Philosophie für Kinder Kann ein Fußboden träumen?

Die Kleinen machen sich große Gedanken: Kinderphilosophie boomt. Die Veranstaltungsreihe "Gedankenflieger" startet diese Woche, lässt den Nachwuchs mit Aristoteles in Wettstreit treten und animiert ihn zum Phantasieren, Fabulieren und Nachgrübeln.

Gedankenflieger-Veranstaltung: "Warum ist Gewinnen so schön?"
Miriam Holzapfel-Groothuis

Gedankenflieger-Veranstaltung: "Warum ist Gewinnen so schön?"

Von Nora Reinhardt


Angefangen hat eigentlich alles mit einem blauen Buch. Darauf war eine Weltkugel zu sehen und eine Person mit Leiter. Das Buch war von Jostein Gaarder, und "Sofies Welt" wurde in den Neunzigern ein Welterfolg. Darin ging es um das Mädchen Sofie, das die verschiedenen Epochen und Ideen der Philosophen kennenlernt, es war ein Philosophiekurs für Kinder zwischen zwei blauen Buchdeckeln. Seitdem boomt das Philosophieren mit Kindern: Es gibt sogenannte Kinderunis, in Nordrhein-Westfalen wird seit sechs Jahren "Praktische Philosophie" unterrichtet, es gibt Fachtagungen und ein Institut für Kinderphilosophie.

Nicht zwischen zwei Buchdeckeln, sondern in vier Wänden findet das "Philosophieren mit Kindern" in Hamburg statt; diese Woche in einer Turnhalle. Philosophie zwischen Klettergerüst, Basketballkorb und bunten Bodenmarkierungen. Denn das Thema lautet: "Weiter, höher, schneller: Warum ist Gewinnen so schön?" Die Kinderphilosophin Kristina Calvert wird zu einem grünen Buch greifen, auf dem Cover ein Frosch und eine Kröte beim Angeln, ein Klassiker der Kinderliteratur: "Das große Buch von Frosch und Kröte" von dem US-Amerikaner Arnold Lobel aus den siebziger Jahren.

"Hier kommt die beste Kröte der Welt" wird der Auftritt der Kröte angekündigt, sie spielt virtuos und fehlerfrei Klavier, spaziert elegant auf dem Hochseil, tanzt begnadet Ballett. Ihr Freund, der Frosch, kann all das nicht und wird beim Zusehen immer kleiner. "Wie kommt es, dass der Frosch in seinem Sitz immer kleiner wird", wird Philosophin Calvert das Gespräch beginnen um mit den Schulkindern in einen Dialog zu kommen.

Wieso wollen wir die Besten sein? Wieso bekommt man beim Gewinnen Glücksgefühle? Was ist Macht? Und wieso will man sie nicht wieder verlieren? Über diese Fragen sollen die Kinder gemeinsam sinnieren, sie sollen ihre Erfahrungen miteinander abgleichen, ihre Theorien formulieren und nachgrübeln. Calvert geht es dabei weniger darum, am Ende eine wasserdichte Begriffsdefinition für "Macht" zu bekommen, sie will "sich Zeit nehmen für Gespräche über Sinnfragen mit den Kleinen".

Drei solcher Nachmittage bietet Kristina Calvert mit dem Literaturhaus Hamburg im Jahr 2009 unter der Reihe "Gedankenflieger" an. Weitere große Fragen: "Was ist Freundschaft?" und "Wer hat mich erschaffen?"

Wichtig ist für die 48-jährige Kristina Calvert, die über Philosophie für Kinder promovierte und seitdem als Kinderphilosophin tätig ist, dass die Diskussion offen bleibt und nicht zielgerichtet ist. Philosophie stelle immer die Frage: "Was ist das Wesen von…?" und versucht, die eigenen Gedanken so plausibel wie möglich darzulegen, es gehe nie um ein Falsch oder Richtig, so Calvert. Bei den Diskussionen hilft ihr ein Experte zum jeweiligen Thema: ein Sportler, ein Freund, ein Pfarrer.

Spielerisches Nachdenken

Sie wolle mit ihren Veranstaltungen keine kindgerechte Philosophiestunde halten, so Calvert. Also nicht Sokrates, Aristoteles, Russell und Hegel in kindgerechte Sprache übersetzen. "Ich mache nicht Kant für Kleine. Ich möchte Kinder zur Tätigkeit des Philosophierens anregen." Ziel sei also keine Verbildung im Kindesalter für kleine Pauls und Zoés mit weißen Polohemdkrägen, sondern ein spielerisches Nachdenken und wildes Fabulieren zu einem gesetzten Thema, um den Kindern "Weltorientierung" zu geben. Zwar kommt die Philosophin nicht ganz ohne die großen Philosophen aus, und wirft auch mal Thesen von Aristoteles in den Raum, aber es geht eher um deren Gehalt, als um das Namedropping. "Drei Arten von Freundschaft" unterschied Aristoteles vor 2350 Jahren in seiner "Nikomachischen Ethik": Es gebe einen "besten, einen nützlichen und einen angenehmen Freund" - den Gedankenflieger-Kindern soll diese Aussage helfen, über das Wesen von Freundschaft nachzudenken.

Klar, dass beim Philosophieren mit Kindern erfrischende Gedanken und furiose Logik-Gebilde nicht ausbleiben. Calvert erinnert sich gern an wahnwitzige Gedankenspiele: Kann ein Fußboden träumen? Und sind Sterne glücklich? Vermutlich schon.


Gedankenflieger. Philosophieren mit Kindern. Ab sieben Jahren, Kosten: 2 Euro. Infos: Literaturhaus Hamburg, Tel. 040/22 70 20 14, am 8.10., 26.11. und 8.12. an diversen Veranstaltungsorten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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Websingularität 05.10.2009
1. Geteilter Meinung
Kann ein Fußboden träumen? Können andere Menschen auch denken? Sind Politiker Menschen? Philosophie ist wichtig und wird zu oft unterschätzt. Besonders in jungen Jahren, damit sich die neue Generation nicht zu den gleichen Egoisten entwickelt wie die Vorigen. Trotzdem sehe ich da eher den Anspruch der Eltern. Wenn Kinder nicht von sich aus lernen wollen (z.B. 'Sophies Welt'), dann lernen diese sowieso nichts. Ehrgeizige Eltern stehen sowieso im Widerspruch zu jeder Vernunft. Ein philosophisches Paradoxon.
denkmal! 05.10.2009
2. Kann Wahrheit wahr, aber nicht RICHTIG sein...?
Passt mal schön auf, dass Kinder nicht ECHT in's philosophieren kommen! Sonst fällt ihnen auf, dass unsere Welt - wie sie von Erwachsenen hingestellt wurde - ein höchst unphilosophischer Schrotthaufen ist. Sobald sie erwachsen sind... Aus Erfahrung mit meinen Kindern weiss ich, das sie EIGENTLICH die Welt zuerst von der philosophischen Seite verstehen wollen. Sterne, Erde, Leben - woher kommen wir überhaupt? Und WER regelt das alle? WOHER hat die Natur ihre Gesetze? WER bin ich überhaupt? WOZU das Ganze? GOTT war sicher eine Erfindung von Kindern - aus der Erwachsene Religion machten. SPRACHE war ein phantastischer Kinderstreich, wider den sprachlosen Erwachsenen - aus der diese später die LOGIK machten. Diese aufgeblasene LOGIK - sprich Philosophie - zur allgemeinen Zerfledderung Kindern vorzuwerfen, ist HÖCHSTE Zeit! Aristoteles hätte sonnenhelle Freude an ihnen! Ein Blick aus dem Schulzimmerfenster zeigt doch, wie UNRICHTIG die WAHRHEIT der Erwachsenen ist. Wie WAHR und wie FALSCH zugleich! PS. Natürlich kann ein Fussboden NICHT träumen! Was soll der Quatsch?
Kindernews 05.10.2009
3. Philosophier-Seiten in der Kinderzeitschrift Hoppla
Im Kindermagazin Hoppla gibt es bereits Seiten zum Philosophieren. Das Magazin ist für Kindergartenkids im Alter von ca. 3-6 Jahren. In der Oktober-Ausgabe geht es um das Thema "Woher kommt die Angst?". Das Thema ist in einem Cartoon zum Vorlesen verpackt und es gibt Anregungen zum Diskutieren zwischen Eltern und Kind. Das Magazin erscheint im Nürnberger Sailer-Verlag. Infos unter www.kinderzeitschriften.de
Rolli Devise 05.10.2009
4. Philosophie für Kinder
Ich empfehle den folgenden (englischsprachigen) Text zum Thema: "Philosophy for Children" http://plato.stanford.edu/entries/children
Schnabeltier 05.10.2009
5. .
Da hätte ich auch mal eine philosophische Frage: Muss man jeden Pups der kindlichen Entwicklung zur Atombombe aufbauschen? Mal ganz im Ernst: Jeder, der Kinder hat und sich ihnen gegenüber nicht völlig autistisch verhält, weiß, dass solche Fragen bei Kindern an der Tagesordnung und *völlig normal* sind. Dafür brauchts keine Kinder-Uni, kein Baby-Philosophie-Seminar und auch keine Pre-Babble-Fachliteratur. Nein, es braucht einfach "nur" Eltern, die ihrem Kind zuhören und mit ihm normal reden. Ohne Utzi-Dutzi-Teddybärchi und so. Kinder sind einfach *normal*. Man kann ganz *normal* mit ihnen reden. *Normale* Kinderbücher betrachten, *normal* am Sonntag Nachmittag durch den Wald spazieren gehen, *normal* Sandmännchen schauen, *normal* Hänschenklein singen. Geht alles ohne Kinder-Uni, PEKiP-Kurs, Philosophie für Vorschulkinder, Chinesisch für Krabbelkinder, Eltern-Kind-Outdoor-Seminare, Geigenunterricht für 1-jährige und was es nicht alles für Angebote gibt. Ach nee, wir wollen ja keine normalen Kinder. Wir wollen ja erfolgreiche Kinder. Hoffentlich gibts nachher genügend Jobs für all die hochqualifizierten Nachwuchsuniversalgenies. Das Loch, in das die fallen, wenn sie nach lebenslanger Prägung mal keinen überbordenden Terminkalender haben, wird verdammt tief sein. Ich schick mein Kind schon mal gleich zum Frühstudium: In Psychologie :-)
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