Pulp-Legende Mickey Spillane ist tot

Sein Vermächtnis findet sich bei Quentin Tarantino und in "Sin City": Mickey Spillane, der mit fünf sadistischen Pulp-Novels über den Detektiv Mike Hammer ein ganzes Genre revolutionierte, ist im Alter von 88 Jahren gestorben.


Mike Hammer ist der Prolet unter den großen amerikanischen Detektiven: Sadistisch und kaltblütig, immer einen geknurrten Spruch auf den Lippen, schoss sich Mickey Spillanes Romanheld durch diverse Bücher und TV-Serien. Die Hammer-Romane gehörten zum Gewalttätigsten, was die US-Literatur der vierziger und fünfziger Jahre zu bieten hatte.

Autor Spillane (In "The Girl Hunters", 1963): Erfinder des Hardboiled-Krimis
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Autor Spillane (In "The Girl Hunters", 1963): Erfinder des Hardboiled-Krimis

Ein Rezept, das gut funktionierte: Gleich sein erster Roman verhalf Spillane zu Instant-Ruhm. "I, the Jury", 1947 erschienen, verkaufte sich prächtig und provozierte die Kritiker: Spillane habe ein sehr naives Verständnis von Recht und Ordnung, seine Geschichten seien roh, unrealistisch und unelegant. Nichtsdestotrotz legte der 1918 als Frank Morrison Spillane in Brooklyn geborene Schriftsteller nach und zementierte seinen Ruf als kaltschnäuzigster Vertreter des noch jungen Pulp-Genres mit literarischen Reißern wie "Vengeance is Mine", "My Gun is Quick", "The Big Kill" und "Kiss Me, Deadly".

Auch wenn der nachhaltige Erfolg in späteren Jahren sogar von Kritikerlob gekrönt war, wusste Spillane stets, wo er steht. Seine Bücher beschrieb er einmal als "Kaugummi der amerikanischen Literatur", seine Fans nannte er "Kunden". "Ich schreibe nicht für die Kritiker, ich schreibe für die Öffentlichkeit", sagte er einmal und gab zu, sich selbst als "Money writer" zu betrachten, der schreibt, um Geld zu verdienen.

Woher die Gewalt in seinen Roman kam, konnte nie ergründet werden. Spillane wuchs als Sohn eines Katholiken und einer Presbyterianerin auf, bezeichnete sich aber selbst als nicht religiös. Erst 1951, auf der Höhe seines Erfolgs, schloss er sich den Zeugen Jehovas an und überzeugte auch seine Mutter und seine damalige Ehefrau davon zu konvertieren. Statt zu schreiben, zog er von Tür zu Tür, um das Wort Gottes zu verbreiten. Zwischen 1952 und 1962 erschienen keine Romane. Spätere Werke, bemängelten Kritiker, ließen den Furor und den puren Sadismus der ersten fünf Bücher vermissen.

Spillanes Stilistik hat ganze Generationen von Pulp-Schriftstellern beeinflusst. Während er selbst die klassischen Noir-Detektive Sam Spade und Philip Marlowe als Vorbilder für seinen hartgesottenen Mike Hammer verwendete, bezogen sich spätere Hardboiled-Autoren wie Jim Thompson oder Elmore Leonard vor allem auf die blutrünstige Mixtur aus Sex und Gewalt, die Spillane gebraut hatte. Filmemacher wie Quentin Tarantino und Comic-Autoren wie Frank Miller ("Sin City") machten das Genre zur Popkultur.

Tatsächlich war Mike Hammer in den prüden Fünfzigern starker Tobak und lässt tief in die soziokulturellen Zusammenhänge von unterdrückter Sexualität und Aggression blicken: In "I, the Jury" wird der Detektiv so wütend auf eine Psychiaterin, dass er sie in ihren nackten Bauch schießt. Im Sterben fragt sie ihn: "Mike, wie konntest Du nur?", und Hammer erwidert: "Es war so leicht." Velda, Hammers blonde und bildhübsche Assistentin, hat sich in ihren Chef verguckt, aber alles, was sie nach mehreren Büchern treuer Dienste bekommt, ist ein grausamer und qualvoller Tod.

Die Mike-Hammer-Krimis wurden vielfach für Kino und Fernsehen verfilmt, zur berühmtesten Leinwand-Adaption gehört "Kiss Me, Deadly" von 1955 mit Ralph Meeker in der Hauptrolle. Die erste TV-Serie mit Darren McGavin als Mike Hammer lief von 1956 bis 1959, Stacy Keach war von 1984 bis 1987 in der Rolle zu sehen. Keach trat von 1997 bis 1998 in der Reihe "Mike Hammer, Private Eye" noch ein letztes Mal als Spillanes Held vor die Kamera.

Doch Spillanes literarisches Leben bestand nicht nur aus verruchten Frauen, mörderischen Gangstern und harten Detektiven. Der ehemalige Luftwaffenpilot im Zweiten Weltkrieg hatte in den vierziger Jahren begonnen, Comics für die New Yorker Talentschmiede Funnies Inc. zu betexten. Später schrieb er zwei völlig gewaltfreie Kinderbücher. Mike Hammer ließ ihn dennoch niemals los. Spillane trat 1963 in "The Girl Hunters" selbst als sein literarisches Alter Ego auf und spielte Detektiv-Rollen in verschiedenen Filmen und TV-Produktionen.

Mickey Spillane starb gestern nach langer Krebserkrankung in seinem Haus in Murrells Inlet in South Carolina. Er wurde 88 Jahre alt.

bor



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