Preis der Buchmesse Leipziger Buchpreis geht an Natascha Wodin

Drei Gewinnerinnen beim Preis der Leipziger Buchmesse: In der Kategorie Belletristik ging die wohl wichtigste literarische Auszeichnung der Frühjahrssaison an Natascha Wodin für "Sie kam aus Mariupol".

Natascha Wodin nimmt den Preis der Leipziger Buchmesse entgegen
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Natascha Wodin nimmt den Preis der Leipziger Buchmesse entgegen


Natascha Wodin gewinnt den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. "Sie kam aus Mariupol" (Rowohlt Verlag) ist die literarische Biografie der Mutter der Autorin: Sie kam, 1920 in der Ukraine geboren, als Zwangsarbeiterin nach Deutschland, nahm sich 1956 das Leben. Die Tochter, so Jurorin Jutta Person, recherchiert und gibt dem Verlorenen eine eindrucksvoll poetische Stimme.

Sie hoffe, dass durch den Preis mehr Leserinnen und Lesern das Schicksal der Zwangsarbeiter näher gebracht werde, sagte die 1945 geborene Wodin in ihrer Dankesrede. Ihre Mutter hätte sich nicht träumen lassen, dass ihr Bild ausgerechnet in Leipzig auf der Bühne zu sehen sein würde, wo sie für einen zum Flick-Konzern gehörenden Waffenkonzern arbeiten musste.

Juror Gregor Dotzauer betonte, Wodins Buch könne angesichts der Brüche des 20. Jahrhunderts gar nicht aus einem Guss sein. Es sei ausdrücklich kein Roman, bewege sich aber auf der Grenze zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion und sei dadurch in seinem literarischen Verfahren höchst zeitgenössisch.

Der Preis in der Kategorie "Sachbuch/Essayistik" ging an Barbara Stollberg-Rilingers Biografie "Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit" (Verlag C.H.Beck). Die in Münster lehrende Historikerin habe über die Habsburger Kaiserin eine postheroische Biografie verfasst, lobte Jurorin Meike Feßmann.

Erstaunlich, dass man sich fürs 18. Jahrhundert wieder so interessiere, so die Preisträgerin in ihrer Dankesrede. Aber es stecke auch viel Aktuelles in ihrem Buch, wenn man genauer hinschaue: Auch hier ginge es "um die Schließung der Balkangrenze oder um religiöse Intoleranz".

Barbara Stollberg-Rilinger suche nicht die geheime Wurzel oder den Generalschlüssel der Geschichte, sondern beschreibe das Leben als ein ernstes Spiel mit vielen verschiedenen Rollen, lobte Juror Alexander Cammann.

In der Kategorie "Übersetzung" wurde Eva Lüdi Kong geehrt, die das Buch "Die Reise in den Westen" für den Reclam Verlag aus dem Chinesischen übertrug. Der von einem unbekannten Autoren verfasste Text, der rund 400 Jahre alt und über 1000 Seiten dick ist, sei das wohl populärste Buch der chinesischen Literatur, sagte Juror Burkhard Müller. Jeder Chinese kenne den Affenkönig - und was deutschen Lesern fremd bleibe, erkläre Lüdi Kong in einem umfangreichen Apparat.

Die Jury-Vorsitzende, die Kritikerin Kristina Maidt-Zinke, bekannte sich zu einem gewissen Kulturpessimismus. Sie lobte die Melancholie als literarischen produktiven Zustand und äußerte Kritik am Machbarkeitsoptimismus. Maidt-Zinke betonte die spezielle Rolle der Kunst, auch in Zeiten der "Fake News": "Literatur war schon immer transfaktisch", sagte sie. In diesem Widerstreit gelte: "Die Literatur gibt nicht auf!"

365 Titel waren der siebenköpfigen Jury zur Lektüre vorgelegt worden, die über den Preis der Leipziger Buchmesse zu entscheiden hat, der in drei Kategorien vergeben wird. Die Juroren forderten etliche weitere Titel an, um ihre Vorauswahl vonjeweils fünf Nominierungen zu treffen.

Der mit insgesamt 60.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 vergeben. Die Jury setzt sich aus sieben deutschen Journalisten und Literaturkritikerinnen zusammen. Im Vorjahr gewann Guntram Vesper den Belletristik-Preis für seinen Roman "Frohburg". In der Kategorie Sachbuch/Essayistik wurde Jürgen Goldstein für "Georg Forster - Zwischen Freiheit und Naturgewalt" ausgezeichnet. Und als beste Übersetzung wurde Brigitte Döberts deutsche Fassung des serbischen Romans "Die Tutoren" von Bora Cosic prämiert.

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