Pubertätsroman "Sommernovelle" Ein Gefühl namens Panda

Ohne Inselkitsch erzählt Christiane Neudecker in ihrem Roman "Sommernovelle" von einem jungen Mädchen, das lernt, den Himmel zu lesen - und die Liebe zu verstehen. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die lesesüchtig macht.

Christiane Neudecker: Coming-of-Age-Geschichte mit Suchtfaktor
Jens Oellermann

Christiane Neudecker: Coming-of-Age-Geschichte mit Suchtfaktor

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Endlich hat dieses Gefühl einen Namen. Dieser Drang, immer Buchstaben um sich haben zu wollen; drei Bücher am Stück lesen zu müssen. Bis der Vater mahnt, zu viel lesen, das heiße sich zu verstecken. Und bis die Großmutter einen zum Rennen an die frische Luft schickt. Wenn man Gedanken an die Stadtbibliothek aufflackern lassen kann wie das Neonlicht, das dort in den Gängen scheint, dann ist man lesesüchtig. Dieses Gefühl also, das jeder Leser kennt, auch wenn es manchmal von Erwachsenenterminen und Netflix-Serien vertrieben zu werden droht, dieses Gefühl also, das ist die Panda in uns.

Panda ist 15 Jahre alt. Oder anders: Panda ist in dem Alter, in dem sie sich für ihren Badeanzug schämt und stolz ist auf die schwarzen Doc Martens, für die sie ein ganzes Jahr gespart hat. Ihre Haare hat sie mit Henna rot gefärbt und ihre Klamotten mit Batikfarbe schwarz. Panda schreibt Tagebuch und macht sich viele Notizen. Vor allem aber liest Panda.

Sie liest heimlich mit der Taschenlampe nachts immer weiter und weiter. Und auch tags immer weiter und weiter, bis die Buchstaben in ihrem Kopf zu tosen beginnen. Sie liest manchmal Erwachsenenbücher wie die von Lenz, Goethe und Hesse. Aber am liebsten dann doch die Bücher für Jüngere. Weil es da wenigstens immer um was geht, wie sie findet. Weil es das Jahr 1989 ist, macht sich Panda viele Gedanken um Tschernobyl und darum, ob sie ihr rot-weißes Palästinensertuch tragen soll, und um das Umkippen des Meeres. Und weil Panda und ihre beste Freundin Lotte finden, man müsse wirklich etwas tun, lässt die Autorin Christiane Neudecker sie in ihrer Coming-of-Age-Geschichte "Sommernovelle" zu einer Vogelschutzstation auf einer Insel in der Nordsee fahren.

Den Himmel lesen lernen

Die Vogelschutzstation wird geleitet von einem Professor mit einem auffallend großen Interesse an der Hausordnung und an seiner Sekretärin, die nur "das Fräulein" genannt wird und ausgesprochen schmallippig ist. Außerdem leben dort die Studentin Melanie sowie Julian mit den goldblonden Härchen auf dem Unterarm und zwei alte Männer, die schon zusammen im Krieg waren. Der eine, der nach Tabak, Kaffee und Vätern riecht, wird für Panda zu einer wichtigen Figur. Der alte Mann ist Vogelexperte. Einer von denen, die mit einem Blick wissen, wie viele Lachmöwen oder Säbelschnäbler, Ringelgänse oder Sandregenpfeifer am Himmel zu sehen sind. Die beiden schließen einen Pakt: Panda soll herausfinden, von welchem Schriftsteller eine Zeile stammt, die der alte Mann beim Blick über Dünen und Strand und Meer vor sich hin murmelt. Im Gegenzug bringt er ihr bei, den Himmel zu lesen.

Neudecker hat ein unbestreitbares Talent für Atmosphäre. Ein seltsames Ziehen stellt sich in der Bauchgegend ein, wenn sie von den Lupinen in den Gärten schreibt, von Heckenrosenbüschen und dem Geruch nach Algen und Salz und Schiffsmotorenöl und Pommes. An keiner Stelle Meereskitsch, dafür auf jeder Seite Wattglitsch. Aber so schön das auch ist (und so sehr sich dieses Buch als Strandlektüre aufdrängt), die eigentliche Frage, an der es sich messen lassen muss, ist natürlich die: Wie hätte Panda dieses Buch gefallen, in dem sie selbst gelandet ist? Hätte sie es gemocht, obwohl es ganz zweifelsfrei ein Erwachsenenbuch ist? Geht es wirklich um was?

Ein Schriftsteller, das würde Panda vielleicht sagen, ist jemand, der gelernt hat, den Alltag zu lesen. So wie sie lernt, den Himmel zu lesen. Mit einem Blick die Gesamtheit der Details zu erfassen. Es geht um verdruckste Telefonate mit den Eltern und eine unausgesprochene, alles überschattende Sorge um den Vater, es geht um das erste Mal geschminkt werden und den ersten Liebeskummer, der den Kajal gleich darauf wieder zerrinnen lässt. Es geht um Lachmöwen und Umweltschutz und selbstgekochte Spaghetti und Bungee-Jumping. Es geht um Lebenslügen und schmerzhafte Wahrheiten. Aber die Art und Weise, in der Neudecker all diese Details zu etwas Größerem zusammenfügt, lässt einen so fühlen, als schaute man in den Himmel, und sähe plötzlich nicht mehr nur ein unzählbares Durcheinander aus Vogel neben Vogel neben Vogel. Sondern könnte plötzlich, auf einmal und zum ersten Mal überhaupt, das große Ganze erfassen.

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