Zum Tode von Philip Roth Die Potenz war enorm

Er war ein genialer Chronist der USA am Abgrund. Aber es war eben auch ein Amerika, das stets über alternde, weiße Männer erzählt wurde. Frauen spielten bei Philip Roth vor allem eine Rolle: das Objekt der Begierde.

Philip Milton Roth (1933-2018)
Peter Pereira/ 4SEE/ laif

Philip Milton Roth (1933-2018)

Von


"Als sei es meine offenkundige Bestimmung, ein Mädchen aus jedem der achtundvierzig Bundesstaaten zu verführen", sagt der sexbesessene Alex Portnoy, und: "Ich will damit sagen, Doktor, dass ich meinen Schwanz nicht so sehr in diese Mädchen selbst als vielmehr in ihre Herkunft zu stecken scheine - als ob ich durchs Vögeln Amerika entdecke."

Sexualität und nationale Identität: Die beiden gehörten in Philip Roths Werken von Anfang bis Ende zusammen. "Portnoys Beschwerden" über einen jungen Kerl aus Newark, der versucht, Sozialisierung und Schicksal als schuldbeladener amerikanischer Jude wegzuvögeln und anzukommen, als freier Mensch in den liberalen USA, sorgte 1969 für einen Aufschrei: zu freizügig, zu sexuell, zu - alles.

In seiner Serie kurzer Romane, die letzten, "Jedermann", "Empörung", "Die Demütigung", "Nemesis", erschienen 2006 bis 2010, porträtierte er den physischen Niedergang seiner Männer: Herz-OP, krümmende Rückenbeschwerden, sodass sein 65-Jähriger Held (in "Die Demütigung") der jüngeren Geliebten neue Stellungen abverlangen muss ("Reite mich wie ein Pferd!"). Und dann auch noch die Prostata!

REUTERS

Die Potenz von Roths Schreibdrang dagegen war enorm, zehn Bücher in zwölf Jahren, mitten in seinen Siebzigern, das muss man erst einmal schaffen. Auch wenn Kollegen wie Paul Auster und J.M. Coetzee in ihrem veröffentlichten Briefwechsel unlängst ätzten, der wiederhole sich doch dauernd.

Umwerfend als Dokument einer Ära

Roth, der schon 2012 verkündete, dass er "fertig" sei und die Schriftstellerei an den Nagel hänge, hat nun endgültig aufgehört: Der US-Autor, dem viele seit Jahren den Nobelpreis gönnten, ist tot, 85, Herzversagen. Was bleibt, ist sein panoptisches Porträt des weißen, jüdischen Amerika: Mit seinen Geschichten machte er sich zum Chronisten. Er entwarf Figuren, um die er jahrzehntelang Romanserien aufbaute und so nicht nur die Initiation, sondern vor allem auch den Lebensweg bergab nachzeichnete.

Allen voran die neun Teile über Nathan Zuckerman, dazu die Reihe über David Kepesh, den er 1972 Gregor-Samsa-mäßig eines Morgens als Brust aufwachen ließ, was eher schwiemelig-obsessiv daherkommt denn als Woody-Allen-selbstironisch, und den er in "Das sterbende Tier" 2001 als, nun ja, geifernden alten Literaturprofessor wiederbelebt.

Daneben seine "Amerika-Trilogie", die unter anderem zeigt, wie Terrorismus und Rassismus im Privaten verhandelt werden - etwa, als sich in "Der menschliche Makel" ein Altphilologe mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, er habe sich rassistisch geäußert. Während parallel das Amtsenthebungsverfahren des Präsidenten läuft. So weit, so überzeitlich, nicht nur wegen der Political Correctness.

Fotostrecke

8  Bilder
Philip Roth: "Der größte Schriftsteller unserer Zeit"

Weit spannt er das Spiegelbild eines sich befreienden, zögernden, potenzbesessenen, hadernden, weißen, männlichen Amerikas auf. Es ist fraglos umwerfend als Dokument einer Ära und in diesem Umfang eine Seltenheit in der Literatur - von John Updikes weitaus selbstironischerer "Rabbit"-Reihe mal abgesehen.

Auf welchem Podest Roth in den USA thront, wird wohl am ehesten deutlich in dem Umstand, dass er der einzige Schriftsteller des Landes ist, dem die Library of America zu Lebzeiten eine Gesamtausgabe seiner Werke widmete. Die zahllosen PEN- und National-Book-Award-Preise und den Pulitzerpreis für "Amerikanisches Idyll" 1998 nicht mitgerechnet.

Die Selbstdefinition: vor allem sexuell

Dass Roth derzeit quasi als eine Art Wahrsager der Gezeiten herhalten muss, liegt unter anderem an "Verschwörung gegen Amerika" von 2004, in dem er ausgerechnet den schillernden Überflieger Charles Lindbergh zum megalomanischen US-Präsidenten macht. Die Parallelen zu Donald Trump seien unübersehbar, befanden viele politische Kommentatoren nach der letzten US-Wahl.

Doch: "Keiner, den ich kenne, hat das Amerika vorhergesehen, in dem wir jetzt leben", sagte Roth Anfang des Jahres in seinem letzten großen Interview mit der "New York Times". "Keiner hätte sich vorstellen können, dass die Katastrophe des 21. Jahrhunderts die USA treffen würde." Er sei ganz schön naiv gewesen, die USA der Sechzigerjahre für absurd zu halten.

Ja, Roth formuliert die Selbstzweifel seiner Figuren, verankert sie auf schwankendem amerikanisch-politischen Grund, dokumentiert ihr Bemühen, den moralischen Kompass in dieser von Kriegen, Terror, Spaltung gebeutelten Gesellschaft nicht zu verlieren. Aber das Problem ist, dass seine Protagonisten letztlich immer felsenfest sicher sind, dass sie ein Recht auf ihren moralischen Kompass haben: Und der sitzt in ihrem Schwanz. Die Selbstdefinition seiner Männer ist vor allem sexuell.

Es ist naheliegend, die Inkontinenzprobleme und die Impotenz von Nathan Zuckerman in seinem letzten Auftritt in "Exit Ghost" in den Nachwehen von 9/11 als nationale Metapher zu lesen. Und ihn zu bedauern. Aber: Er habe nun einmal versucht, seine Männer immer kompromisslos in ihrem Wollen, ihrer "fleischlichen Lust" zu zeigen, sagte Roth in jenem Interview noch, als etwas brüchige Antwort auf die Frage, wie er seine Figuren denn nun sehe, im Lichte der anhaltenden #MeToo-Diskussion.

Aber die Frauen, die in seinen Romane auftauchen, sind nun einmal immer wie auf dem Silbertablett arrangiert. Zur Ergötzung des männlichen Blicks. Der sabbernde Ton des Erzählers, der alle paar Seiten das Dekolleté, die geöffneten Blusenknöpfe, die Brustformen betrachtet, dann wieder sanft geschwungene Hüften, gespreizte Beine, untermalt von softpornoeskem Atmen, all das ist in der Gesamtheit des Schaffens fast unerträglich geworden. Lesen Sie an dieser Stelle ruhig noch einmal die Einstiegszeilen über Portnoys Vögelei.

Aber auch damit ist Roths Oeuvre ein Sittengemälde - es ist normal. Gewesen. Die Körperpolitik der Gesellschaft wird gerade umdefiniert. Die Ära dieser Generation männlicher Schriftsteller geht zu Ende.



insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
**Kiki** 23.05.2018
1. Och, nö.
---Zitat--- Aber auch damit ist Roths Oeuvre ein Sittengemälde - es ist normal. Gewesen. Die Körperpolitik der Gesellschaft wird gerade umdefiniert. Die Ära dieser Generation männlicher Schriftsteller geht zu Ende. ---Zitatende--- Es wäre ewig schade drum. Ich erinnere mich immer wieder gerne daran, wie viele strafende Blicke ich im Bus auf mich gezogen habe wegen meiner unkontrollierbaren Kicheranfälle, während ich "Portnoys Beschwerden" gelesen habe, und bei der Vorstellung, daß diese Leute wüßten, WAS diese Kicheranfälle ausgelöst hatte, konnte ich gar nicht mehr aufhören zu lachen. Anne Haeming klingt genauso moralinsauer, wie diese Blicke es gewesen sind. Es wäre überhaupt hoch an der Zeit, die Herrschaft der Moralinsauren, die glauben, sie wären berechtigt, die Gesellschaft nach ihrer eigenen Lustfeindlichkeit umdefinieren, wieder zu stürzen. Das durchzieht ja schon seit mindestens zehn Jahren unseren ganzen Alltag, mit dem augenscheinlichen Ziel, uns alles madig zu machen, was Spaß macht. Die definieren in ihrer "Körperpolitik" ja nicht nur den Sex neu ("nur, wenn sie sich schriftlich einverstanden erklärt hat"), sondern auch alles andere, was mit körperlichem Genuß verbunden ist (Essen, Trinken, Rauchen, Faulheit), und zwar nach einer neopuritanischen Askese-Agenda, verbunden mit quasireligiösen Heilsversprechen. Ich muß kein Mann sein, um mich dem kategorisch zu verweigern, aus prinzipiellen Gründen wie auch, weil ich gerne Spaß habe. Philip Roth lese ich weiterhin mit Vergnügen, und ich wünsche ihm Nachfolger, die von mir aus einen so sexistischen Blick auf Frauen haben dürfen, wie sie wollen, solange es Spaß macht, zu lesen, was sie geschrieben haben.
ernstrobert 23.05.2018
2. Ab sofort: gähnende, klinisch reine Leere?
Sicher war Roth etwas einseitig in seiner Interpretation männlichen 'Wollens', das ja tatsächlich keinem bewussten Willen folgt, sondern einem unbewussten Trieb. Da hat er sich in der Tat ziemlich wiederholt. Wohl auch mit Blick auf den Verkaufserfolg (sex sells). Andere haben jenes Wollen als Potenz umgelenkt in künstlerische Kreativität und unermüdliches Schaffen, aber auch in Machogehabe, Protzerei und Machtanmaßung. Da ist der Weg der direkten sexuellen Befriedigung möglicherweise der bessere. Insofern fragt man sich, was "Die Körperpolitik der Gesellschaft wird gerade umdefiniert." nun heißen soll? Sollen Körper neutralisiert - oder gleich ganz abgeschafft werden? Was ist mit dem weiblichen Blick auf die Libido? Der Satz: "Die Ära dieser Generation männlicher Schriftsteller geht zu Ende." bleibt eine Vermutung, oder auch Hoffnung, doch lässt er völlig offen, was 'nicht zu Ende' geht, oder was denn nun folgen kann oder soll. Zu fürchten ist eine gähnende, klinisch reine Leere.
thrasymachos 23.05.2018
3. Ne, Frau Haeming,
die "Körperpolitik der Gesellschaft" wird nicht "umdefiniert". Eine immer kleiner, einsamer und verzweifelter werdende linke Elite versucht vielleicht zum letzten Mal, einen Diskurs zu erzeugen, um ihn dann zu dominieren. Philip Roths Bücher aber werden dann noch gelesen und diskutiert werden, wenn dieser Unsinn längst vergangen ist und sich kein Mensch mehr an #metoo erinnern kann. Die faszinierenden Frauenfiguren (jawohl, die gibt es!) in Roths Werk ignorieren Sie in ihrem Artikel völlig. Man fragt sich unweigerlich, ob Sie seine Bücher überhaupt hinreichend gelesen haben. Merry Levov, Consuela Castillo, Faunia Farley oder die linke Denunziantin Delphine Roux (an die ich mich, ihre Zeilen lesend, seltsamerweise stark erinnere) sind grandiose Charakterzeichnungen und gewiss keine Wichsvorlagen für alte geile Männer. Mein Gott, wie oft will man dieses dämliche Klischee über die großen amerikanischen Autoren des letzten Jahrhunderts noch wiederholen?! Wahrer wird es dadurch nicht. Leute, lest keine Nachrufe, lest Philip Roth!!!
kasulzke 23.05.2018
4. Herrje!
Philip Roth ist noch nicht mal kalt und schon wird sein Werk gefleddert. Hätte man sich ja auch mal zu Lebzeiten mit auseinandersetzen können. Grundsätzlich sind Frau Haemings Feststellungen gar nicht so falsch, aber die Schlussfolgerungen sind daneben. Wenn nur noch Literatur erscheint, die durch Ihre PC Zensurmaschine gelaufen ist, dann kann man das Lesen auch gleich bleiben lassen und sich anderweitig langweilen.
KircheimDorf 23.05.2018
5. Das wissende Lächeln
kommt immer danach. Das Interview atmet diesen Geist des besser wissenden Lächelns danach. Nichts ist dauerhaft . Schion gar nich ihr Kichern beim Lesen von Portnoys Beschwerden. Vielleicht hat es ihr gefallen, was sie gewlsen hat? Gerade die Besessenheit Portnoys ist doch ein Zeichen,. dass nicht alles in Ordnung ist? So auch die Erkenntnis mehr zu wissen als Roth. Ein wenig hilfts aber schon, da man die Amerikaner und unsere Reaktion darauf Roth besser einschätzen kann und die Peinlichkeit zu Trump, die einen überkommt, hört man nur seinen Namen. Nachrangige Kommentare werden nicht erklennen, dass der Antiamerikanismus auch mit Blick auf Roth propagiert wurde und nun in Trump und unsere Populisten seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nur das Sexuelle war auch bei den 68ern sehr wichtig.. Zufällig nur waren es weisse Männer, das wird sich bald ändern. Aber wir haben ja solche Interviews , damit wirs auch verstehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.