Prix Goncourt Mit den Augen eines SS-Offiziers

"Les Bienveillantes", der Debüt-Roman des Amerikaners Jonathan Littell sorgt in Frankreich für Furore: Der jüdische Schriftsteller schreibt aus der Perspektive eines SS-Offiziers über den Holocaust und die NS-Zeit. Jetzt ist das Werk mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet worden.


Paris - Ein jüdischer Amerikaner schreibt auf Französisch ein Buch über den Holocaust – und das aus der Sicht eines gebildeten SS-Offiziers, der von seinen Morden an Juden berichtet, aber keineswegs ein reuiger Sünder ist. In Frankreich wurde Jonathan Littell mit seinem rund 900 Seiten starken Debüt-Roman über Nacht zum Literaturstar: 200.000 Exemplare des Buches wurden in Frankreich bereits verkauft, es stand wochenlang auf der französischen Bestsellerliste und wurde von der französischen Presse als Meisterwerk gefeiert. Gelobt wurde Littells Mut, den Holocaust mit den Augen eines Täters zu schildern. Um die Übersetzungsrechte entstand ein regelrechtes Gerangel: Der Berlin Verlag soll sich die Rechte für die deutsche Ausgabe für 400.000 Euro gesichert haben, ein britischer Verlag habe sogar eine Millionen Dollar gezahlt, heißt es.

Autor Littell: Intelligentes Spiel mit Zinnsoldaten
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Autor Littell: Intelligentes Spiel mit Zinnsoldaten

Doch der Erfolg des Romans stößt auch auf Unverständnis: Der französische Regisseur Claude Lanzmann ("Shoah") kritisierte, die Geschichte sei unrealistisch. Er wisse aus eigener Erfahrung, dass die Täter des Nationalsozialismus nicht so auskunftsfreudig seien, wie Littells Protagonist Dr. Maximilian Aue, Doktor der Jurisprudenz. In der Regel verdrängten sie ihre Taten und wollten sich nicht erinnern. Littells Roman beginnt mit den Worten: "Liebe Mitbrüder, lasst mich euch schildern, wie alles geschah." Wie das Wochenblatt "Die Zeit" berichtete, nehme der Autor die Kontroverse um sein Debüt durchaus wahr: Er freue sich über die positive Resonanz, doch das Urteil von Lanzmann sei ihm besonders wichtig.

Auch der Chefredakteur des französischen Kulturmagazins "Les Inrockuptibles" konnte sich der allgemeinen Begeisterung der Franzosen nicht anschließen. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" diagnostizierte er dem Buch "etwas Spätpubertierendes", von dem "bloß eine Ahnung von Fusel im Abgang" übrig bleibe. Die Zeitung "Libération" schrieb, das Buch erwecke den Eindruck, als spiele der Autor mit Zinnsoldaten, wenn auch auf sehr intelligente Weise. Andere Stimmen kritisierten, die Psychologie der Geschichte sei übertrieben. Allerdings ist die Persönlichkeit des Protagonisten recht vielseitig: Aue beginnt ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Schwester, entdeckt daraufhin sein Interesse am gleichen Geschlecht und tötet schließlich die eigene Mutter und den Stiefvater. All dies wird begleitet von ausführlichen Erläuterungen seiner Magen- und Darmprobleme.

Dennoch dürfte die Kritik Littell nicht allzu sehr betrüben, denn der "Prix Goncourt" ist die renommierteste französische Literaturauszeichnung. Die Ehrung, die zwar nur mit symbolischen 10 Euro dotiert ist, ist gleichbedeutend mit einem Ritterschlag.

Jegliche Vorwürfe, der Autor verbrüdere sich mit einem Nationalsozialisten werden indes bereits im Keim erstickt: Littell stammt aus einer jüdischen Familie mit osteuropäischen Wurzeln. Außerdem arbeitet er für humanitäre Hilfsorganisationen an Kriegsschauplätzen wie Ruanda, Bosnien oder Tschetschenien. Der Sohn eines Autors von Spionageromanen wurde in New York geboren und kam als Kind nach Frankreich. Seine Bücher schreibt Littell, der in Yale Literaturwissenschaft studierte und derzeit in Barcelona lebt, auf Französisch. Er begründet dies mit seiner Achtung vor den französischen Literatur-Granden Stendhal und Flaubert.

Ende Oktober wurde "Les Bienveillantes" (etwa: "Die Gnädigen") bereits mit dem Romanpreis der Académie Française geehrt. Die deutsche Übersetzung erscheint im kommenden Jahr. Die Verleihung des Prix Goncourt wird den Verkauf des Romans wohl noch weiter vorantreiben.

amg/dpa



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