Pulitzer-Preisträger Junot Díaz "Unsere Gesellschaft ist vom Mythos der Reinheit besessen"

US-Bürger, Dominikaner, Immigrant, Nerd, Professor, Schriftsteller - Junot Díaz ist alles auf einmal. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Pulitzer-Preisträger über seinen Aufstieg zum Literaturstar und die Unterdrückung der Dritten Welt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Díaz, sind Sie abergläubisch? In Ihrem Roman "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao" stehen die dominikanische Hauptfigur Oscar und seine Familie unter Verdacht, mit einem Fluch belegt zu sein, einer karibischen Variante, Fukú genannt.

Díaz: Nein, ich bin ein hoffnungsloser Empiriker. Auch wenn das Fukú traditionelle folkloristische Wurzeln hat, ist es vor allem eine bestimmte Art, über die Konsequenzen und Fakten der Geschichte zu denken. Deswegen ist es so ein faszinierender Motor für Geschichtenerzähler. Solange die Figuren die richtigen Entscheidungen treffen, passiert nichts. Wenn sie aber eine falsche Entscheidung fällen, sind die Konsequenzen katastrophal.

SPIEGEL ONLINE: Ist Fukú auch ein Bild für die Unterdrückung der Dritten Welt? Im Buch heißt es darüber: "Die Ankunft der Europäer auf Hispaniola soll das fukú auf die Welt losgelassen haben, und seitdem sitzen wir in der Scheiße."

Díaz: Unsere Lebensbedingungen werden von brutalen Kräften bestimmt. Im Buch sind das die Eroberung und Versklavung der Dritten Welt. Der Kapitalismus ist ein Resultat daraus. Er ist nur möglich, weil es die Neue Welt gibt. Europa und Asien hätten ihre Wirtschaft nicht ohne sie reorganisieren können. Es geht also um die historischen Konsequenzen. Dass wir beide hier sitzen, ist komisch genug. Doch den Grund dafür, dass Sie nicht türkisch sprechen, findet sich in der Neuen Welt. Die Türken wurden aufgehalten, weil Frankreich und Spanien ihren Reichtum aus der Neuen Welt gezogen hatten. Wenn sie den nicht gehabt hätten, wären sie überrannt worden. Auch wenn es äußerlich nicht sichtbar ist, laufen diese alten Auseinandersetzungen unterschwellig immer mit.

SPIEGEL ONLINE: In Europa werden Debatten über die Folgen der Unterdrückung der Dritten Welt kaum geführt ...

Díaz: In den USA ist das nicht anders. Wir sprechen lieber über Ideologien wie den Kommunismus, die sowieso schon zusammengebrochen sind, als über die aktuellen Probleme. Wir sind da sehr eskapistisch.

SPIEGEL ONLINE: Was Ihre Person angeht, scheinen Sie eher vom Glück verfolgt zu sein. Sie haben eine märchenhafte Karriere hingelegt: In Ihrer dominikanischen Familie galten Bücher als "schwul", trotzdem wurden Sie Schriftsteller und hatten gleich mit Ihrem ersten Buch, der Story-Sammlung "Abtauchen", Erfolg. Das zweite, "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao", wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet ...

Díaz: Meine Karriere ist wundervoll, aber man muss sie in Relation sehen. Ich habe zwei Bücher in elf Jahren geschrieben, mehr nicht. In Frankreich hat sich mein erstes Buch damals nur 400-mal verkauft, in Deutschland waren es vielleicht 800 Exemplare. Das ist nicht viel. Das zweite Buch ist am Ende doch nur ein fiktionaler Roman über eine verrückte dominikanische Familie - auch wenn es einen Pulitzerpreis bekommen hat und viel Lob.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie so lange gebraucht?

Díaz: Ich habe mir einen enormen Druck gemacht, den kann kein Preis, kein Applaus und kein noch so großer Erfolg ausgleichen. Ich verlange extrem viel von mir selbst.

SPIEGEL ONLINE: Sie saßen also elf Jahre lang täglich vor dem Computer?

Díaz: Ja, ich weiß, es ist unvorstellbar! Es war Folter! Ich habe drei Freundinnen verschlissen, und es war immer meine Schuld, weil ich so verdammt depressiv und unglücklich war. Ich würde alles dafür geben, wenn ich so problemlos schreiben könnte wie einige meiner Kollegen. Ehrlich gesagt, würde ich lieber 15 mittelmäßige Bücher schreiben als drei angeblich Gute.

SPIEGEL ONLINE: Sie kamen als Kind in den frühen siebziger Jahren in die USA, wie war es, sich in einer neuen Kultur zurechtzufinden?

Díaz: Es war nicht einfach, aber ich war ein lebhaftes Kind, deswegen war ich nicht alleine und fand schnell Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie kilometerweit zur Bibliothek laufen mussten, um an Bücher zu kommen?

Díaz: Kinder spielten damals nicht dieselbe Rolle wie heute, man wollte sie haben, aber die Welt hörte nicht auf, sich zu drehen, nur weil ich ein Buch wollte. Heute ist das anders, da wird alles um die Kinder und ihre Wünsche herumorganisiert. Wir waren sehr unabhängig: Ich wollte ein Buch, also habe ich einen Weg gefunden, eins zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was für eine Karriere haben sich Ihre Eltern für sie vorgestellt?

Díaz: Die typische Karriere, von der alle lateinamerikanischen Immigranten träumen: Sie erwarteten, dass wir sehr reich würden. Eine meiner Schwestern ist zum Beispiel eine erfolgreiche Anwältin geworden. Ich dachte, ich würde eine militärische Karriere einschlagen, so wie mein Vater. Aber ein guter Freund kam als Veteran aus Panama zurück und sagte: Mach es nicht. Ich habe viel auf seine Meinung gegeben, also musste ich mir was anderes überlegen. Ich war umgeben von Büchern, trotzdem dauerte es Jahre, bis die Erkenntnis reifte, dass ich Schriftsteller werden wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Ihre Familie darauf reagiert?

Díaz: Sie haben es erst realisiert, nachdem mein erstes Buch herausgekommen war. Aber wir sind fünf Geschwister, meine Eltern haben sich gedacht: Einer ist halt verrückt geworden.

SPIEGEL ONLINE: Die Familie kommt bei Ihnen nicht gut weg. Sie ist extrem dominant und scheint die Figuren schier zu erdrücken. Was haben Sie gegen diese Institution?

Díaz: Familien sind merkwürdig. Diktaturen, wie zum Beispiel das Trujillo-Regime in der Dominikanischen Republik, hätten ohne sie nicht funktioniert, denn sie reproduzieren dieselben Unterdrückungsmechanismen. Gleichzeitig machen Familien das Überleben in Diktaturen erst möglich. Die Bindungen sind extrem stark, und die Leute glauben wirklich an diesen Blutsbande-Mist. Immerhin entsteht durch Familien so etwas wie Loyalität.

SPIEGEL ONLINE: Stört es Sie, dass sie von der Kritik und den Lesern oft in die Schublade "exotischer dominikanischer Autor" gesteckt werden?

Díaz: Diesen Kampf kämpfe ich, seitdem ich ein Kind bin. Als ich noch in der Dominikanischen Republik lebte, war ich das Kind, das in die USA gehen würde, weil mein Vater schon dort war. Als ich in die USA kam, war ich der Nigger, inzwischen werde ich eher mit Labels belegt, von denen die Leute denken, sie seien positiv. Am Ende ist es dasselbe: Die Leute stecken dich in eine Schublade, weil sie die Dinge vereinfachen wollen. Ich bin ein dominikanischer Schriftsteller, aber ich bin zugleich auch ein Schriftsteller aus New Jersey, ein karibischer Schriftsteller und ein Immigranten-Schriftsteller. Und da ist immer noch Freiraum für all das, was ich noch werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird es eher als Defizit wahrgenommen, in zwei Kulturen zugleich zu Hause zu sein, anstatt als Bereicherung?

Díaz: Weil diejenigen, die die Normen setzen, selber keine gemischte Identität haben oder sie verleugnen. Unsere Gesellschaft ist vom Mythos der Reinheit, Einheit und Einfachheit geradezu besessen. Das lässt sich in Ländern wie Deutschland besonders gut besichtigen, denn hier schafft man es seit 50 Jahren nicht, die Minderheiten zu integrieren. Die Deutschen verwenden mehr Energie darauf, die Gegensätze zwischen sich und den Minderheiten zu betonen, als darauf, eine multikulturelle Gesellschaft zum Funktionieren zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Warum spielt Musik im Roman nicht eine größere Rolle?

Díaz: Warum sollte sie?

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie wie ein DJ arbeiten und die Figuren aus unterschiedlichen Kulturen sampeln.

Díaz: Das stimmt, aber echte DJs und ich als Schriftsteller sind nur ärmliche Schatten im Vergleich zum großen DJ Karibik. Sie bedient sich aus allen möglichen Kulturen und setzt die Einzelteile zu einem neuen Gebilde zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam Ihnen die Idee, den übergewichtigen, frauenfixierten Nerd Oscar ausgerechnet mit dem homosexuellen Dandy Oscar Wilde zu vergleichen? Wao ist ja eine lautmalerische Abwandlung des Namens Wilde.

Díaz: Das ist ganz einfach: Oscar Wilde wurde von der Liebe zerstört. Er unterschätzte die Reaktion der britischen Gesellschaft auf die Tatsache, dass er in einen weißen heterosexuellen Mann verliebt war, und sie zerstörte ihn. Oscar unterschätzt die Dominikanische Republik, er denkt, er könne dort seine Liebe finden, und muss das bitter bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Sex spielt eine wichtige Rolle im Buch. Oscar wird seine Jungfräulichkeit nicht los, der Erzähler Yunior ist ein unverbesserlicher Schürzenjäger, und die Frauen werden nach der Größe ihrer Brüste und Hintern beurteilt. Bedienen Sie da nicht das Klischee des lateinamerikanischen Machismo?

Díaz: Die Tatsache, dass Oscar seine Jungfräulichkeit verlieren will, hat mit Lateinamerika nichts zu tun. Auch in den USA ist man geradezu besessen von Titten und Hintern. Das beweist schon die enorme Anzahl an Brustvergrößerungen, die dort vorgenommen werden. Die Figuren stammen also aus zwei extrem sexualisierten Gesellschaften. In gewisser Weise überdeckt die Sexualisierung von Frauen die Sehnsucht der Männer nach Intimität. Oscar ist davon ausgeschlossen, aber auch Yunior, der alle Frauen bekommt, die er will, ist nicht zur Intimität fähig. Er scheitert und ist am Ende alleine.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in einem Mischmasch aus Englisch und Spanisch, auch in der deutschen Übersetzung wimmelt es von spanischen Ausdrücken und Straßenslang. Inwieweit spiegelt dieses "Spenglish" die reale Sprache, so wie sie tatsächlich von Immigranten gesprochen wird?

Díaz: Die geschriebene Sprache ist immer eine Metapher für die gesprochene. Desto "echter" sie klingt, desto weiter entfernt ist sie in Wahrheit von der Umgangssprache. Ich gebe der Sprache den Anschein, Umgangssprache zu sein, aber tatsächlich ist sie sorgfältig konstruiert.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern spiegelt sich in der Hybridität der Sprache auch das Thema der fragmentierten Identitäten?

Díaz: Indem sie die Neue Welt reflektiert. Das Konzept linguistischer Reinheit ist absurd. Vor allem in der Karibik, wo sogar die Dänen und so viele andere Nationen auch Kolonien hatten.

SPIEGEL ONLINE: In den USA stellen die Lateinamerikaner die größte Minderheit, sie haben wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Inwiefern werden sie die amerikanische Gesellschaft ändern?

Díaz: Sie haben sie schon verändert. Doch jetzt wird durch die ökonomische Krise vieles rückgängig gemacht. Barack Obama ist nicht Jesus Christus. Das Hauptproblem für die Latinos ist: Die meisten progressiven Programme zu Themen wie Immigration oder sozialer Gerechtigkeit wurden gestoppt, bis die Wirtschaft wieder läuft.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Tatsache, dass Obama gewählt wurde ...

Díaz: ... ist ein großartiges Zeichen, ein Zeichen für ein neues Land! Ich bin voller Hoffnung, aber trotzdem sind wir sehr instabil und verletzlich. Niemand weiß, was passieren wird.

Das Interview führte Jenny Hoch


Junot Díaz: "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao", Aus dem Amerikanischen von Eva Kemper. S. Fischer Verlag, 384 Seiten, 19,95 Euro



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