Geschichte der Theoriebegeisterung Die Kinder von Suhrkamp und Merve

In den Sechzigern trat eine neue Textgattung zur Revolution an: Theorie wurde zum intellektuellen Schlüsselerlebnis und Autoren wie Adorno wurden zu Helden. Philipp Felsch ist dem Phänomen dieses emphatischen Lesens nachgegangen.

Ein Interview von Maren Keller

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Zur Person
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    Philipp Felsch, geboren 1972, ist Juniorprofessor für Geschichte der Humanwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Sachbuch "Der lange Sommer der Theorie" ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
SPIEGEL ONLINE: Herr Felsch, gibt es ein Buch, das für Sie ein intellektuelles Erweckungserlebnis war?

Felsch: In den Neunzigerjahren habe ich Michel Foucault entdeckt und angefangen, mich wie verrückt durch sein Gesamtwerk zu lesen. "Sexualität und Wahrheit", "Mikrophysik der Macht" - jedes einzelne Buch habe ich begeistert mit mir herumgetragen, bevor das nächste an die Reihe kam. Auf diese Art und Weise war ich ein, zwei Jahre mit seinem Werk unterwegs. Das war das intensivste Bildungserlebnis meines Studiums.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Der lange Sommer der Theorie" beschreiben Sie, wie ein junger Student zu Beginn der Sechzigerjahre während eines Ferienjobs am Fließband zum ersten Mal von Adornos Aphorismensammlung "Minima Moralia" hört und dieses Buch daraufhin die nächsten fünf Jahre mit sich herum trägt.

Felsch: Für mehrere Leser-Generationen in der Bundesrepublik war Theorie das intellektuelle Schlüsselerlebnis. Für mich in den Neunzigerjahren waren es die französischen Theoretiker. Für Leser in den Sechzigerjahren war es zum Beispiel Adorno. Mich hat interessiert: Wie kam es dazu, dass diese schwierigen Texte mit einer solchen Emphase und einer solchen Intensität gelesen worden sind? Und ich glaube, das kann man nicht allein beantworten, indem man sich auf die Inhalte bezieht und eine Ideengeschichte dieser verschiedenen Theorien schreibt, sondern das hatte viel mehr damit zu tun, wie diese Texte zirkuliert sind, wie diese Texte gebraucht worden sind, in welchen Lebenssituationen sie ihr existenzielles Gewicht haben entfalten können.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch ist also eine Gattungsgeschichte der Theorie.

Felsch: Ja. Unter Gattung verstehe ich im Grunde all das, was einem Text zu sozialem Leben verhilft - die Art der Bücher, die Erwartungen der Leser, die Strukturen der Gutenberg-Galaxis, in der er sich bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Adorno in dieser Gattungsgeschichte?

Felsch: Adorno war derjenige, der das neue Genre ganz entscheidend geprägt und etabliert hat. Dabei war er selbst erstaunt darüber, wie begeistert die bundesrepublikanischen Studenten in seine Vorlesungen gelaufen sind, nachdem er aus dem amerikanischen Exil zurückgekommen war. Es gibt eine berühmt-berüchtigte Briefstelle von Adorno, in der er an Löwenthal schreibt, es käme ihm vor, als sei der Geist der ermordeten Juden in die deutschen Studenten gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Zwei Theorie-Verlage spielen in Ihrem Buch eine wichtige Rolle. Suhrkamp natürlich. Aber die ungleich größere Rolle spielt der ungleich kleinere Merve-Verlag, der von eben jenem jungen Studenten am Fließband ein paar Jahre nach dem Ferienjob gegründet werden sollte. Warum haben Sie Merve gewählt, um an seiner Geschichte die Geschichte der Theorie entlang zu erzählen?

Felsch: Die Theorie hat sich in der Bundesrepublik von Anfang an als Gegen-Genre etabliert. Gegen die akademische Philosophie. Theorie hat sich immer auf Texte bezogen, die sich eben nicht mit metaphysischen Fragen beschäftigt haben, die nicht in dicken Folianten erschienen sind, die nicht in Seminaren und Vorlesungen gelesen wurden. Theorie war anti-akademisch. Sie wurde in Taschenbüchern verlegt, was bei Suhrkamp damals zu großen Diskussionen führte, ob man das überhaupt darf. Theorie war ein Genre, das angetreten ist, zu revolutionieren - auch den Bildungskanon und die Frage, was Bildung überhaupt ist. Merve wurde 1970 als sozialistisches Verlagskollektiv gegründet und brachte kleine, ganz bewusst minimalistisch gestaltete Bände heraus. Die Texte sollten kurz sein - als Ausdruck einer geistigen Lage, in der das große, systematische Philosophieren ausgedient zu haben schien. Und die Texte hatten einen Sound, dessen literarische Anklänge diese neue Art von Intellektualität bedient haben. Die Gattungsgeschichte der Theorie kann man entlang des Merve-Verlags besonders gut erzählen, weil er die Möglichkeiten ausreizte, die das neue Genre bot. Und weil er auch eine Fangemeinde und ein Freundeskreis war: ein Zusammenhang von begeisterten Lesern, die diese Obsession zu ihrem Beruf gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Diese Leser-Szene befand sich mitten im Milieu der Studentenbewegung. Wie haben sie den Widerspruch von Theorie und revolutionärer Praxis ausgehalten?

Felsch: Dieser Widerspruch ist das riesige Problem für alle linken Intellektuellen. Im Grunde schon seit es den Marxismus gibt. Aber ganz stark auch dann für die Theorie-Generation der Sechzigerjahre. Durch Theorie zur Praxis zu kommen, das war als selbstauferlegte Maxime ein double bind. Das führte zu den Frustrations- und Auflösungserscheinungen, die man dann nach den Jahren 1968/1969 beobachten kann.

SPIEGEL ONLINE: In den Siebzigerjahren änderte sich das Programm von Merve. Die neuen Theoretiker kamen nicht mehr aus Deutschland, sondern aus Frankreich. Wie kam es zu diesem Erfolg?

Felsch: Warum waren die französischen Intellektuellen so interessant für all jene, die sich vom Marxismus abwenden wollten? Ich glaube, das liegt daran, dass die französischen Intellektuellen selbst nach dem Zweiten Weltkrieg die besten Marxisten der westlichen Hemisphäre gewesen sind. Später entstand bei diesen Franzosen dann so etwas wie enttäuschte Liebe und sie wurden zu den entschiedensten Gegnern des linken Denkens. Die Philosophen und Theoretiker, die bei Merve in den Siebzigern verlegt und übersetzt worden sind, waren fast alles ehemalige Marxisten, die seit den Sechzigern daran arbeiteten, ein Denken zu erfinden, das mit den marxistischen Denkfiguren einer dialektisch organisierten, auf ein vernünftiges Ziel zusteuernden Geschichte bricht. Deswegen wurden sie als Antidot gelesen. Etwas Vergleichbares gab es in Deutschland nicht.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig löst sich die enge Allianz von linker Politik und Theorie. Zu welchen neuen Allianzen kommt es?

Felsch: Das ist auch eine Entwicklung, die man im Zusammenhang mit der Enttäuschung über die nicht erfolgte Revolution verstehen muss. Es gab ein ganz breites Spektrum innerhalb der Linken, die sich vom Gestus der Theorie per se verabschiedeten. Die Grünen wurden gegründet. Umweltschutz wurde zum Thema. Die neuen Formen von politischem Aktivismus setzten nicht mehr auf große Gedankengebäude und so eine massive, spekulative Fantasie, sondern waren eher aktionistisch, alltäglich, pragmatisch. Diejenigen Linken, die weiter Theorie machen wollten und am Gestus des schwierigen Denkens festhielten, wanderten in die Kunstwelt ab. Wenn man sich die einschlägigen neuen Theoriejournale der Achtzigerjahre anguckt, fällt auf, wie aufwendig sie gestaltet sind und wie Kunst und Theorie auf eine ganz neue Art und Weise abgemischt werden. Theorie floriert vor allem im Bereich der bildenden Künste - dort hat sie ihr natürliches Zuhause gefunden. Und das ist heute noch immer so.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Gattungsgeschichte endet mit dem Jahr 1989 - warum?

Felsch: Ich hätte die Geschichte auch weiter erzählen können, den Merve Verlag hat es schließlich weiter gegeben, sehr erfolgreich sogar. In den Neunzigern haben sie angefangen Hardcover heraus zu geben. Ich glaube aber, dass sich die goldene Ära des Merve-Verlags in den Achtzigern abgespielt hat. In den Neunzigerjahren kommt die Theorie peu à peu auch in Deutschland in den Universitäten an. Die Zeitschrift "Texte zur Kunst", die den Theoriediskurs in den Neunzigern fortführt, war beispielsweise von vorne herein viel dichter an der Akademie, an der Universität gedacht. Da findet man schon in den ersten Heften Interviews mit wichtigen deutschen Professoren. Bei Merve wäre das undenkbar gewesen. Der Unterschied zwischen Theorie und Philosophie wurde tendenziell wieder eingeebnet, das Genre verlor seine Brisanz, auch weil mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus ein letzter globaler Möglichkeitshorizont abhanden kam. Deswegen scheint mir 1990 ein guter Zeitpunkt zu sein, um diese Geschichte zu beenden. Der lange Sommer neigte sich zum Herbst der Theorie.


Philipp Felsch: "Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960-1990." C. H. Beck, München; 327 Seiten; 24,95 Euro.

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insgesamt 2 Beiträge
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Maya2003 11.03.2015
1.
68 haben sie Adorno gelesen und von der Revolution geträumt, tausende Seiten schöne Gesellschaftskritik und Theorie gelesen. Und heute ? Heute retten sie Banken und beschenken uns mit H4.
Trolf77 11.03.2015
2.
Heutzutage interessiert sich eigentlich niemand mehr für irgendwelche Theorien. Das Jahr 1990 markiert den scheinbar endgültigen Sieg eines Systems, das danach nicht mehr in Frage gestellt wurde. Das Nachdenken über gesellschaftliche Zustände verödete, gerade in akademischen Kreisen, danach komplett. Kapitalistische Wertnormen bilden heute einen absoluten Maßstab. Rein intellektuell haben wir derzeit eine Art Mittelalter, eine Erstarrung. Das wird selbstverständlich der Grund sein für den langsamen, aber unaufhaltsamen Abstieg Europas. Denn innerhalb des selbstgewählten Denkgefängnisses sind wir gegen andere Weltregionen langfristig chancenlos. Wollen wir obenauf bleiben, sollten wir uns mit solchen Theorien beschäftigen, und zwar intensiv.
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