aber leider stets so lesen:

War immer so klein.

Groß sein, kann jeder Große.

Klein sein, können nur wir Kleinen.

Klein und fragil-idyllisch gestaltet sich der Heranwuchs des Junghelden zwischen Räucheraal, Heringssalat, Einweckaprikosen, Spreegurken, Gartenzwergen, Werftengehämmer und Möwengepicke. Ein täglicher Höhepunkt ist die Visite des radelnden Briefträgers, die mit einem selbstgebrannten Obstler nebst Fruchtbowle ihr Ritual findet. Heimischer Bierdunst, Keller-Gelächter und Onkels Beschwichtigungen - so die Sorte: zwischen Leber und Milz passt immer ein Pils - machen dem in seiner Identität verunsicherten Buben den Einstieg in Reich der Narkosen leicht.

Hochprozentiger Crossover-Cocktail

Alles läuft in etwa so ab, wie sich Amelie Fried die männliche Schiefebene ausmalt: Vollrausch, Kippen, Kater, Filmrisse, saufende Kumpels, keine Frau weit und breit, Flipperautomaten, neonmatte Broilerimbisse, und das Frühstück für harte Männer besteht aus der Ampel, einem mehrfarbigen hochprozentigen Crossover-Cocktail. Aus den Boxen scheppert der Soundtrack der späten Siebziger und die kreativen Flutungen der Subkultur entlang der angelsächsischen Küsten geben dem Schluckspecht so etwas wie prominenten Flankenschutz. Mehr Zappa als Abba hört man, Dylans "Rainy Day Woman", Joplins "Bobby Mc Gee" und immer wieder die nervigen Doors, bis hin zum wirren "Mother, I Want to....-"Schrei aus "The End."

Doch in diesem Buch gibt es keine leibhaftige Mutter, sondern höchstens eine abwesende, und dieses gähnende Loch verlangt dem ertrinkenden Ich ab, endlich die Wende zu schaffen, dem Ampel-Irrsinn zu entkommen, dem sinnlosen Leben eine Art von Sinn zu geben, eine Richtung, einen Halt. Wie wir aber von Jack London, Fitzgerald und Hemingway wissen, hat man beim Verlassen der Stammkneipe die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn der schenkt einfach nach.

In bester Bukowski-Manier also wechselt unser Held den Schauplatz, zieht in die Megacity und arbeitet dort als Hausmeister, Tischler, Totengräber und Mitropaschaffner. Die Sucht ist wie eine strenge Mutter, und nur aus reiner Liebe verlangt sie nach Gehorsam, Disziplin und täglichem Rapport. Hier nimmt das Buch, dessen Lektüre sich lange so zäh gestaltet wie das Öffnen einer fest verkorkten Weinflasche mit dem Zeigefinger, endlich Fahrt auf und kommt so einem Erzählmotiv nahe.

Doch kaum beginnt man den Protagonisten und sein Milieu zu mögen, geht es wieder aufs Land, zur Buße, zur Heilung, zur, ja in Gottes Namen, Erlösung. Ein mit allen Wassern gewaschener Country-Doktor macht seinem neuen Lieblingspatienten zügig klar, dass sich ein leckes Schiff nicht von alleine repariert. Umgeben von freilaufenden Junkies, Ex-Nutten, Dummschwätzern, Gruppensitzungssüchtigen und skorbutbefallenen Halbirren betritt die Hauptfigur einen auf fünf Jahre terminierten Trimm-dich-Pfad - mit Fencheltee, Diätkeksen und Holundersäften, langen Wattwanderungen, Kirchenbesichtigungen und erquicklichen Radausflügen.

Auf diesem Kalvarienweg der Klausur entdeckt er erwartungsgemäß den Künstler in sich sowie sein jahrzehntelang zugeschüttetes und in Spiritus eingelegtes wahres Ich. Und jene dieserart wiedergewonnene Hirnmasse erst ermöglichte den nun erschienenen Schluckauf-Bericht. Irgendwo darin liest sich Wawerzineks Navigationshilfe: "..der kurze Film darüber, wie schön die Jugend ist und wie schnell man ins Abseits gerät und wie respektlos das Leben dann mit einem umgeht."

Die 20 wichtigsten Romane des Frühjahrs 2014
Hanser/ Pascal Victor/ ArtComArt

Er kauft immer den falschen Käse. Sie weigert sich, nachts das Licht auszumachen. Yasmina Reza hat in ihrem neuen Roman "Glücklich die Glücklichen" die Kunst der Eskalation perfektioniert. Und das Glück ziemlich gut versteckt.

Dominique Nabokov

Rassismus, Klassensystem und Coolness: In "London NW" fügt Literaturstar Zadie Smith ein faszinierendes Mosaik urbaner Biografien zusammen. Ihr bestes Buch.

Kay Itting

Korrektur: Thomas Bernhard ist nicht tot. In Alexander Schimmelbuschs "Murau Identität" lebt er inkognito auf Mallorca. Ein äußerst unterhaltsames Buch, das in seiner gemeingefährlichen Smartness an den jungen Christian Kracht erinnert.

Getty Images/ Toronto Star

Was vor Lampedusa geschah: Ryad Assani-Razakis "Iman" erzählt von jungen Afrikanern, die unter Lebensgefahr nach Europa fliehen - obwohl das, was sie erwartet, nicht besser ist als ihr altes Leben.

Alexa Geisthövel

Psychogramm eines Nazis, das ohne Nazi-Klischees auskommt: In "Flut und Boden" erzählt Per Leo die Geschichte seines Großvaters, eines überzeugten SS-Führers - ihm gelingt, woran kaum einer noch geglaubt hätte: eine Wiederbelebung des Familienromans.

Markus Tedeskino

Ein weltweit konkurrenzloser Schriftsteller liefert den verdichteten Beweis seiner Kunst: In "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" erzählt Haruki Murakami die Geschichte einer Selbstfindung - und von einer Frau, die alles entscheidet.

DPA

Martin Mosebach, Vorzeige-Großbürger der deutschen Literatur, begibt sich in seinem neuen Roman "Das Blutbuchenfest" ins selbstzufriedene Milieu Frankfurter Geldmenschen - und konfrontiert es mit einer bosnischen Putzfrau.

Keke Keukelaar

Kommunisten, Hippies, Occupy-Bewegung: Jonathan Lethem porträtiert in seinem neuen Roman "Der Garten der Dissidenten" mehrere Generationen linker Gegenkultur. Was die Aktivisten verbindet? Dass sie am Ende allein dastehen.

Jochen Quast

Als Bummelstudenten noch "Futschikato" sagten: Gerhard Henschels "Bildungsroman" ist das heiter genervte Porträt eines Twentysomethings in den frühen Achtzigern - und zeigt die Ereignislosigkeit der Bundesrepublik, ohne dabei je zu langweilen.

DPA

Konzentriert, konsequent, knallhart - und hochpolitisch. Don Winslow ist derzeit der wichtigste US-amerikanische Thriller-Autor. In "Vergeltung" jagt ein Söldner die Mörder seiner Familie und muss erkennen, dass die Zukunft Kriegsrobotern gehört.

Catherine Hélie/ Editions Gallimard

Ein Tod, so individuell wie sein Leben: Nach einem schweren Schlaganfall bittet der Pariser Kunstsammler André Bernheim seine Tochter Emmanuèle Bernheim, ihm beim Sterben zu helfen. Das Buch "Alles ist gutgegangen" ist ihr ungewöhnlicher, diskreter Bericht.

DPA

Inszenierung von Glück und Genuss, Abkehr von der schnöden Realität: Anna Katharina Fröhlich ist eine eigenwillige Virtuosin - in "Der schöne Gast" erzählt sie eine sinnenfrohe Liebesgeschichte vor mediterraner Kulisse.

DPA

Die Schönste der Schule und ihr vier Jahre jüngerer Verehrer: Navid Kermani erzählt in "Große Liebe" von einer Teenagerliebe in den Zeiten der Friedensbewegung - und dreht dann ab in die islamische Mystik.

DPA/ Rabea Edel/ Berlin Verlag

Bye-bye Jugend: Fabian Hischmanns "Am Ende schmeißen wir mit Gold" beginnt wie ein schwuler Erweckungsroman - und entwickelt sich dann zur Geschichte einer Identitätsfindung, die an Benjamin Lebert erinnert.

Alex Reuter

Die Sprache ist schlicht und schnörkellos, der Inhalt aufwühlend: Angelika Klüssendorf hat mit "April" eine Fortsetzung ihres Erfolgsromans "Das Mädchen" geschrieben. Es ist das Porträt einer Heldin, die mit sich selbst kämpft - und dank Kunst und Literatur den Kampf gewinnt.

Gaby Gerster

Die Agenda des Einschleichers: In "Die Lüge" erzählt Uwe Kolbe von einem Stasi-Mann, der die Kunstszene überwacht - und, angelehnt an die eigene Biografie, eine Geschichte von Vater und Sohn, die sich der Enge der Diktatur durch erotische Eskapaden entziehen.

AFP

Was verloren geht, wenn ein Mensch stirbt: In "Alles ist wahr" erzählt Emmanuel Carrère mit unironischer Aufrichtigkeit von existenziellen Verunsicherungen - und hatte damit in Frankreich großen Erfolg.

Katja Sämann

Anderthalb Nazis, Säufer und ein Fährmann, der mal Angela Merkel befördert hat: In Sasa Stanisics "Vor dem Fest" ist das fiktive Uckermarkdorf Fürstenfelde Idealtyp der wendeversehrten Ex-DDR - und Kulisse für eine ironisch abgefederte Tragikomödie.

DPA

Krieg, Vertreibung, Neurosen - und Affenforschung: In "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" schildert Ulrike Draesner die deutsche Geschichte anhand von vier Generationen einer Familie. Ein kolossaler Roman mit skurrilen Figuren.

DPA

Von Berlin aus in Richtung der Schrecken des 20. Jahrhunderts: In "Vielleicht Esther" erzählt Katja Petrowskaja von einer Recherche in der eigenen Familiengeschichte - und schafft ein großartiges, ungewöhnlich erzähltes Panorama des 20. Jahrhunderts.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Sheila Hetis "Wie sollten wir sein", Katja Petrowskajas "Vielleicht Esther", Sasa Stanisics "Vor dem Fest", Ulrike Draesners "Sieben Sprünge vom Rand der Welt"

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.