Präsidiale Lektüre Warum Bush seinen Lieblingsautor verschweigt

Eigentlich ist der Literaturgeschmack von George W. Bush recht konventionell. Wie alle US-Präsidenten liebt er Politiker-Biografien und die Bibel. Doch jetzt wurde eine spezielle Vorliebe des Staatschefs bekannt: die mit Sex gewürzten Romane von Tom Wolfe.


Präsident und Literaturfreund Bush: Schmökern mit Schmackes
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Präsident und Literaturfreund Bush: Schmökern mit Schmackes

Offiziell liest der mächtigste Mann der Welt mächtig seriöse Bücher. Wer beim Pressebüro des Weißen Hauses anfragt, erhält als Angaben: "His Excellency: George Washington", eine Präsidentenbiografie von Joseph J. Ellis, das Gründervater-Porträt "Alexander Hamilton" von Ron Chernow und - natürlich - die Bibel.

Was die offizielle Liste laut "New York Times" jedoch unterschlägt, ist ein Buch, das so gar nicht ins Lektüreprogramm eines bibelfesten Staatschefs passen will: Tom Wolfes neues Werk "I Am Charlotte Simmons", ein provokanter College-Roman, der das eskapistische Treiben an Amerikas Universitäten kolportiert.

Was Bush genau an Wolfes neuem Werk fasziniert, weiß niemand so genau. Fest steht jedoch, dass der Präsident die Geschichte der unbedarften Hinterwäldlerin Charlotte, die an einer Großstadt-Uni in einen Sog aus Sex und Suff gerät, gelesen hat und begeistert seinen Freunden empfiehlt.

Besorgt fragt man sich, was den Präsidenten wohl an kapitellangen Deflorationsszenen und Abschilderungen wilder Trinkgelage anspricht. Schwelgt Bush, in College-Tagen selbst ein begeisterter Party-Löwe, etwa in bierseliger Nostalgie an seine Studentenverbindungszeiten an der noblen Yale-Universität? Oder will er dem Lebensgefühl seiner Töchter nachspüren, die unlängst ihre College-Ausbildung absolviert haben? Mag er womöglich einfach nur die Texte selber - in einer Art stiller, bislang unentdeckter Hingabe an die Ästhetik des literarischen Realismus, wie sie von Tom Wolfe so selbstbewusst vertreten wird?

Autor Wolfe: Freund des Weißen Hauses
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Autor Wolfe: Freund des Weißen Hauses

Eine Antwort erhoffte man sich in US-Medienkreisen vom Autor selbst. Im Rahmen einer College-Vortragstour gefragt, ob es nicht unnatürlich sei, dass ein 58-jähriger Mann wie der Präsident ein derartiges Buch genießen könne, antwortete Wolfe knapp: "Nun, ein 74-Jähriger hat es geschrieben."

So geistreich die Antwort ist, sie kann den Fall nicht klären: Der fundamentale Christ und Texaner, der Ranch-Besitzer und Familienmensch ein Freund dekadenter Szenarien, ein Leser von Wolfe, in dessen Romanen Amerika als Land der grenzenlosen Geschmacklosigkeiten erscheint? Verkehrte Welt, zumal Bush, wie er dem Parlamentssender C-Span verriet, täglich einen Erbauungstext des schottischen Pfarrers Oswald Chambers liest und dieses Jahr noch einmal die Bibel in Angriff nehmen will.

Jenna und Barbara Bush: Generation College
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Jenna und Barbara Bush: Generation College

Vielleicht ist es einfach alte Gewohnheit. Auch Bushs Vater soll ein großer Fan von Wolfe sein; der Autor erzählt gern, wie gut dem Senior der Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" gefallen hat. Außerdem hat man in Wolfe einen eifrigen Unterstützer: Der Schriftsteller wählt republikanisch und wird schon mal von der First Lady zwecks Vortrag ins Weiße Haus eingeladen. Dort sprach er letztes Jahr zu Ehren von Truman Capote.

Truman Capote? Der von Drogen- und Alkoholexzessen gezeichnete Literatur-Dandy, der mit seinem Sittengemälde "Erfüllte Wünsche" den amerikanischen Jet-Set gegen sich aufbrachte? Die Präsidentenfamilie steckt voller Überraschungen.



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