Pulitzer-Preisträger William Styron ist tot

Er wurde kein Literatur-Star wie seine Zeitgenossen Norman Mailer oder Gore Vidal. Dennoch gehörte William Styron zu den bedeutendsten Stimmen der amerikanischen Spätmoderne. Jetzt ist der amerikanische Autor im Alter von 81 Jahren gestorben.


Dass Autoren die dunklen Seiten der Existenz erforschen, ist fast schon ein Klischee. So lesen sich die Titel von William Styrons Büchern wie die Bestätigung eines Gemeinplatzes: "Lie Down in Darkness" hieß sein Roman-Debüt, später veröffentlichte er "Darkness Visible", den Erfahrungsbericht einer Depression.

Autor Styron (1960): "Schreiben ist die Hölle"
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Autor Styron (1960): "Schreiben ist die Hölle"

Doch Styron lieferte keine Prosa-Melodramen, sein Stil war an der Exaktheit und Komplexität seiner Vorbilder Flaubert und Faulkner geschult, seine Themen waren nicht romantisch, sondern tragisch.

Schon der Erstling, die Geschichte über den Selbstmord eines Südstaaten-Mädchens, wurde deshalb scharf kritisiert: die Figuren seien morbid, die Moral sei zweifelhaft. Der Roman erschien 1951 - Styron lebte in Paris, wo er die berühmte Literaturzeitung "Paris Review" mit aus der Taufe hob, der er später im Interview sagte: "Schreiben ist die Hölle".

Der Künstler als Selbstquäler und Gequälter - dieses Bild verdichtete sich 1990 zum eindrucksvollen Krankenbericht "Darkness Visible" (deutsch: "Sturz in die Nacht"), in dem Styron sein Leiden an einer schweren Depression beschrieb. Das Buch sorgte für Furore und zeigte den Dichter als Opfer einer Krankheit, die bis dahin weitgehend verschwiegen oder verharmlost wurde.

Styrons Krankheitskonfessionen nahmen sich vor dem Hintergrund seiner Karriere umso bestürzender aus: Er hatte es als Autor zu höchsten Weihen gebracht, für seinen 1967 erschienenen Roman "Nat Turner" über einen Sklavenaufstand, Mitte des 19. Jahrhunderts, erhielt er den Pulitzer-Preis, den Oscar der amerikanischen Literatur. Das Nachfolgewerk, "Sophies Entscheidung" (1980), wurde zum Weltbestseller und im großen Stil mit Meryl Streep verfilmt. Anders als seine Vorgänger spielte der Roman nicht im Süden, sondern in New York, wo eine polnische Auschwitzüberlebende ein neues Leben anfangen will, dem Erlebten aber nicht entkommen kann.

Dem 1925 in Newport News, Virginia, geborenen Dichter gelang die Flucht aus seiner eigenen, von Alkoholsucht bestimmten Lebenshölle; sein Werk bleibt in seinen fiktionalen und berichtenden Facetten das eindrucksvolles Zeugnis der Daseinskämpfe nicht nur des Kreativen.

Gestern ist William Styron im Alter von 81 Jahren nach langer Krankheit gestorben.

dan



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