USA im Irakkrieg Sie versprachen Freiheit und brachten den Tod

Amerika versichert sich einmal mehr seines unsicheren Selbst: Jetzt erscheint "Wir erschossen auch Hunde", Phil Klays Bestseller über den Irak-Krieg auf Deutsch - sein Realismus ist unbarmherzig.

AP

Von Thomas Andre


Der Senior Drill Instructor in einer dieser Geschichten, Staff Sergeant Kerwin, vertritt wie die anderen Ausbilder resolut die Interessen des Marine Corps: Wer vor seinem Platoon Nacktfotos aufisst, damit kein anderer sie sieht, ist ein wertloser Drecksack. Jeder andere hier wäre bereit, seine Freundin mit allen zu teilen. In jederlei Hinsicht. Im Irak-Krieg später müssen sie alle eine Einheit sein, alle für einen, einer für alle.

Soldaten im Irak: Sie fahren Konvoi, sie schmecken die Wüste. Sie schlafen wenig, daddeln auf der Playstation. Sie haben Angst vor Heckenschützen und Bomben. Sie tragen die Särge ihrer getöteten Kameraden. Und sie suchen jeden Tag nach dem kleinen Bisschen Sinn, aber sie finden es nie. Sie erschießen Minderjährige, weil die mit dem Gewehr herumballern. Sie müssen in den Häuserkampf nach Falludscha. Sie müssen ein Land aufbauen, das gar nicht von ihnen aufgebaut werden will. Kaum einer von ihnen glaubt ernsthaft daran, dass gute Demokraten böse Islamisten verjagen können, um guten Muslimen die Segnungen des Westens zu bringen. Sie sind keine Idealisten, sondern die größten Zyniker unter der Sonne. Auf Heimaturlaub versteht sie niemand. Sie sind eine eigene Spezies.

Moralische und existenzielle Obdachlosigkeit

Der ehemalige Marine Phil Klay dekliniert in seinem in Amerika viel gelesenen und nun auf Deutsch erscheinenden Storyband "Wir erschossen auch Hunde" das Soldatensein mit all seinen Bedingungen und Verheerungen durch: Was es heißt, in einem falschen Krieg für die Werte einzustehen, die längst innen hohl geworden sind. Klay war von 2007 bis 2008 in der irakischen Provinz Al-Anbar. In dieser Zeitspanne sammelte der 1983 geborene Mann genug Eindrücke, um Amerikas künstlerischem und publizistischem Selbstgespräch über das Verderben, das sein bislang letzter großer Krieg brachte, ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.

Klays Storys erzählen episodisch von der Härte des Krieges und dem großen Verlust der Hoffnung, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. Die Szenen und Dialoge zitieren Filme wie "The Hurt Locker", der die luzideste Ästhetisierung an den asymmetrisch geführten Krieg im Irak darstellt, aber auch die Vietnam-Sektion der Kriegs-Narrationen. Wer Karl Marlantes' 2010 erschienenes Indochina-Epos "Matterhorn" gelesen hat, vermag in "Wir erschossen auch Hunde" eine im Vergleich vielleicht noch größere moralische und existenzielle Obdachlosigkeit der GIs erkennen. Obwohl die fortgesetzten Kampfhandlungen in der Besatzungszeit im Irak bürokratisch übergenau vermerkt werden: Jeder Todesfall zieht eine Untersuchung nach sich. "SAF", "TCP", "MLG", "BOS", "SpecOps" - Klays Texte geben sich bisweilen dem Rhythmus der Militärsprache hin, weil die Soldaten sich in einem Alltag der Akronyme und Abkürzungen, der Vorschriften und Regeln bewegen. Aber keine Ordnung kann die Zweifel am eigenen Tun ausräumen.

Das anonyme Töten - etwa wenn ein Schmugglerlager unter heftigen Artilleriebeschuss genommen wird - zermürbt die GIs. Klays spiegelt in seinen Erzählungen die kommunikative Ebene des Irak-Einsatzes, wenn er die Handlung vor allem über die so lakonischen wie parolenhaften Gespräche in Szene setzt. Dabei nimmt er stets die Perspektive des einen ein, der als Pars pro toto die Gesamtheit der Army repräsentiert. In seiner dialogischen Textsammlung wird aus dem kriegerischen vor allem auch ein ängstliches Ich.

Bitterer Witz und pointierte Verdichtungen

In "Wir erschossen auch Hunde" versichert sich Amerika einmal mehr seines unsicheren Selbst. Drei Jahre nach dem Abzug der US Army und angesichts neuer Waffengänge erscheint der Irak-Krieg schon lange her - im fehlenden Sinn-Horizont und dem Wanken des Wert-Fundaments, auf dem Amerika steht, erkennt sich die Weltmacht jedoch gar zu leicht. "Wir führten im Irak Krieg, weil wir im Irak Krieg führten", heißt es einmal.

Klays bitterer Witz und sein unbarmherziger Realismus kolorieren die allmählich verblassenden Bilder des Irak-Krieges nach. In pointierten Verdichtungen gelingt es ihm, den Irrwitz des Wiederaufbaus zu illustrieren. Da ist ein Unternehmer ("Der Matratzenkönig von Kansas"), der der fixen Idee verfällt, mit Sportdiplomatie den Gesellschaftsaufbau im Irak voranzutreiben. Den administrativen Einheiten geht er damit auf die Nerven, aber einen Kongress-Abgeordneten hat er auf seiner Seite. Und weil die praktische Intelligenz jedes Majors am Ende über die Wolkenkuckucksheime der Zivilisten siegt, bekommt Amerika die bestellten Fotos von Kindern in Baseballtrikots.

Dabei spielen sie, wenn überhaupt, Fußball im Irak.

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