Polit-Roman "Der schwarze Palast": Kaffeekränzchen gegen den Nazi-Hexer

Von Christoph Schröder

Literatur und politisches Engagement sind in Lateinamerika eng verquickt, das zeigt auch der neue Roman von Horacio Castellanos Moya: "Der schwarze Palast" ist ein Einblick in die Feinmechanik einer Diktatur, ebenso komisch wie verzweifelt.

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Es sei, so wird der General gerne zitiert, verwerflicher, eine Ameise zu töten als einen Menschen. Denn der Mensch habe, im Gegensatz zum Tier, die Hoffnung auf eine Wiedergeburt. Aus diesem Gedanken spricht sowohl eine esoterische Weltbetrachtung als auch eine zynische Grausamkeit.

Der General wird in Horacio Castellanos Moyas neuem Roman nicht ein einziges Mal bei seinem Namen genannt. Wenn über ihn gesprochen wird, dann heißt er "der Nazi-Hexer" oder einfach nur verächtlich "dieser Mann". Und doch ist "Der schwarze Palast" in einer konkreten politisch-historischen Wirklichkeit angesiedelt, in den Tagen vom 24. März bis zum 9. Mai 1944, bis zu jenem Tag also, an dem General Maximiliano Hernández Martínez, der zwölf Jahre lang in El Salvador ein theosophisch-rassistisches Schreckensregime ausgeübt hatte, vor den Protesten in die Knie ging.

Es sei, wie der Autor in seinem Nachwort betont, kein Schlüsselroman; die Geschichte habe er "in den Dienst des Romans gestellt, das heißt, ich habe sie mir nach den Erfordernissen der fiktiven Handlung zurechtgebogen." Was Castellanos Moya mit diesem Verfahren gelingt, ist ein mitreißender Einblick in die Feinmechanik einer Diktatur.

Rasantes Roadmovie

Zwei Perspektiven wechseln einander ab: Die eine gehört dem Tagebuch von Haydée Aragón. Deren Ehemann Pericles, mittlerweile Journalist, einstmals persönlicher Berater des Generals und Diplomat, wird wegen eines regimekritischen Artikels verhaftet und in der Polizeizentrale, dem sogenannten schwarzen Palast, festgehalten. Wenige Tage später scheitert ein dilettantisch ausgeführter Putschversuch, bei dem sowohl Haydées und Pericles' Sohn Clemente als auch dessen Cousin Jimmy eine führende Rolle spielen: der eine als Radiosprecher, der andere als Angehöriger des Militärs. Von einem Kriegsgericht werden beide in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Ihre gemeinsame Flucht inszeniert Castellanos Moya in einem zweiten Erzählstrang als ein rasantes Roadmovie, das zwischen greller Komik und tiefer Verzweiflung pendelt.

Die Familiengeschichte der Aragóns, so sagt es ein Freund von Pericles im abschließenden Kapitel des Romans, das 30 Jahre später spielt, sei kein Stoff für einen Roman, sondern für eine Tragödie. Der ideologische Riss geht mitten durch die Familie: Während Pericles' Vater als Oberst und ehemaliger Angehöriger des Militärs stramm auf der Linie des "Nazi-Hexers" bleibt und seinen Sohn für dessen oppositionelle Umtriebe verurteilt, unterstützen Haydées Eltern die Protestbewegung logistisch und finanziell. Es ist der Oberst, der Haydée das Todesurteil für ihren Sohn Clemente, seinen Enkel, überbringt; dessen ungeachtet ist er es, der Clemente die Flucht aus der Hauptstadt San Salvador überhaupt erst ermöglicht.

Die Frontlinien sind in "Der Schwarze Palast" unklar. Wer in all den Wirren von Notstandsgesetzen, Ausgangssperren und Protestnoten auf welcher Seite steht; wer zu befehlen und wer zu gehorchen hat, liegt nicht selten im Dunkeln. Pericles sitzt nach wie vor ohne Verurteilung und rechtliche Grundlage als politischer Häftling im Gefängnis; Haydée organisiert gemeinsam mit Müttern und Ehefrauen anderer Opfer des Regimes eine Art von Untergrund-Kaffeekränzchen-Netzwerk: Bei Schokotorte und verschlossenen Fensterläden werden Flugblätter gegen den General entworfen und vervielfältigt.

Komikerduo im Mangrovensumpf

All das wird in Haydées Tagebüchern dokumentiert, in denen das Geschehen der einzelnen Tage quasi im Überblick zusammengefasst wird. Dem stellt Castellanos Moya die radikal subjektive, klaustrophobisch enge Perspektive von Clemente und Jimmy entgegen. Das ungleiche Paar entwickelt auf seiner Flucht quer durch das Land die Qualität eines, wenn auch unfreiwilligen, Komikerduos: Der weinerliche und versoffene Clemente, der gar nicht so recht weiß, wie und warum er in diese Situation gekommen ist, und der rational funktionierende Jimmy sind durch ihr gemeinsames Schicksal auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet, ohne sich ausstehen zu können. Zunächst verbringen sie Tage auf dem finsteren Dachboden eines Geistlichen, unternehmen im Anschluss, als Priester und Messdiener verkleidet, eine abenteuerliche Bahnfahrt zur Küste, um schließlich in einem Mangrovensumpf die Orientierung und alle Hoffnungen zu verlieren.

Der Dialogwitz und die Situationskomik, die Castellanos Moya dabei entwickelt, sind beachtlich - zumal die tödliche Gefahr, in der die beiden sich befinden, stets präsent bleibt. Eben darum ist "Der schwarze Palast" ein so vielgestaltiges und vor allem klischeefreies Buch, in dem zwei Motive über allen anderen stehen: das des Überlebens und das des Weiterlebens nach einem oder gar mehreren biografischen Brüchen. Das kurze Schlusskapitel zeigt Pericles, der zuvor eher als symbolische Leerstelle fungiert hat, um die alles kreist, als einen desillusionierten und kranken Mann, von dem es heißt, "dass auch er einmal Träume gehabt, dass auch ihn die Muse der Poesie einmal verführt hatte, bevor er einer anderen Versuchung erlegen war, die er 'das hinterlistige Weib' nannte, die unglückselige Politik".

Die Verquickung von Literatur und politischem Engagement, in Lateinamerika eine existentielle Notwendigkeit, hat auch den Schriftsteller Horacio Castellanos Moya selbst zu einer Lebensodyssee gezwungen: Geboren in Honduras, aufgewachsen in El Salvador, fungierte er als Herausgeber verschiedener Zeitschriften, arbeitete als Journalist in diversen Ländern, kehrte nach El Salvador zurück und musste 1997, nach der Veröffentlichung seines Romans "El Asco. Thomas Bernhard in San Salvador" fliehen, weil er Morddrohungen erhalten hatte. Mit der Niederschrift von "Der schwarze Palast" hat Castellanos Moya in Frankfurt begonnen, wo er im Rahmen des Programms "Städte der Zuflucht" für ein Jahr lebte.

Es ist der Roman eines Getriebenen, der den alltäglichen Schrecken literarisiert.

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