Musikerroman Punk ist nicht tot, er riecht nur komisch

Sätze, an denen Bier und Tränen kleben: Dietmar Sous hat mit "San Tropez" einen hinreißend verkommenen Roman über alternde Musiker geschrieben.

John Lydon von den Sex Pistols 2008
Getty Images

John Lydon von den Sex Pistols 2008


Sie sind nicht mehr ganz taufrisch, die Hauptakteure in Dietmar Sous' neuem, wunderbar schnoddrigen Roman "San Tropez" - Ex-Musiker allesamt, Best Ager, 50 plus. Das einst lodernde Feuer ihrer Musikleidenschaft ist über die Jahre zu einem müden Glimmen verkommen - und die good vibrations sind längst passé. Der Rest ist bunter Anekdotenplunder, dann und wann nach dem zehnten Bier zum ultimativen Heldenepos hochgejazzt.

Doch als Mitch, Frisör, Benz und der Ich-Erzähler sich nach 35 Jahren wieder treffen, ist schlagartig alles wieder da: Das Leuchten in den Augen - und auch die Lust auf den Griff in die Stahlsaiten. Mit ihrer Punkband "Mitch And The Lazenbys" waren die Vier halbwegs erfolgreich durch die schrägen Achtziger getourt. "Die Frage Was kostet die Welt wurde damals von Mitch erfunden" - den heiß ersehnten "Durchbruch" aber hatten immer die anderen gehabt. Aber nun das: Ein TV-Sender hat einen Wettbewerb für Amateurbands ausgerufen, an dessen Ende dem Sieger unglaubliche 500.000 Euro winken. Grund genug für Mitch, die Jungs wieder zusammenzuholen, um noch einmal gemeinsam nach den Sternen, äh, Scheinen zu greifen.

Und genau hier setzt Sous' Burleske über ein spätes Revival ein. Man trifft sich, schwelgt in Erinnerungen, trinkt, heckt Pläne aus, feilt gemeinsam an der Besetzung und den Songs: Der Schlagzeuger Frisör, der sich langsam den Verstand wegsäuft, Benz, der stolze Eigenheimbesitzer, Mitch, der Lebenskünstler, und der Ich-Erzähler, seit 28 Jahren Trainer wechselnder Fußballteams, die in untersten Ligen regelmäßig um die Goldene Ananas kicken.

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Dietmar Sous:
San Tropez

Transit, 144 Seiten; 18 EUR

Doch ehe die Handlung anrollt, gönnt sich deren Chronist einen Blick zurück: "Ich bin schuld", beginnt der Chronist der Ereignisse seinen Bericht, "dass zwei Freunde von mir nicht mehr am Leben sind. Ich habe sie, wie man so schön sagt, auf dem Gewissen. Einen Grund sich zu stellen, gibt es nicht. Kein Staatsanwalt hat mich zur Fahndung ausgeschrieben, keine Mordkommission muss sich wegen mir die Nächte um die Ohren schlagen. Gebrauch von Schuss- oder Stichwaffen fand nicht statt. Falls überhaupt, war Gift nur im übertragenen Sinn im Spiel. Auf einen Freispruch kann ich trotzdem nicht hoffen."

Denn, ja, Sous' Roman erzählt eine Geschichte mit zwei Toten,- Kollateralschäden aus Fleisch und Blut sozusagen, die im Laufe dieser kinoreifen Fama um vier Maulhelden zu beklagen sind; Männer, die sich anschicken, mit ihren Klampfen endlich das Blaue vom Himmel zu spielen.

Autor Sous
Milena Sous

Autor Sous

Sous, 1954 in Stolberg geboren, erzählt seine Geschichte mit dem Charme des geborenen Schwadroneurs. Dabei schlägt er einen geradezu süchtig machenden Kneipenton an, geradeheraus und unfrisiert, immer irgendwie zwischen Welt- und Kreisklasse. Genau wie die Teams, die sein Ich-Erzähler seit Ewigkeiten trainiert. Das Resultat sind sympathisch verwackelte Achtzigerjahre-Polaroids, bei deren Betrachten einem warm ums Herz wird. Und im Hintergrund laufen immerzu Songs von den "Rolling Stones", "The Clash" oder Hubert Kah.

14 Bücher gehen mittlerweile auf das Konto des ehemaligen Fabrikarbeiters, dem mit seinem Roman "Glasdreck" 1981 ein vielbeachtetes Debüt gelang. Seither liefert er immer neue Kapitel einer Chronik des Kleinen Mannes, der in den Weiten und Tiefen des Rheinlands nach dem kleinen Glück gräbt. Das Resultat sind mitreißende Geschichten aus den Niederungen der Gesellschaft, an deren Sätzen Bier und Tränen kleben. Und sie alle drehen sich um Musik und Fußball - zwei Grundkonstanten im Leben und Schreiben dieses Autors, der sich in seiner Konsequenz über die Jahrzehnte zu einer der eigenständigsten Erzählerstimmen mauserte, die die neuere deutsche Gegenwartsliteratur zu bieten hat.

Dass das Unternehmen "Golden Oldies" am Ende seine Opfer fordert, gehört bei einem wie Sous dazu. Wo gehobelt wird, da fallen Spähne. Und dass die 500.000 Euro natürlich andere abkassieren, ist eh klar. Denn wie heißt es einmal aus dem Mund des Ich-Erzählers: "Für mein Gefühl wurde ein bisschen viel geträumt in letzter Zeit."

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insgesamt 4 Beiträge
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!!!Fovea!!! 31.08.2017
1. Punk ist nicht tot, er riecht nur komisch
Den Spruch gab es schon in den 70er Jahren von Frank Zappa and the Mothers of Invention: "Jazz is not dead, but it smells funny!" Kann man sehr gut auf den Liveaufnahmen hören. You can`t do this on stage anymore. Besser gut geklaut als schlecht kopiert, Herr Schriftsteller!
freddykrüger 31.08.2017
2. @!!!Fovea!!!*
zum erstenmal war dieser Spruch auf dem Roxy & Elsewhere (Be Bop Tango) Album zu hören. Klugscheißer Modus aus. Müßte es nicht heißen "Punk ist tot und er riecht noch nichteinmal mehr". Bei der Überschrift dieses Artikel fehlte dem Autor anscheinend die Fantasie.
Aberlour A ' Bunadh 31.08.2017
3. Punk in den 80er Jahren?
Punk war schon Anfang der 80er Jahre tot. Ich erinnere an Dave Rimmer's "Like Punk Never Happened". Die New Waver mit ihren kunstvoll gestylten Haaren, der Wimperntusche, den feinen Klamotten beherrschten die Szene. Natürlich mit der ganzen Exaltiertheit von Supermodels. Wenn es jemals die Antinomie zum Punk gegeben hat, dann war es der Synthie-Pop der 80er. Von Limahl bis Boy George. Ich erinnere nur an das Penthouse and Pavement Cover von Heaven 17. Mehr Anti-Punk geht wohl nicht. Komischerweise waren die Hippies die Erzfeinde der Punker. ..."erfolgreich durch die schrägen Achtziger getourt". Seit wann waren die 80er Jahre schräg? Prog-Bands wie Genesis, Yes und andere haben sich an Giorgio Moroder verkauft. Die 80er waren der Ausverkauf von allem, was Rock jemals bedeutete. Selbst Heavy Metal war zum "Hair-Metal" degeneriert. Und die Punk-Bands der ersten Stunde? Entweder aufgelöst oder dem Irrglauben aufgesessen, man hätte Material für Dreifachalben (The Clash). Zum Einschlafen.
freddykrüger 31.08.2017
4. @Aberlour A ' Bunadh*
ich muß dir leider recht geben, Rock (oder war es doch nur Pop?) in den 80ern war teilweise grauenhaft. Was haben wir diese Poser Bands (heute Hair Metal genannt) gehasst. Ich und mein Umfeld haben diese Gurkenbands damals nur noch als Veräter am Metal wahrgenommen. Vieleicht habe ich auch deshalb seit Mitte der 80er eine Balladenphobie. Thrash und Death haben den Metal Ende der 80er gerettet. Wohl auch das einzige Genre welches seit ca.40 Jahre jeden dösigen Trend überlebt hat. Aber das Extrembeispiel für miese 80er Musik ist immer noch Phil Collins. Wurde er nicht sogar Viel Collins genannt? Ob als Produzent oder Musiker, er verstand es wirklich jedes aber auch wirklich jedes Album zu verhunzen. Sogar Eric Clapton (weiß den Albumtitel nicht mehr). Vermutlich ist Phil Collins der einzig wahre Punk (lol).
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