Neues von Philip Pullman Was vor dem "Goldenen Kompass" geschah

Er erzählt so elegant wie kein anderer Fantasy-Großmeister: Philip Pullman veröffentlicht die Vorgeschichte zu seiner Erfolgssaga "His Dark Materials". Der erste Band, "Über den wilden Fluss", ist schon mal glänzend.

Szene aus der Pullman-Verfilmung "Der goldene Kompass" (2007)
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Szene aus der Pullman-Verfilmung "Der goldene Kompass" (2007)


Auch in diesem Jahrtausend gibt es in Oxford noch Orte, die verzaubert scheinen. Wer durch die Gärten der altehrwürdigen Colleges spaziert, kommt immer wieder an Plätze, an denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und die moderne Welt keine Spuren hinterlassen hat.

Es passt also, dass die stilvoll verschlafene englische Universitätsstadt eine Metropole der Phantastischen Literatur ist. Die Professoren Lewis Caroll, J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis erträumten hier einst Klassiker wie "Alice im Wunderland", "Der Herr der Ringe" und "Die Chroniken von Narnia". Eine Tradition, die in diesem Jahrtausend von Philip Pullman weitergeführt wird.

Philip Pullman
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Philip Pullman

Der ehemalige Oxford-Literaturdozent sorgte in den Neunzigerjahren mit seiner Trilogie "His Dark Materials" für Furore. Die Abenteuer, die das Mädchen Lyra in einem seltsam anderen Oxford zu bewältigen hat, waren ein phänomenaler Erfolg. Mehr als zwanzig Millionen Mal gingen die drei Bände "Der Goldene Kompass", "Das magische Messer" und "Das Bernstein-Teleskop" weltweit weg und gelten bereits als Klassiker des Genres.

"His Dark Materials" ist eine von wenigen Coming-of-Age-Geschichten, die sich an ein junges Publikum richten, aber ebenso von Erwachsenen gelesen werden können. Pullman jongliert virtuos mit Parallelwelten, entwirft die sanft versponnene Version eines viktorianischen Englands, das fast real scheint, aber zugleich auch sprechende Tiere, Hexen, furchtlose Abenteurer und prophetische Kompasse zu bieten hat. Eine Besonderheit ist, dass hier die Kirche die dunkle Seite der Macht gibt, also für alles Böse und Abgründige steht, was Pullman insbesondere in den USA bereits einigen Ärger beschert hat.

Ein junges Publikum verschlingt die Bücher als rasante Abenteuerstücke. Betagtere Leser können sich obendrein an klassischen Zitaten von Milton bis Homer erfreuen, die der Akademiker elegant in die Erzählung gestreut hat. Vor allem aber sind die Bücher auffällig gut geschrieben, was in diesem Jahrtausend in der Phantastischen Literatur auch eher rar ist. Da die Geschichte aber auch komplex und verwinkelt konstruiert ist, hieß es bald, dass sie unverfilmbar sei. Was der aufwendig inszenierte Blockbuster "Der Goldene Kompass" mit Nicole Kidman und Daniel Craig bestätigte: Mäßige Kritiken, enttäuschende Zuschauerzahlen, Fortsetzungen abgeblasen.

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Philip Pullman:
Über den wilden Fluss

übersetzt von Antoinette Gittinger

Carlsen, 560 Seiten, 24 Euro

17 Jahre ist es nun her, dass der finale Band "Das Bernstein-Teleskop" veröffentlicht wurde und Lyras Geschichte abgeschlossen schien. So war die Euphorie groß, als Phillip Pullman zu Beginn dieses Jahres drei weitere Bände ankündigte, in denen, fast so wie bei "Star Wars", die Vorgeschichte erzählt werden soll.

In Großbritannien ist der erste Band "La Belle Sauvage", so der Originaltitel, bereits mit viel Bohei - Buchhandlungen öffneten um Mitternacht - erschienen, nun folgt die deutsche Ausgabe "Über den wilden Fluss". Und, um es kurz zu machen: Das Buch wird den Erwartungen gerecht.

Erneut glänzt Pullman als Erzähler alter Schule mit einer dieser Geschichten, die am besten in langen dunklen Nächten an einem knisternden Kaminfeuer vorgelesen werden sollten. Wieder dreht sich alles um Lyra Bellaqua, auch wenn sie hier nur ein Baby ist.

"Über den wilden Fluss" startet zehn Jahre vor dem "Goldenen Kompass": Lord Asriel, Lyras Vater, steckt in Schwierigkeiten und gibt seine frischgeborene Tochter in die Obhut ahnungsloser Nonnen. Lyras Mutter, die so schöne wie finstere Kirchenobere Mr.s Coulter, mit der Asriel eine Affäre hatte, ist auf der Suche nach ihrer Tochter, der eine bedeutungsvolle Zukunft vorher gesagt wird. Zum Beschützer des begehrten Säuglings wird Malcolm, ein kühner Knabe, der bis dahin im Wirtshaus seiner Eltern aushalf.

Historische Oxford-Aufnahme
Getty Images

Historische Oxford-Aufnahme

Pullman lässt Oxford von einer Flut biblischen Ausmaßes heimsuchen, sodass die Jagd nach dem Kinde überwiegend auf dem Wasser stattfindet. Lustvoll schildert er, wie eine Welt aussehen könnte, in der fanatische Kirchenmenschen den Ton angeben: Mit Gottesmännern, die dafür sorgen, dass Kinder sich gegenseitig bespitzeln, Lehrer kaltstellen und ihre eigenen Eltern denunzieren. Klar macht die Geschichte auch, wie schnell die Freiheit auf der Strecke bleiben kann.

Aber natürlich geht es auch wieder ums Erwachsenwerden. Das einzige Problem ist, dass das Buch irgendwann vorbei ist, aber die Geschichte noch lange nicht. Immerhin lässt der Autor ausrichten: Teil zwei ist bereits abgeschlossen.

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holger.heinreich 17.11.2017
1. Gute Nachricht ....
Er würde es endlich verdienen, daß jemand, der keine Angst hat Christen vor den Kopf zu stoßen und fanatische Christen als Zuschauer zu verlieren, seine Werk verfilmt. Ebenso wäre es an der Zeit, daß "Einfach göttlich" von Pratchett eine würdige Verfilmung erhält, der alle drei abrahamitischen Religionen ins Visier nimmt. Und mit "Echt zauberhaft" dürfte man den Chinesen auf die Nerven gehen. Atheistische Autoren sind häufig eine Klasse für sich.
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