Roman "Quiz" Das ganze Leben eine Zockerei

Schmückt man die Gegenwart notdürftig als Science-Fiction aus, tut sie nicht mehr so weh. Günter Hack aber baut seine dystopische Kulisse nur auf, um sie mit Spaß am Schmerz wieder abzureißen.

Spielshow "Dalli Dalli"
imago/ United Archives

Spielshow "Dalli Dalli"

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Immer reden alle über ihre Wehwehchen und Krankheiten. Zum Glück gibt es jetzt den Onlinedienst AUA-AUA. Nutzer kleben sich Sensoren an den Körper und immer, wenn sie Schmerzen haben, schickt das System einen Text ins Internet, damit alle informiert sind. Dank der Automatisierung hat man mehr Zeit, sich über andere Dinge zu beschweren.

AUA-AUA ist eine Erfindung von Günter Hack, eine Verballhornung unserer Social-Media-Nutzung. In Hacks neuem Roman "Quiz" ist AUA-AUA aber ein früher Fingerzeig, wohin es geht: Dies ist keine Science-Fiction, nur weil es die Technik so noch nicht gibt. Dies ist die Gegenwart, und sie tut weh. Folgerichtig beginnt man irgendwann beim Lesen, die Wahnsinnsideen von Hack sicherheitshalber zu googeln.

"Quiz" erzählt die Geschichte der Journalistin Susanne, die ihren beruflichen Abstieg verhindern will, und eines jungen Mannes namens Kevin, der dem neuen Cyberproletariat entkommen will, in dem die Wegrationalisierten, durch Software Ersetzten festhängen, "die irgendwas mit Medien gemacht haben". In der Fernsehsendung QUIZ treffen die zwei aufeinander, Kevin als Kandidat, Susanne als Moderatorin.

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Günter Hack:
QUIZ

Frohmann Verlag; 248 Seiten; 24,90 Euro

Der in Wien lebende, in Bayern geborene Hack hat eine kluge und oft sehr lustige Abrechnung mit den Medien, der Werbeindustrie und der (österreichischen) Politik geschrieben. Aber eigentlich geht es um mehr, es geht ums Überleben in einer Welt, in der Geschäftsmodelle durch Glücksspiel ersetzt werden. "Wo wirtschaftlich nichts mehr zu holen war, fing die Zockerei an", heißt es im Buch. Die TV-Kulisse hat Hack gewählt, weil "das Fernsehen noch immer die große Klammer um die Gesellschaft ist", wie er selbst sagt.

Hack, der einst über die Show "Big Brother" promovierte, beschreibt mit "Quiz" eine Mischung aus "Wer wird Millionär?" und "Dalli Dalli" auf MDMA. Im Scheinwerferlicht, zwischen einem reizüberfluteten Studiopublikum und der tanzenden Cheerleadertruppe der Armee, machen seine beiden Protagonisten eine Wandlung durch.

Kevin ist ein Loser, ein Non-Player-Character. NPC, so heißen in Computerspielen jene Figuren, die von einer künstlichen Intelligenz ferngesteuert werden. Im QUIZ will er zu einem richtigen Player werden. Bei Susanne ist es umgekehrt. Sie würde ihr Bewusstsein am liebsten von der bis in die letzte Pore ausgeleuchteten Realität abkoppeln und vom routinierten Player zu KI-Routine werden.

Die Gewinner in "Quiz" scheinen von vornherein festzustehen, denn zum Zocken braucht man etwas, das man aufs Spiel setzen kann. Reichtum ist der Schlüssel zum Erfolg. Doch langsam dämmert Kevin: Wer als Verlierer gecastet wird, aber mehr will als den Trostpreis für das einkalkulierte Ausbrennen, der muss die Lücken im Regelwerk finden. Und sie ausnutzen, bevor es jemand anderes tut.

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