Finnisches Sommerdrama Im Keller steht schon das Wasser

Ein Sommer in Finnland - mit Kündigung, Sexsucht und Depression als Nebengeräuschen: Philip Teirs Roman "So also endet die Welt" ist ein Meisterstück über die schwer kalkulierbare Dynamik menschlicher Gefühle.

Sommerhaus in Finnland (Symbolbild)
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Sommerhaus in Finnland (Symbolbild)


Auf der Suche nach den fernen Echos seiner dort verbrachten Kindheit durchstreifte der Schweizer Paul Nizon 1971 in seinem Prosareigen "Im Hause enden die Geschichten" noch einmal die Zimmer und Mansarden des einst als Pension betriebenen Berner Bürgerhauses. Indem er das Gebäude als eine Art Organismus mitsamt seiner vielfältigen inneren Werdens- und Vergehensprozesse beschrieb, gelang Nizon eine faszinierende Metapher für das Leben selbst.

Auch im neuen Roman "So also endet die Welt" des Finnen Philip Teir kommt einem Haus die Rolle des heimlichen Protagonisten zu. Das Ferienhaus am Mjölkviken an der Westküste Finnlands wird zum Kristallisationspunkt vielfältiger wie faszinierender menschlicher Verwerfungen. Lebensentwürfe implodieren - und die Kinder Alice und Anton laufen vor ihren taumelnden Eltern Erik und Julia davon.

Julia, die ihre Rollen als Mutter und Ehefrau längst mit der Routine einer leise Enttäuschten abspult, ist Schriftstellerin - und findet allein im Schreiben jenen Halt, den Erik, der noch als IT-ler in einem Warenhaus in Helsinki arbeitet, als das Buch anrollt, ihr nicht mehr bieten kann: "Erik konnte nicht wissen, wie es war, sie zu sein. Zu fühlen, wie sie. Er konnte ihr die Einsamkeit nicht nehmen."

Denn auch Erik kämpft längst mehr oder weniger für sich allein. Als er überraschend die betriebsbedingte Kündigung bekommt, hält er diese zunächst vor Julia geheim, kümmert sich um die Kinder, geht mit ihnen ans Meer - und trinkt mehr, als ihm guttut. Denn was er nun mit seinem Leben anfangen soll, das weiß Erik nicht.

Wie schon in seinem furiosen Debütroman "Winterkrieg" von 2014, in dem Teir die Geschichte des Soziologen Max und seiner Frau Kariina als verzweifeltes Lavieren zwischen dem Streben nach Unabhängigkeit und der gleichzeitigen Sehnsucht nach Sicherheit beschrieb, erweist sich der 1980 geborene Finne auch in seinem neuen Buch als Meister der literarischen Vivisektion. Wie Skalpelle treibt er seine messerscharfen Sätze in die morschen Ehekörper, um offenzulegen, woran sie kranken oder weshalb sie nicht mehr funktionieren.

Gefangen wie die Fliege im Spinnennetz

Doch es wäre zu kurz gegriffen, Teirs Buch auf die Schilderung einer in Schieflage geratenen Ehe und Familie zu reduzieren. Vielmehr weitet er das Terrain seiner tiefenpsychologisch fundierten Sondierungen aus, indem er zunächst Julias einstige Jugendfreundin Marika mit ins Bild einfügt, die ihrerseits in der Ehe mit einem sexsüchtigen Weltverbesserer um Haltung ringt; denn bloß noch geduldet, muss sie mitansehen, wie Chris, ihr Mann, ungeniert dem Sex mit den weiblichen Anhängern seiner Weltverbesserer-Sekte frönt.

Zudem taucht irgendwann Eriks jüngerer Bruder Anders im Mjölkviken auf: ein lust- und ziellos durch die Welt stolpernder Schwächling, der in der im Nachbarhaus allein lebenden, von Depressionen geplagten Therapeutin Katie endlich eine verwandte Seele gefunden zu haben glaubt. Trotzdem bleibt auch er in sich gefangen wie eine Fliege im Spinnennetz.

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Philip Teir:
So also endet die Welt

Aus dem Finnlandschwedischen von Thorsten Alms

Blessing Verlag, München 2018. 300 Seiten, 15,99 Euro.

Sie alle schiebt Philip Teir, in dem nicht wenige Finnlands kommenden Meistererzähler sehen, wie Schachfiguren über das Spielfeld seines Sommerdramas - stets darauf bedacht, in ihren Aktionen dem Wesen des menschlichen Seins und Leidens eine Spur näherzukommen. Dabei gelingen ihm Sequenzen von bisweilen Strindbergscher Tiefe, die darum so bezwingend erscheinen, weil sie mit der Beiläufigkeit eines jahrzehntelang in Menschenstudium geschulten, kühl diagnostizierenden Forschers zum Ausdruck kommen: jede Entdeckung eine kleine, finstre Erleuchtung - jede dazu gemachte Äußerung ein weiterer Schnitt ins Fleisch des Gewohnten.

Über Julia heißt es einmal: "Sie dachte oft an Madame Bovary. Vielleicht war sie kein Stück besser als Emma Bovary, hatte dieselbe naive Sehnsucht. Aber war sie nicht zu alt, um sich fortzusehnen?" Ja, wahrscheinlich. Doch auch wenn das Unglück seiner Figuren am Ende erkannt - und für den Moment gebannt - scheint; an der Tatsache, dass ihr Kampf weitergehen wird, lässt Teir keinen Zweifel: "Es war so ein Tag, an dem er eine Wahrheit finden wollte", heißt es einmal über Erik: "Gefunden hat er sie nicht."

Bei Paul Nizon enden "im Hause die Geschichten", während in Teirs Roman seinen Bewohnern zuletzt, als der Keller mit Wasser aus dem nahen Teich vollläuft, nur die Flucht daraus bleibt. Ob sie sich dadurch retten können? Wir wissen es nicht.

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