Polit-Denker Dath Mit dem Kopf gegen den Kapitalismus

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2. Teil: "Marx nennt das Sozialismus."


Die vorherrschende, vereinfacht wiedergegebene Deutung lautet: Das System ist in Ordnung, es wurde bloß von der Gier und Verantwortungslosigkeit einzelner Lehman-Brüder und Heuschrecken gesprengt.

"Das Verlogene an dieser Deutung", sagt Dath, "und lassen wir das Intellektuell-Putzige mal weg, ist: Zeigen Sie mir jenen Verwalter von Vermögen, der nicht jede Gelegenheit nutzt, sein Kapital zu vergrößern. Die Funktion der kapitalistischen Wirtschaft besteht ja nicht darin, Fahrräder zu produzieren oder iPods, sondern aus einem Haufen Geld mehr Geld zu machen."

Das ist jetzt leider doch ein bisschen langweilig. Das wissen wir. Kapitalismus ist böse.

"Nein", sagt Dath. Nein?

"Selbst die Gegner des Kapitalismus müssen anerkennen, dass er gegenüber dem Mittelalter viel sozialen Fortschritt gebracht hat: Wohnungen, Medizin, Eisenbahn." Kapitalismus ist nämlich eigentlich doch gut, sagt ein Marxist. Schlauer Move. Aber jetzt wirkt er plötzlich gelangweilt. Dann bringt er Schwung ins Gespräch.

"Wenn Müntefering also die sogenannten Heuschrecken erziehen will, ist das eigentlich viel größenwahnsinniger als alles, was der radikalste marxistische Schreier sagt: Marxisten wollen nicht den Hang zum Eigennutz loswerden. Sie wollen eine Ordnung, in der keiner mehr etwas davon hat, fies und dumm zu sein."

Dietmar Dath hat sich, wie es Marxisten eben tun, schon vor der finalen Erschütterung des kapitalistischen Systems sehr konkret mit dessen Unzulänglichkeiten beschäftigt. In "Maschinenwinter", erschienen im April vergangenen Jahres, schrieb er:

"Selbstverständlich ist eine Gesellschaft obszön, in der Zahlungsmittelengpässe, Liquiditätskrisen und Bankenbeben vorkommen, weil plötzlich deutlich wird, dass Kredite, die man armen Amerikanern aufgeschwatzt hat, damit sie sich Eigenheime kaufen, die sie sich unmöglich leisten können, tatsächlich nicht zurückgezahlt werden."

Was obszön ist, kann ruhig zugrunde gehen: Also müsste Dath die Finanzkrise begrüßen.

"Nein", sagt er, "es ist ja keineswegs so, dass die Zunahme von Elend den revolutionären Geist anstachelt. Je mehr Angst die Leute um Lohn und Brot haben, desto lauter heißt es: Wir sitzen alle in einem Boot. Dann passiert, was die SPD schon bei Anbruch des Ersten Weltkriegs gemacht hat: Wir schließen jetzt Burgfrieden, weil es ernst ist. Jetzt ist Deutschland in Gefahr. Traurig."

In Wirklichkeit, auf dem Tonband, war Daths Antwort natürlich viel länger. Sie begann mit der Linkspartei, mit der Dath aus unverständlichen Gründen sympathisiert, lief über die SPD, die Dath verabscheut, und ihrer Rolle zu Beginn des Jahrhunderts. Sie kam auf den Sinn von systemischer Kritik, erörterte, wie die Globalisierung nationale Revolutionen verhindert und endete, sehr interessant, mit den Unterschieden zwischen spanischen und deutschen Lastwagenfahrern.

Für alle, die - was so verständlich wie bedauerlich ist - sich nicht die Mühe machen wollen, Daths Romane zu lesen: Diese Antwort ist eine ziemlich aussagekräftige Miniatur dessen, was einen dort erwarten würde.

Dath umreißt diesen nie ironisch oder postmodern gemeinten Themenmix mit den Begriff "die ganze Welt meinen". Er möchte eine eher gegenwarts- und in jüngster Zeit immer häufiger: vergangenheitsorientierte realistische Literatur abgelöst sehen durch Texte, die sich mit Zukunft und Spekulation befassen. Und wenn schon mit der Gegenwart, dann in ihrer höchstmodernen Ausprägung, denn nur dann könnten literarische Texte eine politisch relevante Wirkung entfalten.

Abschaffung des kapitalistischen Systems

Das ist in ihrer Ausrichtung nach vorne eine marxistische Position, und wie alle marxistischen Positionen ist sie natürlich anfechtbar (die Fans von Flaubert, Fontane, Ibsen oder Plenzdorf zum Beispiel werden immer auf der subtilen politischen Wirkung der Texte dieser Autoren bestehen).

Will Dath also die Abschaffung des kapitalistischen Systems mit seiner Literatur mit herbeiführen?

"Absolut", sagt Dath, und fast ist man ein bisschen erschrocken. Wer will das denn heute noch und außerdem: Und dann?

Dath zögert keine Sekunde. Er muss diese Frage, die ja eigentlich unbeantwortbar ist, schon tausendmal pariert haben.

"Dann kommt ein System der gemeinschaftlichen, arbeitsteiligen, demokratischen Produktion auf dem Stand der höchstentwickelten Technik. Marx nennt das Sozialismus."

Jetzt hat man ihn! Und zwar mit dem stumpfsten, abgedroschensten, reaktionärsten Argument, das einem SPIEGEL-Redakteur so einfällt: War es nicht das, was gerade erst vor 20 Jahren untergegangen ist? Bums.

Was tun, Dietmar Dath?

Leider zögert er wieder keine Sekunde. "Die bürgerliche Demokratie hat auch ein paar Anläufe gebraucht. Zunächst mal ist sie in Frankreich im Blut ersoffen, alle haben sich gegenseitig geköpft. Und doch leben wir heute nicht mehr wie vor 1789, sondern eher so, wie es die bürgerlichen Revolutionäre wollten. Es ist Zeit für die nächste Stufe."

Daran, dass diese nächste Stufe bald erreicht wird, hat Dath auch an diesem Tag schon gearbeitet. Er ist um fünf Uhr morgens aufgestanden, hat von sechs bis acht geschrieben und, wie er sagt, "ganz schön was weggemacht". Eine Rosa-Luxemburg-Biografie ist fertig, der nächste Roman in Arbeit, es müsste sein elfter in 13 Jahren sein.



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