Polit-Denker Dath Mit dem Kopf gegen den Kapitalismus

Nichts ist simpler, als Dietmar Dath doof zu finden: Er macht es einem schwer beim Lesen, er ist ausschweifend und belehrend, und in seiner Literatur kommen Zombies vor. Aber er ist Deutschlands einziger Jung-Autor mit Haltung - und sehr interessanten Argumenten für den Sozialismus.

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Der Frankfurter Taxifahrer hat vom Suhrkamp Verlag noch nie gehört, die kleine Lindenstraße im Westend kennt er auch nicht. Vielleicht ist es wirklich Zeit, dass der Verlag Frankfurt verlässt, das bringt ja so nichts, das wäre ja in der alten Bundesrepublik undenkbar gewesen, dass man in Frankfurt nicht weiß, wo der Suhrkamp Verlag ist.

Mit Hilfe des Navigationsgeräts an der Windschutzscheibe findet der Fahrer schließlich fluchend Deutschlands einstmals bedeutendsten Buchverlag. Wie unspektakulär dieser Sechziger-Jahre-Bau doch jedes Mal wieder aussieht. Immerhin, hinten im Hof steht der alte Jaguar von Ulla Berkéwicz, der umstrittenen Verlegerin, der letzten Frau von Siegfried Unseld, und sorgt für ein bisschen Atmosphäre. F-SU steht auf dem Kennzeichen. SU für Suhrkamp? Oder SU für Siegfried Unseld?

Drinnen in einem riesigen Konferenzsaal im Erdgeschoss wartet Dietmar Dath, ein langer Konferenztisch, dahinter an der Wand Warhols Porträt von Siegfried Unseld.

Dath, 38, ehemals "Spex"-Chef- und "FAZ"-Kulturredeakteur, ist sicherlich der umstrittenste jüngere deutsche Schriftsteller, manche sagen auch: der interessanteste. Nicht alle mögen ihn. Eigentlich mögen ihn viele nicht. Die deutsche Literaturkritik ist ziemlich genau mittig gespalten in der Beurteilung seines jüngsten Romans "Die Abschaffung der Arten". Die eine Hälfte ("Frankfurter Allgemeine", "Die Zeit") findet ihn genial, wenn auch schwer lesbar; die andere ("Süddeutsche", "tageszeitung") findet ihn ganz unerträglich, wenn auch interessant.

Diese, in dieser Deutlichkeit im Literaturbetrieb seltene Meinungsverschiedenheit brachte Dath mit dem Buch unter die letzten sechs Kandidaten für den Deutschen Buchpreis, und vielleicht hätte er ihn sogar gewonnen, wenn nicht Daths Suhrkamp-Kollege Uwe Tellkamp mit seinem "Turm" alles weggefegt hätte.

"Die Abschaffung der Arten" ist ein sonderbares Buch, um das Wenigste zu sagen. Es spielt weit in der Zukunft, und seine Protagonisten sind eine nahezu unüberschaubare Anzahl von telepathisch sprechenden und sich selbst klonenden Tieren, die auf knapp 600 Seiten furchtbar komplizierte Probleme aus Forschung, Wissenschaft und Staatslehre verhandeln. Selbst jene Kritiker, die den Roman irgendwie genial finden, halten seine Lektüre zeitweilig für eine Qual.

Ein paar Monate vor "Der Abschaffung der Arten" hat Dath, dessen schriftstellerischer Ausstoß schier gigantisch scheint (zehn teilweise über 500 Seiten schwere Romane in 13 Jahren, dazu Essays und Zeitungsartikel), noch eine von ihm sogenannte Streitschrift veröffentlicht, die den kaum zu übertreffenden Titel "Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus" trägt und in der Dath mit Hilfe von Marx und Darwin skizziert, wie der Mensch eine immer sinnloser werdende Technik befreien muss, um sie sich wieder zu Nutzen machen zu können.

Dath selber ist Sozialist. Oder gar Kommunist, Marxist auf jeden Fall.

Er ist der einzige jüngere deutsche Schriftsteller, der es wagt, sich eindeutig politisch zu positionieren. Das ist ja eigentlich ein Anachronismus, heute sind Autoren meistens irgendwie ein bisschen links und manchmal auch ein bisschen rechts, aber die meisten sind gar nichts. Sie schreiben darüber, wie die Welt ist.

Zombies, Gentechnik und Heavy Metal

Dath interessiert nicht, wie die Welt ist. Seine Texte handeln davon, wie die Welt sein sollte, wie sie hoffentlich nicht sein wird oder ganz neutral sein könnte. Und damit ist man automatisch bei spekulativen Texten, bei phantastischer Literatur.

Nichts ist einfacher, als jenen Dietmar Dath, den man aus seinen Büchern und Texten kennt, unsympathisch zu finden: Er gibt vor, so viel zu wissen, er macht es einem so schwer beim Lesen, er ist ausschweifend und belehrend, und in seiner Literatur kommen immer wieder Zombies vor.

Aber nun sitzt Dath dort, ist schmaler, als man vermutet hätte, trinkt Multivitaminsaft, ist konzentriert, gar ein bisschen aufgeregt: null unsympathisch. Er hört genau zu und antwortet, wenn auch detailverliebt, so doch sehr präzise - und sehr verständlich, im Grunde druckreif.

Die Idee dieses Treffens: Wer von den seit Monaten landauf, landab vorgetragenen Deutungen der sogenannten Finanzkrise ermüdet ist, hört vielleicht von einem Marxisten mit den Interessenschwerpunkten Zombies, Gentechnik und Heavy Metal eine etwas andere Version.



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