Promi-Interviewer Gorkow "Ich schmeiße mich hemmungslos ran"

Als Journalist führt Alexander Gorkow legendäre Interviews für die Wochenendbeilage der "SZ", als Schriftsteller erzählt er in seinem Buch "Mona" von einer unmöglichen Liebe. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die Kunst der Anbiederung - und die ultimative Liebes-Formel.


SPIEGEL ONLINE: Herr Gorkow, gestatten Sie zu Beginn eine intime Frage?

Gorkow: Okay…

SPIEGEL ONLINE: Wie oft rasieren Sie sich eigentlich die Glatze?

Gorkow: Alle zwei Wochen. Ungefähr.

Journalist und Autor Gorkow: "Als Autor kann ich eitel sein"
Urban Zintel

Journalist und Autor Gorkow: "Als Autor kann ich eitel sein"

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Frisur so etwas wie Ihr Markenzeichen?

Gorkow: Keine Ahnung, es ist in dem Sinne ja gar keine Frisur. Jedenfalls sind die Haare so, seit ich 20 bin, sie werden halt nur grauer jetzt. Ich habe mir die damals bei einem Kumpel mehr so zum Spaß abrasiert - und fand das seither in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Style für Ihren Beruf als Journalist und Schriftsteller?

Gorkow: Da ich nicht im Fernsehen arbeite, wo man seine Visage ständig hinhalten muss, ist das für mich nicht wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Aber es schmeichelt Ihnen doch, wenn Mick Jagger, den Sie für die Wochenendbeilage der "Süddeutschen Zeitung" interviewt haben, sagt, Sie sähen aus wie der Musiker Memphis Slim?

Gorkow: Memphis Slim war zeitweise etwas untersetzt. Ich sag' ja immer, ich bin der einzige Journalist, der völlig uneitel ist, anders als zum Beispiel Leitartikler, die morgens dem amerikanischen Präsidenten erklären, dass er auf dem Holzweg ist. Und ich finde übrigens, dass es eine Menge über Mick Jagger aussagt, wenn er mich so anredet - und das ist ja das Entscheidende.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Ihnen Sylvester Stallone erzählt, dass er zu Hause heimlich Strohhalme wieder anklebt, die sich von seinem wertvollen Anselm-Kiefer-Gemälde gelöst haben, frohlocken Sie da innerlich?

Gorkow: Aber wie! Das war große Klasse! Sylvester Stallone ist ein rührender Kerl, den hab ich da sehr ins Herz geschlossen. Er wirkt wie ein hilfloser Junge. Aber: Der ist nebenbei hoch gebildet, ein komplexer Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Biedern Sie sich gelegentlich nicht sehr an die Prominenten an, die Sie interviewen?

Gorkow: Anbiedern ist kein Ausdruck. Ich schmeiße mich hemmungslos ran und zwar mit Anlauf. Was bleibt mir übrig, wenn ich nur 20 oder 30 Minuten habe? Da muss ich sofort losledern. Ich interviewe ja für "SZ Wochenende" keine Wirtschaftsbosse, die gerade ein paar tausend Leute entlassen. Wer auf diese Seite kommt, dem gegenüber haben wir eine gewisse Basisbewunderung.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit diesen Prominenten-Interviews bekannt geworden. Warum schreiben Sie auch noch Romane?

Gorkow: Weil es mir Spaß macht. Als Journalist bin ich komplett den Fakten verpflichtet, als Schriftsteller bastel ich mir den Wahnsinn in Form, gebe das meinem Verleger und sage: "Guck mal!" Ich bin wirklich gespannt, wer sich für so etwas interessiert. "Mona", mein neuer Roman, ist ja eine ziemlich absurde Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem ersten Roman "Kalbs Schweigen" haben Sie die Medien-Maschinerie persifliert. In "Mona" haben Sie mit der eher lebensuntüchtigen Figur des Blum, einem Ingenieur für Kühlkettensysteme, eine Gegenfigur zum aufgeklärten, abgebrühten Journalisten geschrieben. Langweilt Sie der Medien-Rummel?

Gorkow: Mich hat das ein bisschen geärgert, dass "Kalbs Schweigen" als Mediensatire gelesen wurde. Da stand ja nichts Neues über Medien drin. Ich fand es viel interessanter, ein Buch über einen Talkshow-Moderator zu schreiben, der einfach aufhört zu reden. Was "Mona" betrifft, da hatte ich was über einen Kältetechniker gelesen und fand es passend, meiner Figur diesen Beruf zu geben. Blum ist ein Mensch, der immer alles erklären kann und auch den Lesern sagt, wie sie sich verhalten sollen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es ein konkretes Vorbild?

Gorkow: Ich bin ein großer Jacques-Tati-Fan, auch Harold-Lloyd-Figuren hatte ich im Kopf. Ich mag es, wenn Menschen so tun, als hätten sie alles im Griff, doch hinter ihnen fällt alles in sich zusammen. Ich finde die Tragik, die da drin liegt, rührend. Der Blum ist ja ein rasender Trottel, einer von diesen Entidealisierten, die meinen, sie wüssten eh über alles Bescheid.

SPIEGEL ONLINE: Bereits auf der zweiten Seite verspricht er, dass er die Formel für die Liebe liefern werde. Wie lautet sie?

Gorkow: Das Buch ist die Formel. Wenn ein Mensch wirklich verliebt ist, dann ist es Blum.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zum Journalisten Alexander Gorkow. Gibt es eine Formel für das perfekte Interview?

Gorkow: Nein, aber ich belüge meine Interviewpartner nie, ich erzähle Ihnen nicht, dass ich Ihren Film oder ihr Album gut fand, wenn es nicht stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie war das mit dem "Big Brother"-Sternchen Kader Loth?

Gorkow: Tja, hüstel, die hatte diesen gewissen Charme der Straße. Sie hat uns auf freche Fragen verbal ziemlich was hingerührt. Sie kam damals zu uns in die Redaktion, allein ihr Auftreten und die offen stehenden Münder der Kollegen, das war schon eine Show. Sie war perfekt zurecht gemacht, die sah aus, als käme sie aus einer Fabrik.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch schlechte Erfahrungen gemacht?

Gorkow: So wie viele Journalisten habe ich mich einmal von Lou Reed demütigen lassen. Ich glaube, das ist das Bekannteste meiner Interviews, da werde ich heute noch drauf angesprochen. Der hat mich richtig auflaufen lassen. Ich war fertig danach und habe gedacht, dass meine Fragen zu schlecht waren. Aber als ich das Band abgehört hatte, habe ich gemerkt: Du bist ausnahmsweise nicht Schuld.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre Sternstunde als Interviewer?

Gorkow: Das ist Ansichtssache. Ich wende ja immer dieselben Tricks an, da liegt es an den Gesprächspartnern, ob sie aufmachen oder nicht. Gelegentlich bin ich richtig überrascht worden. Zum Beispiel bei Phil Collins. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das besonders toll werden würde. Aber das ist einer der lustigsten und intelligentesten Menschen, die man sich denken kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlen Sie sich, wenn sich die Leute plötzlich für Ihr Buch interessieren?

Gorkow: Wie ein Außerirdischer. Ich finde das – toll. Eine sehr ungewohnte Situation. Ich sitze ja berufsbedingt gelegentlich mit Prominenten rum, da finde ich es schon als Beisitzer anstrengend, wenn die Leute dauernd gucken. Als Autor kann ich eitel sein, den Leuten Geschichten erzählen, aber trotzdem kennt niemand mein Gesicht. Wunderbar.

SPIEGEL ONLINE: In einem Satz: Wie lautet die Botschaft Ihres Buches?

Gorkow: The message is love. Kann man nix machen.

Das Interview führte Jenny Hoch


Alexander Gorkow: "Mona". Kiepenheuer & Witsch, 184 Seiten, 17,90 Euro



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