Jugend in Russland: Hauptsache Hass

Von Oskar Piegsa

"Exodus": Der Rowdy im Öko-Aktivisten Fotos

"Wir hassen Bullen", und "Schwuchteln" kommen in den "Ofen von Auschwitz" - als DJ Stalingrad hat der russische Aktivist Petr Silaev ein Buch über eine Jugend voller Punk, Gewalt und Wut geschrieben. Doch wie wurde der Autonome mit faschistoiden Phantasien zum Kämpfer für die gute Sache?

Am frühen Morgen des 21. August 2012 stürmten spanische Polizisten das Mehrbettzimmer eines Hostels in Granada und führten einen der Rucksackreisenden in Handschellen ab. Petr Silaev, ein damals 27 Jahre alter Russe, erfuhr an diesem Morgen, dass er ein international gesuchter Straftäter ist.

Der Grund: Im Sommer 2010 war er als Aktivist gegen einen Autobahnbau im Moskauer Umland vorgegangen. Bei Ausschreitungen war ein Sachschaden von rund 9000 Euro entstanden. Russische Behörden warfen Silaev nun ein Vergehen nach Artikel 213 des Strafgesetzbuches vor - Stichwort: "Rowdytum". Er wird verdächtigt, einer der Organisatoren eines Angriffs der russischen Antifa auf eine Stadtverwaltung gewesen zu sein. Vor einem russischen Gericht droht ihm ein ähnliches Schicksal wie den Frauen von Pussy Riot, mit Höchststrafen von zwei Jahren Gefängnis oder anderthalb Jahren Arbeitslager. Obwohl Finnland Petr Silaev bereits vor seiner Festnahme politisches Asyl gewährt hatte, wurde ihm verboten, Spanien zu verlassen.

Erst seit Februar darf er sich wieder frei bewegen, wobei das relativ ist: Interpol hat ihn inzwischen aus seiner Datenbank getilgt, doch Russland ist immer noch an einer baldigen Festnahme und Auslieferung gelegen - so schildern es zumindest der Gesuchte selbst und Fair Trials International, eine Hilfsorganisation, die sich seiner Verteidigung angenommen hat.

"Wir hassen Bullen"

Gut ein Jahr nach dem Vorfall in der spanischen Jugendherberge erscheint bei Matthes & Seitz Berlin jetzt die deutsche Übersetzung von "Exodus", einem Buch, das Silaev in Russland zunächst nur unter dem Pseudonym DJ Stalingrad veröffentlichte. Inzwischen hat er die Deckung aufgegeben. "Exodus" ist, wie der Titel nahelegt, das Buch einer Läuterung mit religiösen Anklängen. Es ist aber wohl auch ein Buch, das seinen Feinden in die Hände spielt. Denn der namenlose Ich-Erzähler, den man leicht für Silaev selbst halten kann, schildert eine Jugend in der russischen Autonomenszene voller Hass, Gewalt und einem "Rowdytum", das die bloße Sachbeschädigung längst hinter sich gelassen hat.

"Wir alle hassen Bullen, jeder echte Sowjetmensch", schreibt Silaev. "Bullen", das sind die Frontsoldaten eines Staates, in dem es für die Massen keine Gerechtigkeit gibt und für den Einzelnen keine Werte, die größer sind als sein individuelles Glück. "Wir alle gehören zu der ekelhaften postsowjetischen Generation. Wir haben nichts, keine Ziele und Prinzipien", erklärt Silaevs Erzähler. "Doch die Sehnsucht nach Heldentum sitzt irgendwo tief in uns, in mir und den anderen, die ihre Wohnung noch nicht nach europäischem Standard renoviert haben." Er und seine Bande sind jung, gebildet, chancenlos - an diesem Leben liegt ihnen nicht viel: "Wir sind alle für den Krieg geboren, dafür, in Reih und Glied ins Blutbad zu ziehen. Direkt ins Maschinengewehrnest, direkt ins Minenfeld."

In der Entourage einer Hardcore-Band reisen der Erzähler und seine Jungs durchs Moskauer Umland und mit ukrainischen Ultras zu Auswärtsspielen. Wo sie auch hinkommen, überall warten "Bullen", Dorfprolls, Hooligans. Verbündete gibt es nicht. Zur Demonstration am 1. Mai mischen sie sich zwischen Altstalinisten und Nationalbolschewisten (über deren Gründer Eduard Limonow im selben Verlag eine bemerkenswerte Biografie erschienen ist), allerdings nur um dort als Schwarzer Block Unruhe zu stiften. Wie sehr es dem Erzähler tatsächlich an emanzipatorischer Politik gelegen ist, bleibt unklar. Linksradikalismus und Homophobie schließen sich für ihn nicht aus, manchmal sind bei den Prügeltouren auch "modische Schwuchteln" oder Typen mit "schwulen Frisuren" dran. Und wenn er sich besonders in Rage redet, dann klingt das so: "Fuck, in den Ofen mit diesen Rindviechern, in den von Auschwitz, es ist um keinen schade." Hauptsache Hass.

"Gute, alte Ultra-Gewalt"

Doch diese Jugenderinnerungen plagen den Erzähler und das Schreiben ist seine Therapie. "Ich erinnere, um zu vergessen", heißt es zu Beginn von "Exodus". Im Rückblick springt der Erzähler assoziativ von einer Schlägerei zur nächsten und streut kulturelle Querverweise ein, auch aus dem verhassten Westen. Von der "guten, alten Ultra-Gewalt" schwärmt er und klingt dabei wie Alex aus "Uhrwerk Orange". Er huldigt den selbstzerstörerischen Auftritten des Punkrockers GG Allin ("der letzte Prophet des Rock'n'Roll") und äußert vorsichtige Zuneigung zu dem amerikanischen Terroristen Theodore Kaczynski ("Ted"). Auch wenn der Kontext von "Exodus" ein spezifisch postsowjetischer ist: Der Hass auf die als satt und träge empfundene Gesellschaft und das dunkle Schillern des Outlaws sind womöglich universell.

Als "authentischen Entwicklungsroman" bewirbt der Verlag das Buch. Doch mit der Zeit wirkt die Gewalt in "Exodus" comicartig. Ständig werden die Autonomen von der Polizei oder anderen Feinden "durchgefickt" (ob metaphorisch oder wörtlich, bleibt offen). Einmal ist die Rede von einem "Wetthüpfen über Säurewannen". Und so oft wie hier Stahlrohre auf die Köpfe der Protagonisten niedersausen, ist schwer vorstellbar, dass sie keine superheldenhaften Überlebenskräfte haben.

Im Nachwort leistet Silaevs Erzähler - oder eben Silaev selbst - trotzig Abbitte. Über sein Interesse an Theodore Kaczynski heißt es: "Wer von uns ist frei von Sünde?" Und über den Straßenkampf: "Es ging um Nazis. Alle Subkulturen dieser Jahre wurden auf der Straße von Nazigruppen kontrolliert. [...] Das passte uns natürlich nicht." Wie das mit seinen eigenen faschistoiden Phantasien von Krieg, Heldentum und reinigender Gewalt zusammenpasst, erklärt er leider nicht.

Petr Silaev, der vom Straßenkampf zum zivilen Ungehorsam gefunden hat, bleibt auch nach der Lektüre von "Exodus" eine rätselhafte Gestalt.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Olivia Viewegs "Huck Finn", Hartmut Rosas "Beschleunigung und Entfremdung", Sam Byers' "Idiopathie", Hermann Lenz' "Neue Zeit", Kurt Krömers "Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will"

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Titel
geistreich234 28.07.2013
Der Titel suggeriert mal wieder "böses Russland". In diese Rezension wird gleich noch ein bisschen gegen das System in Russland gewettert bevor es um das Buch geht. Es ist nun mal so das dort rigoros durchgegriffen wird und man nicht erst wie in Deutschland 100 Straftaten auf dem Konto haben muss (siehe Bremen) um Strafe zu zahlen oder ins Gefängnis zu kommen. Haben wir eigentlich selbst keine Probleme? Ich kenne keinen einzigen Jugendlichen in Russland der so hasserfüllt ist. Ich war in Novosibirsk, Wladiwostok, Omsk und St. Petersburg um mal ein paar größere Städte zu nennen. Ich habe eine sehr engagierte und an Bildung interessierte Jugendliche kennengelernt. Sicherlich gibt es dort auch Radikale aber warum berichtet ihr darüber nicht auch in gleichen Maß wie anderen Ländern? Neuseeland, Kanada, Indien? Der tägliche negative Russlandartikel muss schon sehr viele Klicks bringen... Warum schreibt ihr nicht über das vor kurzem stattgefundene größte Militärmanöver seit Ende der Sowjetunion? Oder den boomenden Automarkt? Wenn wirklich alles so schlecht wäre würde uns Russland nicht bald als Automarkt Nummer 1 überholen. Stattdessen finde ich wenn ich nach Russland suche nur 1-2 negative Artikel pro Tag.
2. Blindflug
el-gato-lopez 28.07.2013
Zitat von sysop. Linksradikalismus
Nun, der Mann ist also "links", marschiert aber bei der "Nationalbolschewistischen Partei Russlands" mit? Kleiner Typ, liebe Schreiberlinge, wenn ihr von der Politlandschaft eines Landes keine Ahnung habt, fragt doch euer Auslandsressort. Die NBP ist eine neofaschistische Partei, die u.a. ein slawisches "Weltreich" möchte. Die sind so links wie die NPD... Vielleicht stört diese Tatsache auch das im Artikel konstruierte Bild vom verwirrten aber doch sympathischen Linksrowdy... Ausser naivem Menschenhass seh ich bei dem aber gar nichts. Versucht man da wieder einen zur Ikone hochzustilisieren? Der Mann ist weder links noch rechts - er ist frustiert und dumm.
3. rinks und lechts
giseun 28.07.2013
Zitat von el-gato-lopezKleiner Typ, liebe Schreiberlinge, wenn ihr von der Politlandschaft eines Landes keine Ahnung habt, fragt doch euer Auslandsressort.
Immer wieder schön zu sehen, wie die Kulturversteher doch nichts anderes machen, als ihr eigenes Weltbild auf eine andere Kultur überzustülpen. Wer annimmt, dass sich die politische Landschaft Russlands nach westlichen Vorbild schon in klar linke und rechte Kräfte differenziert hat, der hat von Russland keine Ahnung. Das Bemessen der russischen politischen Landschaft nach westlichen Kategorien führt wegen der Unangemessenheit der Kategorien zu einer Verzerrung der dortigen politischen Gegebenheit.
4. @geistreich234 und el-gato-lopez
schüttelkugel 28.07.2013
Habt Ihr eigentlich kapiert, dass es hier um eine Buchbesprechung geht??? Wir befinden uns bei SPIEGEL Kultur!!! Nicht in der Politikabteilung.
5. Angst
marty_gi 28.07.2013
Ich habe wenige Aengste, aber das hier: Zitat von oben - "Bullen", das sind die Frontsoldaten eines Staates, in dem es für die Massen keine Gerechtigkeit gibt und für den Einzelnen keine Werte, die größer sind als sein individuelles Glück. "Wir alle gehören zu der ekelhaften postsowjetischen Generation. Wir haben nichts, keine Ziele und Prinzipien" Das ist es, warum ich vor nichts auf der Welt mehr Angst habe, als vor Russland und den Russen. Man schaue sich nur Putins Gesetzgebung an.....
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