Weibliche Fußballfans: Frauen in der Kurve

Von Thomas Andre

Wiebke Porombka: Ein Leben als Fan und Frau Fotos
DPA

Als Frau im Stadion? Ist manchmal die Hölle. Die Journalistin Wiebke Porombka schreibt sehr persönlich über ihr Leben und Leiden als Fan. Sie würdigt ihre fußballvernarrte Oma, gesteht ihre pubertäre Liebe zu Kalle Riedle und teilt aus - gegen pöbelnde Männer und blöde Geschlechtsgenossinnen.

Wiebke Porombka, 1977 geboren, musste sich als Mädchen erst einmal beweisen, wenn es um Fußball ging. Was auch daran liegt, dass sie in einem anderen Fußball-Zeitalter aufwuchs, in dem Frauen in Fankurven exotische Erscheinungen waren, die sich von Männern fragen lassen mussten, ob sie sich nicht verirrt haben.

Im Falle Porombkas war es sogar so, dass sie es meist gar nicht erst ins Stadion schaffte. Ihr älterer Bruder weigerte sich, sie mitzunehmen. In die Rituale des männlichen Stadionbesuchs führte er sie erst spät ein: Hackepeter-Brötchen zum Frühstück, erstes Bier in der U-Bahn um 12 Uhr mittags. Bruder und Schwester feierten ihr gemeinsames Heimspiel-Debüt bezeichnenderweise am Millerntor bei einer Partie des FC St. Pauli - und nicht etwa im Weserstadion, wo ihr eigentlicher Lieblingsclub zu Hause ist. Das wäre aus Sicht des Bruders wohl des Guten zu viel gewesen.

Wahrscheinlich hat Wiebke Porombka, die seit vielen Jahren als Moderatorin und Literaturkritikerin arbeitet, oft die Geschichte von ihrem Großvater erzählt. Der spielte noch vor dem Zweiten Weltkrieg bei Werder Bremen. Gut, es war nur die zweite Mannschaft. Aber immerhin! Geld verdiente Opa nicht, aber wenn gewonnen wurde, gab es Würstchen mit Kartoffelsalat im Vereinsheim. Mit so einer Anekdote ließe sich auch heute noch gut punkten unter Fußballfans.

Der schöne Kalle Riedle

Porombkas Buch "Der zwölfte Mann ist eine Frau" ist ein Bekenntnistext im Stil von Nick Hornbys "Fever Pitch", verfasst von einer Frau. Erst seit dem "Sommermärchen" 2006, als eine erstaunte Öffentlichkeit sah, dass auf den Public-Viewing-Meilen der Republik genauso viele Frauen wie Männer feierten, gelten Frauen als Forschungsobjekte einer Soziologie der Kurve, vor allem aber: als Bestandteile einer neuen Fußball-Normalität.

Wie sie selbst in der Mitte der Kurve ankam, beschreibt Porombka in ihrem sehr persönlichen Buch anhand von vielen Beobachtungen und Episoden. Die erste spielt im Wohnzimmer ihres Elternhauses, wo ihr Bruder die Fünfjährige ohrfeigt - weil sie beim Länderspiel zwischen Deutschland und England aufgrund einer Trikotverwechslung "Werder vor, noch ein Tor!" krakeelt. So ist das Buch auch eine Geschichte der weiblichen Emanzipation. Bis hin zu ihrer Großmutter, die, obwohl in eine sich als vornehm-hanseatisch verstehende Familie hineingeboren, regelmäßig ins Weserstadion ging und sich nicht um die Meinung anderer scherte.

Auch Wiebke Porombka liebt Werder Bremen bedingungslos - und ist zuletzt in dieser Hinsicht oft geprüft worden. In der grundsätzlichen Typologie des Fußballfans ist sie das Gegenstück des meist männlichen Pöblers und Alles-Checkers, der sich in allen Stadien findet. Bezeichnend für den, schreibt sie, "ist eine weitere zentrale Regel des Fußballguckens: Männer tun immer so, als hätten sie genau gesehen, was gerade auf dem Spielfeld passiert ist".

Porombka geht es eher um die kleinen Beobachtungen als um die großen Zusammenhänge. In der Schalker Arena trifft sie auf Fans aus der Schweiz, die die Republik abklappern und sich in jedem Stadion in das Trikot der Heimmannschaft zwängen - sie spielen Fan. Für sich als "echt" verstehende Fans ist das ein Frevel; Fußballtourismus, schlimmer als sogenannte Event-Fans bei einer Weltmeisterschaft, wie die Verfechter der reinen Anhänger-Lehre dieses Phänomen nennen. "Der zwölfte Mann ist eine Frau" ist eine Art Gegengift, das nicht nur von Geschlechterunterschieden, sondern auch vom unbedingt authentischen Fan-Leben erzählt, und dabei Porombkas "Fan-Pubertät" nicht ausspart: die Phase, in der sie für den Werder-Angreifer Karlheinz Riedle schwärmte. Den "Kicker" las sie übrigens weiter, trotz Hormonwallungen.

Porombkas Buch ist halb Hommage, halb kulturtheoretische Betrachtung, die eine Phänomenologie des Stadionbesuchs miteinbezieht. Liebevoll geschrieben, unbedingt parteiisch ("Fußball ist Heimat"), oft amüsant: Ein Kapitel heißt "0:4 beim Pokalfinale oder Warum es eine Charakterfrage ist, Bayern-Fan zu sein", ein anderes: "Wadenbeißer und Stiernacken oder Warum das Spiel wieder Typen wie Borowka braucht".

Und weil Porombka bei allem Spott über allwissende Männer auch ihre eher an ästhetischen Bewertungen der Spieler interessierten Geschlechtsgenossinnen nicht verschont, braucht ihr niemand vorzuwerfen, sie wäre auf einem Auge blind. Ein Leben als Fan und als Frau: Wiebke Porombka ist nicht die einzige. Aber eine der ersten, die darüber schreibt.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Olivia Viewegs "Huck Finn", Sam Byers' "Idiopathie", Hermann Lenz' "Neue Zeit", Kurt Krömers "Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will", Paul Auster, J.M. Coetzee "Here and Now", Joey Goebels "Ich gegen Osborne"

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Echte Fussballfans, sind so tief gesunken,
wernerwenzel 17.07.2013
dass sie von dem (oeden) Kakao, durch den sie gezogen werden, auch noch mit Freuden trinken. (Von Erich Kästner, oder?) Fussball-Faninnen haben dazu auch noch die Sülze dazu, die die Männer absondern.
2. .
frubi 17.07.2013
Zitat von sysopAls Frau im Stadion? Ist manchmal die Hölle. Die Journalistin Wiebke Porombka schreibt sehr persönlich über ihr Leben und Leiden als Fan. Sie würdigt ihre fußballvernarrte Oma, gesteht ihre pubertäre Liebe zu Kalle Riedle und teilt aus - gegen pöbelnde Männer und blöde Geschlechtsgenossinnen. Porombka über Fußballfans: "Der zwölfte Mann ist eine Frau" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/porombka-ueber-fussballfans-der-zwoelfte-mann-ist-eine-frau-a-908841.html)
Ohne Alkohol gäbe es auch keine Pöbler denn die meisten Pöbler sind arme, kleine Würstchen, die den ALk als Enthemmer benötigen und nur in einer Gruppe den großen Macker spielen. Ansonsten würden die kein Wort rauskriegen.
3. Frauen in der Kurve? Gerne, aber...
Mastermason 17.07.2013
Ich habe in meinem Bekanntenkreis einige wenige Frauen, mit denen es eine Freude ist, über Fußball zu diskutieren. Sie besitzen Sachverstand und genügend Toleranz, bei divergierenden Ansichten (ich bin Anhänger des BMG, eine Bekannte mag den FCK) die Meinung des Anderen stehen zu lassen bzw. ihm die Zuneigung zu seinem Verein zu gönnen. Andererseits beobachte ich gerade unter weiblichen "Fans" im Stadion oder auf der Fan-Meile einen hohen Anteil an Event-Fans (die ich zugegebenerweise überhaupt nicht mag), die einen Freistoß nicht von einem Einwurf unterscheiden können, aber kreischen, dass die Membran vibriert.
4. Druckfehler
abseitstor 17.07.2013
Zitat von sysop(...)"0:4 beim Pokalfinale oder Warum es eine Charakterfrage ist, Bayern-Fan zu sein", (...) Porombka über Fußballfans: "Der zwölfte Mann ist eine Frau" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/porombka-ueber-fussballfans-der-zwoelfte-mann-ist-eine-frau-a-908841.html)
Es muss doch sicher heißen: "ein Charakterfrage, kein Bayern-Fan zu sein". Bayern-Fans sind charakterlos. Nicht nur aus Sicht einer Werder-Fanina.
5. Unglaublich
unbeliev-able 17.07.2013
Zitat von abseitstorEs muss doch sicher heißen: "ein Charakterfrage, kein Bayern-Fan zu sein". Bayern-Fans sind charakterlos. Nicht nur aus Sicht einer Werder-Fanina.
Gibt es denn keinen einzigen Fußballartikel auf SPON, in dem nicht irgend ein "Bayern-Neider" im Forum seinen Senf dazugeben muss????? Hier geht es um Frauen beim Fußball! Aber nein, es muss gleich wieder auf die "bösen Bayern" geschimpft werden!
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