Pressegroßhandel Amok-Comic sorgt für Kontroverse

Durch die Katastrophe von Winnenden gewinnt ein Medienstreit neue Aktualität: Der Pressegroßhandel will einen Gewalt-Comic nicht ausliefern. Ist die Maßnahme berechtigt oder Zensur? In dem Heft läuft schließlich kein Schüler, sondern ein Lehrer Amok.

Von Christian Fuchs


Haben blutige Videospiele oder Splatter-Comics Einfluss auf die Gewaltbereitschaft junger Menschen? Nach dem Amoklauf von Winnenden wird diese alte Frage neu diskutiert. Lautet die Antwort ja, erscheint eine aktuelle Maßnahme des Pressegrosso als nahezu prophetisch.

Comic-Magazin "Die! Oder Wir": "Eine Form von Zensur"
karlnagel.de

Comic-Magazin "Die! Oder Wir": "Eine Form von Zensur"

Ende Februar behinderte der Pressegroßhandel die Auslieferung des Comicmagazins "Die! Oder Wir". Eine interne Prüfung durch eine Münchner Anwaltskanzlei hatte zur Folge, dass das Heft als "nicht für den freien Vertrieb" eingestuft wurde. Anwalt Karl Ulrich Witte sah in der "exzessiven Gewaltdarstellung" in einer Geschichte des Blattes eine "schwere Jugendbeeinträchtigung".

In dem Comicstrip "Für heute reicht's" sieht man einen Lehrer, der zwölf Seiten lang Amok im "Bertolt-Brecht-Gymnasium" läuft, weil er von anderen Paukern gemobbt wurde. Die Geschichte erinnert an das Schulmassaker in Erfurt vor sieben Jahren - und nun wieder an Winnenden.

Die Boykottmaßnahme des Pressegrossos kam einem bundesweiten Verkaufsstopp nahe, weil sich alle 58 Zeitschriftengroßhändler in Deutschland an die Empfehlung hielten und das Heft meist nicht mehr an Kioske und Supermärkte auslieferten.

Von Kontroversen gezeichnet

Der Vertriebsstopp war heikel, da die Zeitschrift nicht offiziell von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in Bonn indiziert wurde. Dort lag bis Freitag vergangener Woche noch kein Antrag auf Indizierung vor. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierte den Pressegrosso für sein Vorgehen. Wirtschaftsverbände dürften nicht über Inhalte entscheiden. Hendrik Zörner vom DJV warf dem Großhandel "eine Form von Zensur" vor.

Ein Teil der Auflage musste vernichtet werden. Der Hamburger Verleger Karl Nagel vertreibt den Comic unterdessen auf seiner Web-Seite für 99 Cent pro Download und wehrt sich gegen Vorwürfe, sein Heft diene als Vorlage für Gewalt: "Auch die Leiden des jungen Werther könnten dann Anstiftung zum Selbstmord sein", sagt Nagel.

Den Autoren ginge es nicht um den Amoklauf, sondern um das Gedankenspiel: Was wäre, wenn unter der Maske ein Lehrer und kein Schüler steckte? "Unsere Geschichte eignet sich schon deshalb nicht als Vorbild für Schüler, weil bei uns der Lehrer Amok läuft." Seit voriger Woche ermittelt die Staatsanwaltschaft Bremen wegen des Verdachts auf Gewaltdarstellung gegen Nagel.

Bereits 2004 war der Pressegrosso in die Kritik geraten, weil er das Kunstmagazin "Steinstraße 11" aufgrund von pornografischen Donald-Duck-Parodien nur mit einer beschränkten Vertriebsempfehlung auslieferte.



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