Polnische Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska ist tot

Man nannte sie "Mozart der Poesie": Die polnische Dichterin und Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska ist tot. Bis zuletzt hatte die 88-Jährige an neuen Gedichten gearbeitet.

Wislawa Szymborska 2008: Zurückgezogen und öffentlichkeitsscheu
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Wislawa Szymborska 2008: Zurückgezogen und öffentlichkeitsscheu


Krakau - Die polnische Dichterin und Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska ist tot. Sie starb am Mittwoch im Alter von 88 Jahren in ihrem Haus in Krakau "friedlich im Schlaf", sagte ihr persönlicher Sekretär Michal Rusinek. Die starke Raucherin litt seit Jahren an Lungenkrebs. Bis zuletzt habe sie, wann immer es ihr Gesundheitszustand erlaubte, an neuen Gedichten gearbeitet.

1996 hatte sie für ihr literarisches Werk den Nobelpreis erhalten. Das Komitee nannte sie den "Mozart der Poesie", die die Eleganz der Sprache mit der "Wut eines Beethovens" verbunden habe. Ihre Lyrik "bringt mit ironischer Präzision Fragmente der menschlichen Realität im historischen und biologischen Kontext ans Licht", hieß es damals in der Würdigung. Szymborska benutzte vor allem einfache Objekte und alltägliche Bilder, um auf auf größere Themen wie Liebe, Tod und die Vergangenheit zu referieren.

Die Lyrikerin wurde am 2. Juli 1923 in einem Dorf nahe Posen in Westpolen geboren. Acht Jahre später zog sie mit ihren Eltern in die südliche Stadt Krakau. Dort entwickelte sie eine tiefe Bindung zu der Stadt und dessen intellektuelles Milieu - und lebte hier bis zu ihrem Tod.

Als die Nazis 1939 in Polen einmarschierten, beschaffte sich Szymborska Arbeit als Bahnangestellte, um die Abschiebung in ein deutsches Arbeitslager zu vermeiden. In ihrer freien Zeit besuchte sie illegale Universitäten. Nach dem Krieg studierte sie regulär polnischen Literatur und Soziologie an der Jagiellonen-Universität Krakau, machte aber nie ihren Abschluss.

"Ein unersetzlicher Verlust"

1945 veröffentlichte sie ihr erstes Gedicht in einer wöchentlichen Beilage der Lokalzeitung "Dziennik Polski". Kurz darauf heiratete sie den Dichter Adam Wlodek. Schon nach wenigen Jahren ließen sie sich allerdings wieder scheiden.

Ihre ersten beiden Bücher, die 1952 und 1954 veröffentlicht wurden, waren stark von der offiziellen Doktrin des Sozialistischen Realismus geprägt. Demnach müsse Kunst revolutionären Ziele dienen und war stark von der kommunistische Zensur beeinflusst.

Aber wie viele polnische Schriftsteller und Künstler war Szymborska schnell vom Kommunismus enttäuscht und desillusioniert. Ihre spätere Dichtung diente als Rache an der Vereinnahmung ihrer ersten beiden Bücher. Ihr letztes Werk "Dwukropek" wurde 2006 von den Lesern der Zeitung "Gazeta Wyborcza" zum besten Buch des Jahres gewählt.

Trotzdem galt Szymborska als öffentlichkeitsscheu. Der mit dem Nobelpreis verbundene Ruhm und die internationale Aufmerksamkeit waren der zurückgezogen lebenden Autorin eher unangenehm. "Ich bin keine kulturelle Institution", sagte sie in einem ihrer seltenen Interviews. Sie könne sich nicht ständig zeigen und "von acht Uhr morgens bis zehn Uhr in der Nacht reden, reden, reden". Sie müsse Zeit zum Schweigen haben, denn Poesie entstehe im Schweigen.

Als einer der ersten reagierte der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski auf den Tod der Dichterin. "Ein unersetzlicher Verlust für die polnische Kultur", twitterte er.

vks/AP/dpa



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