Plagiatsvorwurf gegen Zaimoglu Zwei Romane mit derselben Matrix?

Plagiat oder Zufall? Der deutsch-türkische Autor Feridun Zaimoglu hat einen Roman geschrieben, der anscheinend deutliche Parallelen zu einem 14 Jahre älteren Buch aufweist. Zaimoglu wehrt sich gegen den Plagiatsvorwurf - und will jetzt einem eigenen Verdacht nachgehen.

Von Arndt Breitfeld


Köln - "Ich habe es nicht auf eine Klage abgesehen. Ein Gericht ist nicht der Ort, wo so etwas verhandelt werden sollte, ich wünsche mir das wirklich nicht" sagte Feridun Zaimoglu zu SPIEGEL ONLINE. Trotzdem habe sein Anwalt die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar "gebeten, ihre haltlosen Behauptungen zu widerrufen. Das ist ein Akt der Selbstverteidigung." Özdamar hatte ihn beschuldigt, bei ihr abgeschrieben beziehungsweise ihre Lebensgeschichte gestohlen zu haben: Denn ihr Buch, das dem seinen so ähneln soll, ist autobiografisch. Özdamar hat verwirrend viele Ähnlichkeiten gesehen. Zu viele, findet sie. 

Feridun Zaimoglu: Plagiatsverdacht gegen seinen Roman "Leyla"
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Feridun Zaimoglu: Plagiatsverdacht gegen seinen Roman "Leyla"

Die zwei Bücher sind beide beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Zaimoglus "Leyla" im Februar dieses Jahres, Emine Sevgi Özdamars Buch mit dem handlichen Titel "Das Leben ist eine Karavanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus" erschien 1992. 14 Jahre liegen zwischen den Lektoraten der Bücher, eine Zeitspanne, die durchaus erklärt, warum dem Verlagsleiter von Kiepenheuer & Witsch, Helge Malchow, die Ähnlichkeiten nicht unbedingt auffallen mussten. Malchow betreute beide Bücher.

Emine Sevgi Özdamar, in der Türkei geboren und seit Mitte der Sechziger in Deutschland, bekam für die "Karawanserei" den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis, das Buch verkauft sich immer noch gut. Auch Feridun Zaimoglus "Leyla" wurde von den Kritikern gelobt. Der 42-jährige Zaimoglu lebt seit seinem siebten Lebensjahr in der Bundesrepublik; sein Buch "Kanak Sprak" von 1995 prägte auch den gleichnamigen Begriff für den türkisch-deutschen Soziolekt. Schleswig-Holstein ehrte ihn als einen der wichtigsten jüngeren deutschsprachigen Autoren der Gegenwart.

Eine Literaturwissenschaftlerin, die anonym bleiben möchte, verglich Anfang des Jahres in einer unveröffentlichten Studie die beiden Werke wissenschaftlich miteinander. Die erstaunlichen Ergebnisse fielen dann Journalisten in die Hände. Tatsächlich sind die Ähnlichkeiten dem Anschein nach frappierend, wie etwa die "Frankfurter Rundschau" aufzählt: Beide Werke handeln von einem Mädchen in der türkischen Stadt Malatya der fünfziger und sechziger Jahre, das sich schließlich von den eigenen Traditionen löst. Als die beiden fiktiven Mädchen in den unterschiedlichen Erzählungen zum ersten Mal ihre Periode bekommen, werden sie geohrfeigt. Später werden beide in eine Kammer gesperrt, in der einen riecht es nach Lavendel, in der anderen nach Melonen. In der "Karawanserei" versucht sich die Protagonistin mit Gas zu töten; in "Leyla" ist es die Schwester.

Bei Özdamar behauptet der Vater, eine Spinne in seiner Hand sei der tote Bruder. Bei Zaimoglu denkt Leyla an ihren verstorbenen Bruder und klopft sich im selben Augenblick eine Spinne vom Schoß. In beiden Romanen werden die Namen berühmter Hollywoodstars verdreht: hier ist es "Humprey Pockart", dort "Kessrin Hepörn". Beide Hauptfiguren fahren letztlich mit dem Zug nach Berlin und einer ungewissen Zukunft entgegen.

Hochgradige Ahnungslosigkeit und Unkenntnis

Die Parallelen, die die wissenschaftliche Arbeit aufdecken möchte, sind für Zaimoglu oberflächlich: Gegenüber SPIEGEL ONLINE unterstellte er der anonymen Autorin "eine hochgradige Ahnungslosigkeit und Unkenntnis. Man müsste erwarten können, dass sie sich mit der kulturellen Matrix aus Aberglauben und Alltagspraktiken auskennt und sie nicht falsch einschätzt". Die Motiv- und Detail-Ähnlichkeiten als Ergebnis eines gleichen kulturellen Hintergrunds? Auch für den Verlagsleiter Helge Malchow ist dies denkbar: "Beide Bücher schöpfen aus einem ähnlichen Reservoir an Erfahrungen und Ereignissen" heißt es in seiner Stellungnahme.

Der Autor habe dem Verlag versichert, keine bewussten Imitationen oder Kopierungen vorgenommen zu haben. Der Verlag sehe daher keine Veranlassung, dem Autor das Vertrauen zu entziehen. Die Ähnlichkeiten der beiden Werke seien gar nicht so offensichtlich: "Die zahlreichen ähnlichen Motive und Topoi in den zwei Büchern stehen in jeweils anderen Kontexten, und es gibt keine wörtlichen Übereinstimmungen. Auch nach Ansicht unseres Anwalts liegt im juristischen Sinne keine Urheberrechtsverletzung vor", sagte er in einem Interview in der "Welt am Sonntag".

Emine Sevgi Özdamar gibt keine Interviews, auch nicht in diesem Fall. Zaimoglu hingegen gibt sich siegesgewiss und offen: Er behauptet weiterhin, dass er das Buch von Özdamar nie gelesen habe; sein Roman basiere auf dem, "was meine Mutter mir in wochenlangen Sitzungen auf Türkisch erzählt hat", sagte der Autor SPIEGEL ONLINE. Auch nach den Plagiatsvorwürfen habe er das Buch von Özdamar nicht angefasst: "Ich habe es bisher nicht gelesen, ich gehe nur von den Zitaten der Literaturwissenschaftlerin aus."

Lebensgeschichte als Dämonenaustreibung

Auch die Vermutung, dass seine Mutter ja Özdamars Buch gelesen und mit ihren eigenen Erinnerungen verwoben haben könnte, die sie ihrem Sohn dann als die eigene Geschichte präsentiert habe, weist Zaimoglu empört von sich: "Das Erzählen war für meine Mutter eine Dämonenaustreibung. Sie hat ihr Leben oft als sinnlos empfunden. Erst das Buch hat ihrem Leben einen Sinn gegeben." Dass er mit ihrer Lebensgeschichte nun unter Plagiatsverdacht stehe, habe sie "sehr schwer getroffen. In ihrer Würde und ihrer Ehre als Frau, wenn man das direkt aus dem Türkischen übersetzt".

Es bleiben die Tonbänder als Beweismittel. Feridun Zaimoglu ist bereit, sie vorzulegen, wann immer es gefordert werde: "Ich habe eine Offenlegung der Quellen in Aussicht gestellt." Einen festen Termin gebe es aber nicht. Das Ganze sei schließlich aufwändig: Man brauche einen neutralen Übersetzer, der sich mit den Kassettenaufnahmen auseinandersetzt. Zaimoglu kündigte gegenüber SPIEGEL ONLINE noch eine spannende Wendung in der Geschichte an: "Ich nehme Bezug auf die biografischen Daten meiner Mutter in den Zitaten der Germanistin: Ich habe einen Verdacht, dem ich nachgehen werde. Aber dazu kann ich noch nichts sagen."



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