Pop-Buch "Hall of Shame" Götterdämmerung mit Biss

Die Beatles sind die beste Band aller Zeiten. Wirklich? Zwei amerikanische Rock-Journalisten machen sich auf, heilige Kühe zu schlachten. Ihr Buch "Hall of Shame" bringt reihenweise Album-Klassiker zur Strecke - es darf schadenfroh gegrinst werden.

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Es hatte ganz harmlos begonnen: "Stranded - Rock 'n' Roll for a Desert Island" hieß 1979 das Buch von "Rolling-Stone"-Edelfeder Greil Marcus, das Plattenwünsche von prominenten Zeitgenossen für die "einsame Insel" zusammenstellte. Das erste Listenwerk der Rockgeschichte war geschrieben, der erste Kanon ewiggültiger Pop-Werke zwischen zwei Buchdeckeln verewigt. Viele weitere Listen der "Besten Alben aller Zeiten" folgten bis heute. Wer den "Rolling Stone" oder das "Q"-Magazin aufschlägt, wird mit ständig neuen Varianten überrascht, denn, so das Kalkül, Leser lieben Listen.

Popband Beatles: Kritiker-Backpfeife für "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band"
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Und immer wieder tauchen dieselben Namen, dieselben Alben auf. Die Chicagoer Rockschreiber Jim Derogatis und Carmél Carillo hassen Listen - und haben nun unter dem Titel "Hall of Shame" selbst eine zu Buchform aufgeblasene veröffentlicht: "Die größten Irrtümer in der Geschichte des Rock'n'Roll". Ein Schlachtfest, wie es zünftiger nicht sein könnte: Das Killerkommando in Gestalt befreundeter Journalisten erlegte alles, was renommiert und respektiert ist, von Captain Beefheart über die Beatles zu Nirvana und Radiohead. Auch wenn selten reiner Hass die Diktion bestimmt: Die Platten der Eltern oder des großen Bruders müssen auf den Scheiterhaufen der Distinktion.

Gleich zu Beginn des Schmähfests zielt Herausgeber Derogatis selbst auf die wohl heiligste Kuh von Kritikern und Fans: Er knöpft sich "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" vor, das Album, mit dem die Beatles 1967 tatsächlich eine bedeutende Zäsur in der Popgeschichte machten. Pop wurde zur Kunstform erklärt, die Zeiten des naiven Spaßes schienen vorbei, der Intellekt kam ins Spiel. Derogatis' kennt dennoch kein Erbarmen. Seine präzise Analyse der textlichen Plattheiten und musikalischen Banalitäten des legendären Werks muss selbst hartgesottene Beatles-Fans ins Grübeln bringen. Nur: Das alles hatte, mit weniger Worten, aber vergleichbar luzider schon der britische Musikkritiker Nik Cohn 1969 über "Sgt. Pepper" geschrieben: "Verhängnisvoll prätentiös (...) der Verlust von Saft und Kraft erwies sich als fatal."

Kritiken-Sammlung "Hall of Shame": Im Auftrag des Verrisses

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Auch die Abrechnung des Kritikers Keith Moerer mit den Unzulänglichkeiten von "Exile on Main Street" der Rolling Stones beweist nichts Neues: Die Drogenprobleme Keith Richards', die leicht schlampige Produktion, die Überlänge, die mittelmäßigen Songs: Das alles ist bekannt und dokumentiert. Journalisten-Kollege Fred Mills arbeitet sich an Neil Youngs Oberheuler "Harvest" ab, wobei Interessierte längst wissen, dass hier keineswegs die Sternstunde des großen Gitarristen und Songschreibers geschlagen hatte (auch wenn ihm mit dem Song "Heart of Gold" ein Welt-Hit gelang). Und Pink Floyds Dauerseller "Dark Side Of The Moon" wurde bei Erscheinen sogar in Deutschland geschmäht: "'Dark Side…' sagte schon im Titel exakt, wo Pink Floyd sich befindet: hinterm Mond", urteilte damals das Rockmagazin "Sounds" zutreffend.

Weil sich im Laufe der Jahre jedoch die Erinnerung an die Jugendzeit und deren Soundtrack verklärt, weil auch Rockkritiker älter und milder werden, sind nicht alle Attacken gleich vehement. Marc Weingarten zum Beispiel entzaubert behutsam Eric Claptons "Layla"-Doppelalbum (1970) aus ganz persönlicher Perspektive: Claptons vermeintlicher Sideman Duane Allman erwies sich darauf eben doch als der mächtigere Gott. Jüngere Fans werden sich freuen, dass auch aktuellere Listen-Dauerbrenner wie Nirvanas "Nevermind" und Radioheads "OK Computer" unter der Kritiker-Guillotine landen, aber seltsamerweise klingen die Verrisse hier etwas bemühter. Ist es eine nicht eingestandene Ehrfurcht vor der Avantgarde, die die Demontage von Captain Beefhearts "Trout Mask Replica" so zaudernd klingen lässt?

Zentrale Schwäche des Buchs jedoch ist der Stempel, den die Gepflogenheiten des Popjournalismus der Textform aufgeprägt haben. Zahlreiche Beiträge wirken wie Auftragsarbeiten, die pflichtbewusst nach dem oft gleichen Schema erledigt wurden: atmosphärischer Einstieg, Faktensammlung, Einzelsong-Zertrümmerung. Pointe des Ganzen: Im Anhang finden sich Autorenportraits mit dazugehöriger Lieblingsalbums-Top-Ten. Auffallend häufig vertreten: Rolling Stones und Beatles.


Jim Derogatis (Herausgeber): Hall of Shame. Die grössten Irrtümer in der Geschichte des Rock'n'Roll, Rogner & Bernard, 420 Seiten, 22,90 Euro


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