US-Analyse von J. J. Sullivan Ein Volk gefühlsduseliger Barbaren

In den USA gilt John Jeremiah Sullivan bereits als Star-Autor. Jetzt erscheint seine Essay-Sammlung "Pulphead" auf deutsch und beweist: Der Ruhm ist gerechtfertigt. Sullivans Texte geben nicht nur Aufschluss über literarische Trends, sondern auch über die geistige Verfasstheit der Vereinigten Staaten.

Sullivan-Thema Tea Party: Herausragendes Stück
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Sullivan-Thema Tea Party: Herausragendes Stück

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Wie funktioniert das System der Star-Autoren? Wie schaffen sie es, unter Tausenden von Kollegen aus Print, Fernsehen und Internet herauszustechen? Welches Bedürfnis bei Medien und Lesern bedienen sie, dass sich beide derartig auf sie stürzen?

Es sind diese Fragen, die man im Hinterkopf behalten muss, wenn man "Pulphead" von John Jeremiah Sullivan liest. In dem Sammelband, der in diesen Tagen bei Suhrkamp erscheint, sind 15 Artikel und Reportagen enthalten, die Sullivan seit 1999 in so unterschiedlichen Publikationen wie dem "Oxford American" oder der US-Ausgabe von "GQ" veröffentlicht hat. Für Aufsehen hat Sullivan mit diesen Texten schon vorher gesorgt, vor allem sein Porträt von Axl Rose ("GQ", 2006, hier im englischen Original zu lesen) gilt als legendär. Doch erst in der Zusammenstellung in Buchform haben sie ihn zum Star-Schreiber gemacht.

"'Pulphead' ist die beste und wichtigste Sammlung von Magazinjournalismus seit David Foster Wallaces 'A Supposedly Fun Thing I'll Never Do Again'", schrieb die "New York Times Book Review". "Seine zwanghafte Ehrlichkeit und seine rasend intelligente Prosa erinnern an die Arbeiten amerikanischer Meister des New Journalism wie Hunter S. Thompson und Tom Wolfe", schrieb "Time". In diversen Jahresbestenlisten in US-Medien wurde "Pulphead" als eines der besten Sachbücher 2011 aufgeführt.

Das Spektrum der US-amerikanischen Mythologie

Schaut man sich die Themen an, über die Sullivan schreibt, erschließt sich die Dringlichkeit seiner Texte, die trotz der großen Spannbreite der Entstehungsjahre gegeben ist, sofort: Sullivan schreibt über die Tea-Party-Bewegung, über Reality TV, über Michael Jackson, über das von Hurrikan Katrina heimgesuchte New Orleans, über die Ursprünge des Blues - also gewissermaßen das gesamte Spektrum der neueren US-amerikanischen Mythologie.

"Vom Ende Amerikas" hat Suhrkamp die deutsche Ausgabe von "Pulphead" untertitelt. Das klingt nicht nur unangenehm nach präpotent auftrumpfendem old Europe. Es ist auch grundlegend falsch, denn wenn Sullivans Texte eines zeigen, dann ist es, dass die Mythologie dieses Landes nichts an Strahlkraft eingebüßt hat. Oder besser: Dass Sullivan dieser Mythologie zu neuer Strahlkraft verhelfen kann.

Das hat zu großen Teilen damit zu tun, dass sich Sullivan als Southern Writer, als Südstaaten-Autor in der Tradition von Männern wie William Faulkner, Robert Penn Warren oder Barry Hannah versteht. Der Text, der Sullivan den Prestige reichen National Magazine Award einbringen sollte, war denn auch "Mr. Lytle", das Porträt seines literarischen Mentors Andrew Nelson Lytle an der Sewanee-Universität in Tennessee. Behutsam und zielstrebig zugleich zeichnet Sullivan das Bild eines Mannes voller Widersprüche, eines Mannes der seine Ehefrau liebte und schwule Affären hatte, der ein phantastischer Lehrer war und selber unter Schreibblockaden litt, der zu rassistischen Ausfällen neigte und gleichzeitig die eigene Verwandtschaft vergraulte, eines Mannes, für den der Bürgerkrieg noch immer kein Ende gefunden hatte. In Lytle nicht das pars pro toto einer ganzen Region zu sehen - ebenso auseinandergerissen wie am Leben gehalten durch ihre Widersprüche -, fällt schwer.

Warum man Prince Screws erwähnen muss

Die Südstaaten als kultureller Topos haben in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. Als würden die ehemaligen Konföderationstaaten einen dritten Ort besetzen, der nicht von Republikanern oder Demokraten eingenommen ist, finden hier Schriftsteller, Fernsehautoren und Filmemacher Inspiration für Geschichten, die von einem anderen Amerika erzählen, von einem alten, aber auch einem neuen, in dem es nicht mehr um parteipolitische Konflikte, sondern ums schiere Überleben gebt. Ob Bücher wie "The Help", Fernsehserien wie "Treme", Kinofilme wie "Killer Joe", Dokumentationen wie "United States of Hoodoo": Sie alle erzählen Geschichten des Südens.

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Wenn Sullivan seinen Text über Michael Jackson mit dessen Ur-Ur-Großvater Prince Screws, einem Sklaven auf einer Baumwollplantage in Alabama, beginnen lässt, nein, wenn Sullivan seinen Text mit der Anklage beginnt "Wie sonst kann man über Michael Jackson reden, als dass man Prince Screws erwähnt?" Dann ist das auch eine klassische Geschichte des Südens, die er nur neu erzählt.

Auch formal fügen sich Sullivans Texte in einen Trend, nämlich den (Wieder-)Aufstieg des Essays zur maßgeblichen literarischen und journalistischen Form. James Wood hat das im "New Yorker" mit zwei Entwicklungen erklärt: Zum einen mit dem Qualitätsverlust der US-amerikanischen Zeitungen, die von Magazinen wie "n+1", aber auch "GQ" als vornehmster Ort für anspruchsvollen, ausladenden Journalismus abgelöst wurden. Und zum anderen mit der zunehmenden Konventionalität des Durchschnittsromans, der sich am strengen Gefüge von Plot, Szenen, Konflikten, Dialogen und bezeichnenden Details festklammert.

Weinend und Gewichte stemmend

Dass es mit Jennifer Egan und Zadie Smith zurzeit zwei Romanautorinnen gibt, die als besonders innovativ gefeiert werden, bestätigt diese Diagnose eher noch, als dass es sie widerlegt: Beide experimentieren weitreichend mit kleinen Textformen innerhalb ihrer episch angelegten Romane. Egans Pulitzer-Preis-gekröntes Buch "A Visit from the Goon Squad" kann man ebensogut als detailgenau recherchierte Essays über die Musikbranche, wie auch als Kurzgeschichten lesen. Smith streut in ihren neuen Roman "NW" sogar 185 nummerierte Textminiaturen ein. (Wobei man sich bei Smith sich angesichts ihrer brillanten Texte zu E.M. Foster oder der Rolle von Humor in ihrer Familie immer wieder fragen muss, ob sie nicht eigentlich die bessere Essayistin denn Romanautorin ist.)

Natürlich hat auch Mark Greif, ein weiterer junger Star-Autor, mit seinen Essay-Sammlungen "What was the hipster?" und "Bluescreen" den Boden bereitet für Sullivans Erfolg. Die Kontraste zwischen Greif und Sullivan könnten aber kaum größer sein. Besonders eindrücklich zeigt sich das an den Texten, die beide zu Reality TV verfasst haben. Während Greif in dem Essay "Die Realität von Reality TV" den Erfolg von Shows wie "Jersey Shore" mit großem bildungsbürgerlich versierten Aufwand analysiert, offenbart sich Sullivan in "Der wahre Kern der Wirklichkeit" unumwunden als Fan von "The Real World".

Sullivans Begründung für die Relevanz solcher Formate ist inkonsistent, weil zirkulär: Reality TV sei nicht bedeutsam, weil es echte Menschen zeige, sondern weil es echte Menschen beim Agieren in einer Reality-TV-Show zeige. Womit man wieder beim Anfang wäre. Genau die Emphase, mit der er über "The Real World" schreibt, bietet jedoch eine Erklärung für die Relevanz: Zurzeit bietet kein Format seinen Teilnehmern und Zuschauern mehr Raum für Emotionen als Reality-TV. "Bei Gott", schreibt Sullivan, "in Reality-Shows sind mehr Tränen vergossen worden als von sämtlichen Kriegswitwen dieser Erde. Sind wir so dünnhäutig, so verletzlich? Muss wohl so sein. Es gibt einfach zu viele von ihnen, zu viele Sendungen und zu viele Leute in diesen Sendungen, als dass sie uns nicht etwas Grundlegendes über uns selbst verraten würden. Das sind wir: ein Volk gefühlsduseliger Barbaren, weinend und Gewichte stemmend."

Tequila statt Rousseau

Womit wir dann auch endgültig bei der Erklärung wären, warum Sullivan zu einem Star-Autoren geworden ist. Wie kein zweiter wirft sich Sullivan in seine Recherchen. Er will wirklich etwas erfahren und nicht nur sein Wissen anbringen. Wenn er über Reality TV schreibt, bemüht er nicht Rousseau, sondern trinkt Tequila mit "the Miz", einem ehemaligen Show-Teilnehmer in einer Großraumdisco im Nirgendwo. Und wenn er von etwas begeistert ist, dann soll diese Begeisterung bitte aus jedem einzelnen Wort heraussprechen.

Sullivan stützt sich in seinen Texten allein auf seine eigene Erzählstimme. Das heißt nicht, dass nicht auch andere Menschen zu Wort kommen. Aber Sullivan macht deutlich, was er aus ihren Gesprächen heraushört und aus ihren Gesten herausliest. Je offenkundiger er seine Subjektivität macht, desto verlässlicher wird sie.

In dem Text "Bruder gegen Bruder" (hier im englischen Original zu lesen), dem herausragenden Stück des Sammelbands, kommt dann alles zusammen. Da nimmt Sullivan an einer Großdemo der Tea-Party-Bewegung in Washington teil, da testet er die Grenzen des Essays aus, indem er zunächst einen Tea-Party-Sympathisanten emuliert, da fährt er nach Kentucky, um über einen möglichen Lynch-Mord an einem Volkszähler zu recherchieren, da legt er seine Verbundenheit mit der Region offen und leidet doch an ihr, da erklärt er anhand des knappen Zuruf eines Polizisten ("Come on back") die gesamten Gepflogenheiten Kentuckys. Ein Star-Autor? Absolut.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Stephan Thomes "Fliehkräfte", Rainald Goetz' "Johann Holtrop", Emmanuel Carrères "Limonow", Ulf Erdmann Zieglers "Nichts Weißes", Michael Frayns "Willkommen auf Skios" und Juli Zehs "Nullzeit".

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deus-Lo-vult 20.09.2012
1. ...
Zitat von sysopAFPIn den USA gilt John Jeremiah Sullivan bereits als Star-Autor. Jetzt erscheint seine Essay-Sammlung "Pulphead" auf deutsch und beweist: Der Ruhm ist gerechtfertigt. Sullivans Texten geben nicht nur Aufschluss über literarische Trends, sondern auch über die geistige Verfasstheit der Vereinigten Staaten. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,852701,00.html
Geistige Verfasstheit? Oder doch lieber geistige Verfassung?
Mo2 20.09.2012
2. interessant
Das muss ich wohl lesen, allein um den Vergleich mit Hunter S. Thompson zu überprüfen. Jedenfalls trifft die Wendung "gefühlsduselige Barbaren" schon mal wunderbar ins Schwarze (sic). Der Untertitel "Vom Ende Amerikas" klingt für mich nicht nach "unangenehm präpotent auftrumpfenden old Europe". Wie kann man ernsthaft der Meinung sein, dass die USA (old Europe natürlich auch) schon weit über den Anfang der Endes hinaus sind? Mr. Rommney hat es durch seine unglaubliche Dusseligkeit glücklicherweise etwas hinaus geschoben ;-)
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