Bedeutender Intellektueller Walter Jens ist tot

Er war einer der prägenden Intellektuellen der westdeutschen Nachkriegsgeschichte: Der Rhetorikprofessor Walter Jens mischte sich streitbar in Debatten ein - war zuletzt aber verstummt. Seine Familie machte seine Demenzerkrankung öffentlich. Nun ist er nach Angaben seines Sohnes mit 90 Jahren gestorben.

DPA

Tübingen/Hamburg - Der Philologe Walter Jens ist im Alter von 90 Jahren am Sonntagabend in Tübingen gestorben. Das sagte sein Sohn Tilman Jens am Montag der Nachrichtenagentur dpa.

Als Schriftsteller, Übersetzer, Literaturhistoriker und Kritiker mischte sich Jens in das kulturelle und politische Geschehen der Bundesrepublik ein - er galt als einer der prägenden Intellektuellen des Landes.

Intellektuelle müssten sich einmischen und warnen, lautete sein Credo. Der gläubige Christ galt als die Verkörperung des klassischen "homme de lettres" und war gleichzeitig ein engagierter Radikaldemokrat in Gestalt des belesenen Denkers.

Jens demonstrierte gegen die Nachrüstung in der Bundesrepublik ebenso wie gegen den Irak-Krieg und meldete sich auch zur Rechtschreibreform und zur deutschen Einheit zu Wort.

Geboren wurde Walter Jens am 8. März 1923 in Hamburg. Ab 1933 besuchte er das Gymnasium und legte das Abitur kriegsbedingt bereits 1941 ab.

1947 debütierte Jens unter Pseudonym mit der Erzählung "Das weiße Taschentuch", in der er die traumatischen Erfahrungen der Diktatur künstlerisch zu gestalten versuchte. 1950 stieß er zur Gruppe 47; im selben Jahr gelang ihm der Durchbruch als Erzähler mit dem utopischen Roman "Nein. Die Welt der Angeklagten".

Es folgten verschiedene Romane, Essays und Vorträge, Homers "Ilias" und "Odyssee" erzählte er 1958 in zwei Jugendbüchern nach. Später räumte er selbstkritisch ein, dass sein schriftstellerisches Talent über die Beherrschung des Handwerks nicht hinausgegangen sei.

Zusammen mit seiner Frau Inge veröffentlichte er 2003 "Frau Thomas Mann", die facettenreiche Lebensgeschichte von Katharina Mann, für die das Autoren-Ehepaar auch bisher unbekannte Dokumente ausgewertet hatte. Zwei Jahre nach ihrem Erfolgsbuch ließen Jens und seine Frau unter dem Titel "Katias Mutter" die Biografie von Thomas Manns Schwiegermutter Hedwig Pringsheim folgen, die nach einer kurzen Karriere als Schauspielerin einen reichen Kunstmäzen und Privatdozenten geheiratet hatte und in den Münchner Geld- und Gelehrtenadel aufgestiegen war.

Von 1963 bis 1988 hatte Jens den bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik an der Eberhard-Karls-Universität-Tübingen inne. Von 1976 bis 1982 war er Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik.

Im Mai 1989 wählte die Berliner Akademie der Künste Jens zu ihrem Präsidenten. In einer Presseerklärung vom Juli 1990 verwahrte sich Jens angesichts der deutschen Wiedervereinigung gegen eine Zwangsvereinigung mit der Akademie der Künste der DDR. Anfang Februar 1992 jedoch fasste die Künstlervereinigung unter seiner Federführung den Beschluss, sich mit der durch Neuwahlen umstrukturierten Akademie der Künste der DDR unter der Präsidentschaft des Dramatikers und Regisseurs Heiner Müller zu vereinen. 1997 legte Jens die Präsidentschaft nieder.

Im November 2003 sorgte die Angabe im von Christoph König herausgegebenen "Germanistenlexikon", Jens sei Mitglied der NSDAP gewesen, für Aufsehen. Walter Jens bestritt zunächst die Mitgliedschaft, warf dem Herausgeber mangelnde Sorgfalt vor und forderte ein Obergutachten. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sagte er, er könne sich nicht erinnern, je einen Mitgliedsantrag gestellt zu haben, während der SPIEGEL am gleichen Tag Mitgliedskarten aus der NSDAP-Kartei mit Jens' Namen präsentierte. Angesprochen auf von nationalsozialistischer Ideologie inspirierte Schulaufsätze und eine Rede über "entartete Literatur", die er als Mitglied des NS-Studentenbundes 1942 gehalten hatte, bedauerte Jens, dass er nach dem Krieg die eigenen "Irrtümer nicht entschiedener, differenzierter und nachdrücklicher" betont habe.

Walter Jens war seit 1951 mit der Literaturwissenschaftlerin Inge Jens verheiratet. Die Söhne Tilman und Christoph sind beide im Medienbereich tätig.

Bei Jens, der immer wieder an depressiven Schüben litt, zeigten sich 2003 erste Symptome einer Demenz, weshalb er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückzog. In einem Gespräch im "Stern" äußerte Jens, der immer wieder für eine aktive Sterbehilfe plädiert hatte: "Nicht mehr schreiben zu können, heißt für mich: Nicht mehr atmen zu können. Dann ist es Zeit zu sterben. Dann möchte ich tot sein."

feb/sha/dpa



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