Protokoll eines Literatur-Skandals: Wie sich Thor Kunkel um Kopf und Hintern redete

Von Henryk M. Broder

Das war er also, der große Literaturskandal des Frühjahrs: In der Debatte um Thor Kunkels Roman "Endstufe" geht es nurmehr darum, ob die Nazis wirklich Pornofilme gedreht haben oder ob der Autor seiner eigenen "intuitiven Recherche" auf den Leim gegangen ist. Das Protokoll einer Selbstdemontage.

Kunkel-Roman "Endstufe": Einstimmig verrissen"

Kunkel-Roman "Endstufe": Einstimmig verrissen"

Am Dienstag, dem 16. März, erschien in der "taz" ein Artikel des Berliner Autors und Verlegers Klaus Bittermann. Die Überschrift lautete: "Der Unterwäscheschnüffler", die Unterzeile erklärte, um wen und was es ging: "Thor Kunkel glaubt, seinen Nazi-Pornoroman auch noch bewerben zu müssen."Bittermann war im "Börsenblatt des deutschen Buchhandels" eine Anzeige des Eichborn Verlags aufgefallen, in der Thor Kunkel sein Buch "Endstufe" vorstellte: "Ich glaube, es ist wichtig, das Dritte Reich unter dem Aspekt der Verführung und der Verblendung zu sehen", so der Autor über sein Werk. "Ich habe versucht, das Private zu durchleuchten. Ich benutze Pornografie als poetische Metapher, um das Phänomen Drittes Reich vollständig zu erfassen."Bittermann zitierte nicht nur aus dem Werbetext, er nahm ihn auch Satz um Satz lustvoll auseinander. Dieser "Quatsch", so resümierte er, führe dazu, dass man sich beinahe wünsche, "der Nationalsozialismus möchte wieder auferstehen, damit Thor Kunkel in den reinen Genuss dieses Schreckens kommt". "Ich muss gar nichts mehr"Acht Tage später, am 24. März, druckte die "taz" einen Leserbrief von Kunkel ab, in dem er sich darüber beschwerte, "wie desinformiert" Klaus Bittermann sei. Denn, so Kunkel vollmundig und ein wenig umständlich: "Nach Interviews mit der 'New York Times', der BBC, ABC Australien, der 'Financial Times', 'El Mundo', 'La Stampa', 'China Daily' etc. 'glaube' ich natürlich nicht, meine 'Nazi-Pornografie' im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels 'bewerben zu müssen'. Ich 'muss' - um ganz ehrlich zu sein - überhaupt nichts mehr." Bittermanns Artikel, so Kunkel, sei "das Lächerlichste", was er seit Jahren gelesen habe "und der 'taz' sicher nicht würdig". Nun ist es der Traum aller Schriftsteller, sich ihre Kritiker aussuchen zu können. Kunkel macht da keine Ausnahme. Was ihn von den meisten seiner Kollegen unterscheidet, ist, dass er so schreibt, wie alte Damen Tee trinken: mit vornehm abgespreiztem kleinen Finger. Er ist einer, der beleidigt auf eine Glosse in der "taz" reagiert und dann behauptet, er müsse "überhaupt nichts mehr". Freilich: Es war nicht Klaus Bittermann, der sich voreilig aufblähte, sondern Thor Kunkel. Denn kaum war seine "Endstufe" bei Eichborn erschienen, wurde klar, dass die vielen Interviews - von der "New York Times" bis zur "China Daily" - daheim nichts genutzt hatten. "Hoden auf kleiner Flamme geschmort"Selten wurde ein Buch so einstimmig verrissen wie Kunkels Roman über eine angebliche Pornofilm-Produktion im Dritten Reich. "Ein Buch für den Papierkorb", urteilte das "Neue Deutschland" unter der Headline "Hoden auf kleiner Flamme geschmort". Der Rezensent der "Süddeutschen Zeitung" machte sich über Sätze wie "Sein gemartertes Glied bäumte sich schmerzerfüllt" lustig und stellte fest: "Überhaupt ist die Stilblüte Thor Kunkels eigentliches Terrain", der Roman sei "schlecht geschrieben, wirr, offen revanchistisch und hasserfüllt antiamerikanisch". Die "taz" war eher enttäuscht als empört: "Der Porno, der verpuffte". Die "Welt" sprach von einer "Orgie der Geschmacklosigkeit" und fragte, "wie besoffen oder bekifft ein Autor sein" muss, um einer Romanfigur, die aus einem KZ befreit wurde, den Satz in den Mund zu legen: "He, Freund, der Ofen ist aus." Der Kritiker des "Tagesspiegels" hatte keinen Roman, sondern ein "Traktat" gelesen, in dem "in uferloser Weitschweifigkeit eine kolportagehafte Geschichte zusammenschwadroniert" wird. Wenn Kunkel "die Schlacht von Stalingrad auf Ende 1941 datiert", sei das Zutrauen dahin, das Buch "langweilt, es ist entsetzlich öde und ... vollkommen belanglos".Niemand kam Kunkel zu HilfeNiemand kam Kunkel zu Hilfe, nicht einmal sein guter Kumpel, der Kritiker der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", der sich schon vor dem Erscheinen des Buches mit der Expertise blamiert hatte, der Text sei "ein glänzend geschriebenes, ungeheuer interessantes Manuskript von einem der besten Autoren der jüngeren Generation".Damit wäre die Causa Kunkel eigentlich erledigt gewesen, abzulegen in der Abteilung "Wie man aus einem Furz einen Fackelzug macht". Doch wie bei jeder Fehlzündung war die Sache mit einem Knaller nicht vorbei."Aspekte", das Kulturmagazin des ZDF, sonst immer auf der Seite der Avantgarde und der Widerspenstigen, begleitete Kunkel zur Leipziger Buchmesse, wo er sein Buch vorstellte. Kunkels aalige Selbstgefälligkeit und seine narzisstische Eigenliebe gingen sogar den abgebrühten Fernsehleuten zu weit. Der Beitrag über "Endstufe" wurde mit dem Satz "Sex sells und Hitler kommt auch immer gut" anmoderiert, dann kam Kunkel zu Wort.Er nutzte die Gelegenheit, sich engagiert zu entleiben. Die Nazi-Pornos, um die es in seinem Roman geht, "die wurden bisher noch nirgends dokumentiert, niemand, mit dem ich gesprochen habe, renommierte Filmhistoriker, auch Leute, die selbst über das Dritte Reich geschrieben haben, hatten jemals von diesen Filmen gehört. Ich meine, wir suchen doch heute alle, Schriftsteller meiner Generation, nach Geschichten, die interessant sind. Ich glaube, das war auch bei Herrn Grass und Herrn Walser niemals anders, man versucht Geschichten zu erzählen, die noch nie von jemand anders erzählt wurden.""Der Faschismus riecht bei ihm nicht nach Gas, sondern nach Sperma"
Autor Kunkel: "Kein Ding ist nur böse, kein Ding ist nur gut"
DPA

Autor Kunkel: "Kein Ding ist nur böse, kein Ding ist nur gut"

Wie die von den "Sachsenwald-Pornos", von dekadenten Nazi-Hygienikern, die sich mit "Sieg geil!" begrüßten, produziert, zum Zeitvertreib und um in Schweden gegen Eisenerz getauscht zu werden. Bis dahin hatte man Kunkels Wort als Beweis in eigener Sache genommen. Er selber behauptete, jahrelang recherchiert und viele Zeugen getroffen zu haben. Wurde er bei Schlampereien erwischt, zog er sich die Narrenkappe des Erzählers an und pochte auf sein Recht, die Wirklichkeit zu fiktionalisieren. Mal war er der fleißige Dokumentarist, mal der flotte Fabulierer. "Thor Kunkel schickt sich an, die Geschichte des Dritten Reiches neu zu schreiben. Der Faschismus riecht bei ihm nicht nach Gas, sondern nach Sperma", hieß es in dem "Aspekte"-Beitrag. Kunkel stolperte in die Falle und merkte es nicht einmal."Kein Ding ist nur böse, kein Ding ist nur gut. Auf der ganzen Welt nicht. Die Darstellung des Nationalsozialismus oder des Dritten Reiches in dieser holzschnittartigen Manier, da haben wir den Pol Stalingrad, den Pol Auschwitz, das erschien mir immer zu schwarz-weiß, ich hatte irgendwo angenommen, dass in diesem Bereich auch Grauzonen waren." Kunkel redete sich in "Aspekte" um Kopf und Hintern. Zwischen den Polen "Stalingrad" und "Auschwitz" war nicht nur Platz für "Grauzonen", sondern auch für jede Menge ziselierten Schwachsinn. Aber es war nicht alles gesendet worden, was er gesagt hatte. Deshalb kam er knappe drei Wochen, am 13. April, in der "kulturzeit" bei 3sat wieder zu Wort. "Hier ist endlich das Indiz, dass es wohl eine Seite des Dritten Reiches gegeben hatte, die so noch nicht so bekannt oder eigentlich im Bewusstsein der Öffentlichkeit drin war." Nun ging es also nicht um Beweise, die er anbot, sondern nur noch um "Indizien" und es klang, als wollte er ausprobieren, wie weit er gehen muss, bis sich auch die "Indizien" in Zeichen verwandelt hatten, die nur ein erfahrener Kaffeesatz-Leser deuten konnte. "Ich würde meine Recherche wohl als intuitiv bezeichnen", sagte Kunkel. Unzähligen Hinweisen sei er nachgegangen, "die nicht nur eben in Richtung Sachsenwald führten, sondern eben auch in andere Bereiche der Dritten-Reichs-Gesellschaft, ich würde schon immer sagen Upper Class, Vergnügungsklasse..."Die Tücken intuitiver RechercheKunkels "intuitive" Recherche führte die "kulturzeit"-Leute zu Werner Grassmann, dem Besitzer und Betreiber des Programm-Kinos "Abaton" in Hamburg. Grassmann erzählte, er habe vor über 30 Jahren, im September 1971, eine Serie namens "Erotik im Untergrund" präsentiert, darunter auch angebliche Nazi-Pornos, die aber in den fünfziger und sechziger Jahren produziert worden seien. Um die Sache noch anzuspitzen, habe man damals in den Programmzettel geschrieben, diese Filme hätten als Tauschobjekte für Rohstoffe und Rüstungsgüter gehandelt werden sollen. Das Ganze sei ein Jux gewesen, für jeden als solcher erkennbar. Auf Anfragen der "FAZ" und des "Tagesspiegels" räumte Grassmann allerdings ein, es könnte sein, dass die bei ihm gezeigten "Nazi-Pornos" nicht dieselben waren, die Kunkel zu seinem Roman angeregt hatten. Wie es auch war, die Behauptung, die Nazi-Pornos sollten im Ausland gegen kriegswichtige Materialien getauscht werden, hatte sich Kunkel jedenfalls nicht ausgedacht; die gehörte zum Gag-Programm des "Abaton" und war schon 33 Jahre alt, also fast so alt wie Kunkel.Darauf versuchte ein Kunkel wohl gesonnener Kollege im "Tagesspiegel" eine halbherzige Ehrenrettung des Autors und seiner "intuitiven" Recherche: der Mann sei "Romanschriftsteller und kein Porno-Wissenschaftler".Das hätte Kunkel besser gleich sagen sollen. Dann wäre die Geschichte um seinen Roman nicht zu einem Skandal eskaliert und der Verlag um die Chance gebracht, das Buch wie eine Samisdat-Schrift zu bewerben; "Gelobt, geschmäht, verleumdet - das Buch, über das alle reden". Das aber nur wenige lesen wollen, denn trotz aller Krawall-PR verkauft es sich lau. Dafür, sagt der Verleger, sei "das Interesse im Ausland beträchtlich". Also vermutlich dort, wo das australische Fernsehen gesehen und "China Daily" gelesen wird.Das also war er, der große Literaturskandal dieses Frühjahrs, der damit begann, dass der Rowohlt Verlag Kunkels Buch im letzten Moment aus dem Programm nahm, und der damit endete, dass es bald darauf bei Eichborn erschienen ist - und zwar so liebevoll lektoriert, dass man es dem Text nicht ansieht. Im Grunde geht es nur noch um die Frage, ob die Nazis Porno-Filme gedreht haben oder Kunkel Opfer seiner eigenen Obsession wurde, wie schon vor 21 Jahren ein Reporter namens Gerd Heidemann, der es kurzzeitig geschafft hat, sich und die halbe deutsche Öffentlichkeit von der Echtheit der Hitler-Tagebücher zu überzeugen, die er selbst in Auftrag gegeben hatte. Das war wirklich ein schöner Fall intuitiver Recherche.

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