Pop-Schriftsteller Tino Hanekamp "Ich will zum Unsinnmachen anstiften"

Mit dem Hamburger Uebel & Gefährlich betreibt er einen der besten Clubs Deutschlands, jetzt hat Tino Hanekamp einen Roman über das Nachtleben geschrieben: Im Interview spricht er über seine erste Lesereise und erklärt, warum pure Vernunft niemals die Abenteuerlust besiegen darf.

Clubbetreiber und Schriftsteller Hanekamp: "Es sollte schon ein möglichst toller Bus sein"
York Christoph Riccius

Clubbetreiber und Schriftsteller Hanekamp: "Es sollte schon ein möglichst toller Bus sein"


SPIEGEL ONLINE: Herr Hanekamp, in Ihrem Roman "So was von da" kategorisieren Sie die Phasen einer Clubnacht: Von "gelangweilt in der Gegend rumstehen" über "Enthemmung. Kontrollverlust. Euphorie" bis zu "weg hier, bevor irgendein Trottel das Putzlicht anschaltet"...

Hanekamp: ...zitiert nach Knoll und Köhler, ja. Wobei ich mir die Namen ausgedacht habe, damit es wichtiger klingt.

SPIEGEL ONLINE: Oft werden die DJs als die Regierenden der Clubnacht beschrieben. Aber sind sie nicht eher eine Art Reiseleiter einer Reise, die in Wahrheit von Clubbetreibern wie Ihnen organisiert wurde?

Hanekamp: Der Clubbetreiber stellt den Bus und den Fahrer, und die DJs sorgen für die Landschaft, die da draußen vorbeifährt. Der DJ ist schon wichtiger. Der Künstler ist immer am wichtigsten. Der Clubbetreiber macht letztlich nichts, als den Raum zu schaffen, in dem die Künstler dann machen können, was sie machen. Ein Club ist ohne die Künstler und ohne sein Programm nichts wert. Dann ist es eine Bar.

SPIEGEL ONLINE: Wobei es ja schon Wechselwirkungen gibt. Wenn die Künstler nachmittags ankommen, kriegen sie einen Eindruck davon, was das für ein Club ist, in dem sie auftreten sollen, und entwickeln daraus Vorstellungen, was die Nacht bringen wird.

Hanekamp: Genau. Der Bus, mit dem es auf die große Reise geht, der sollte schon ein möglichst toller Bus sein, sonst macht die Reise keinen Spaß.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Clubs, die Sie in Hamburg mitgegründet haben, fällt auf, dass dort oft spezielle Charaktere arbeiten, die so gar nicht wie Angestellte wirken, obwohl sie es natürlich sind. Wie kommt das?

Hanekamp: Letztlich will man ja immer nur die bessere Welt schaffen. Deswegen versuchen wir zu erreichen, dass unsere Leute mit Freude ihrer Arbeit nachgehen, vernünftig bezahlt werden und sich entfalten und ausleben können im Rahmen dessen, was da ist. Natürlich können die hinter der Bar kein Buch schreiben, denn sie müssen möglichst schnell die Scheißbiere über den Tresen schieben. Aber du kannst dafür sechs Euro bekommen oder elf. Du kannst dabei schlecht behandelt werden oder gut. Ich stelle es mir unerträglich vor, in einem Laden zu arbeiten, wo es den Leuten schlechtgeht. Ich verstehe einfach nicht, warum Unternehmer ihre Angestellten mies behandeln. So viele Menschen müssen in einem Klima der Angst und Ausbeutung für ihre Kohle schuften - warum? Weil man so mehr Gewinn macht, die Leute effektiver arbeiten? Weil nur unter diesen Produktionsbedingungen Turnschuhe für 15 Euro möglich sind? Für unseren Club gilt: Fühlen sich die Angestellten wohl, dann geht es auch den Künstlern gut und den Gästen und letztlich auch uns.

SPIEGEL ONLINE: Eine Stelle, die im üblichen Personalplan eines Musikclubs nicht vorkommt, ist die des Fahrstuhlführers. Für das Buch haben Sie den Fahrstuhl herübertransportiert aus Ihrem heutigen Club Uebel & Gefährlich in die Weltbühne, Ihrem kleineren früheren Lokal, dem der Club im Roman nachempfunden ist. Der Liftboy im Buch rezitiert Gedichte - eine wahre Geschichte?

Hanekamp: Ja, ein paar Leute in dem Buch gibt es wirklich. Einer davon ist Anselm, der Liftboy. Eigentlich ist es sein Job, die Gäste hoch und runter zu fahren, dafür kriegt er elf Euro die Stunde, mehr muss er nicht machen. Aber das sind halt Leute, die wollen mehr vom Leben als nur ihren blöden Job machen. Und die kriegen ja auch was: Er erzählt seine Gedichte, und dann hat er nicht 20 Leute, die rumstehen und sich zu cool sind, ein Wort zu sagen, sondern er kriegt Reaktionen, er kriegt was zurück, das ist für ihn auch total spannend. Es geht darum, Räume freizumachen, damit die Leute sich entfalten können. Und ganz klein zusammengedampft ist der Lift auch so was.

SPIEGEL ONLINE: Was brachte Sie dazu, einen Buch über einen Club zu schreiben?

Hanekamp: Die Idee zu dem Buch hatte ich schon für fünf Jahren, kurz vor dem Ende der Weltbühne. Da habe ich mir die Sinnfrage gestellt: Was mache ich hier eigentlich? Ich hatte größte Existenznöte, war physisch und psychisch völlig am Ende, habe dann aber erkannt: Irgendwie ist das ja auch gut, was man hier macht. Diesen Ort freizuschaufeln und zu bespielen, diesen Mikrokosmos zu schaffen, mit all diesen Künstlern, die sich selbst ausbeuten, die für eine Idee leben und nicht für die Sicherheit und das Geld. Schon als Musikjournalist dachte ich, dass man das doch auch mal festhalten müsse, wie toll dieses Glühen ist, und wie schwer das ist, was die alles auf sich nehmen. Eine Hymne auf den Wagemut, die Abenteuerlust und Selbstaufgabe.

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Seite 1
angela_merkel 07.05.2011
1. die Hamburger unter sich
warum muss der Spiegel ausführlich berichten, wenn irgend ein Hamburger Kneipenbesitzer seine memoiren veröffentlicht ? Ich kenne jemanden, der eine Imbißbude in Paderborn betreibt. Würde der Spiegel auch für dessen Autobiographie kostenfreie Werbung leisten ?
janne2109 07.05.2011
2. braucht er nicht - - -
genügend Politiker in Deutschland verzapfen täglich Unsinn
ibizadude 07.05.2011
3. Kaufen sie dieses Buch!
Zitat von sysopMit dem Hamburger Uebel & Gefährlich betreibt er einen der besten Clubs Deutschlands, jetzt hat Tino Hanekamp einen Roman über das Nachtleben geschrieben:*Im Interview spricht er über seine erste Lesereise und erklärt, warum pure Vernunft niemals die Abenteuerlust besiegen darf. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,761021,00.html
[QUOTE=sysop;7790070]Mit dem Hamburger Uebel & Gefährlich betreibt er einen der besten Clubs Deutschlands, jetzt hat Tino Hanekamp einen Roman über das Nachtleben geschrieben:*Im Interview spricht er über seine erste Lesereise und erklärt, warum pure Vernunft niemals die Abenteuerlust besiegen darf. ... und sachlich auch noch völlig falsch! Betreiber des Clubs, ein alter Bekannter von mir, ist Wolf. v. W. Eine echte Ikone in der Szene. Der war seiner Zeit auch in dem ehemaligen Kaufhaus an der Reeperbahn Betreiber und Verantwortlicher und dürfte Kennern aus mindestens drei Generationen ein Begriff sein. Weltbühne war einer von etlichen Untermietern in dem Haus. Wer ist Tino Hanekamp?
mottra23 07.05.2011
4. ---
Zitat von angela_merkelwarum muss der Spiegel ausführlich berichten, wenn irgend ein Hamburger Kneipenbesitzer seine memoiren veröffentlicht ? Ich kenne jemanden, der eine Imbißbude in Paderborn betreibt. Würde der Spiegel auch für dessen Autobiographie kostenfreie Werbung leisten ?
vielleicht dann, wenn dein bekannter aus paderborn mit seinem buch ebenfalls den publikumspreis eines internationalen literaturfestes gewonnen und sein können als schreiberling / journalist bereits unter beweis gestellt hätte??!
twlazik@gmail.com 07.05.2011
5. nicht ganz falsch...
... und sachlich auch noch völlig falsch! Betreiber des Clubs, ein alter Bekannter von mir, ist Wolf. v. W. Eine echte Ikone in der Szene. -> behauptet ja auch keiner dass er es alleine macht, obwohl man es hätte deutlicher hätte sagen sollen dass er Partner hat - siehe z.B. TAZ Artikel in dem er auf Wolf verweist... http://www.taz.de/1/nord/artikel/1/deckel-drauf-weitergehen-1/
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