Zwischen Hedonismus und Aufstand Die Revolte aus Sicht der Geliebten

Mit dem Flow eines guten Films: Rachel Kushner, in den USA gefeiert, erzählt in "Flammenwerfer" mitreißend von einer Heldin, für die das Leben wie ein Kunstwerk ist.

Autorin Rachel Kushner: Geschichte machen die Männer
Lucy Raven

Autorin Rachel Kushner: Geschichte machen die Männer

Von Thomas Andre


Die Motherfuckers bekommen an der Freiheitsstatue keine Erektion zustande, kein einziger von ihnen. Zu kalt, es wird nichts mit der Penisparade vor New Yorker Touristen. Also pinkeln sie einfach in den Schnee, genug Bier haben sie intus: NEVER WORK.

Es war aufregend im New York der Sechziger- und Siebzigerjahre. Die Miete war bezahlbar, die Architektur heruntergekommen, und situationistische Anarchokunstgruppen wie die historisch verbürgten Motherfuckers hatten eine exponierte Bühne.

Reno, die Heldin in Rachel Kushners Roman "Flammenwerfer", kommt etwas zu spät in diese fiebrige Szene aus Kreativität und Widerspruchsgeist, aber in der Künstlerclique, die sich um eine Galerie formiert hat, leben die Geschichten fort: Einmal haben die Motherfuckers sogar, so geht die Legende, die Stooges verprügelt. Weil die nicht tough genug waren.

Auf dem Motorrad durch die Salzwüste

Toughness ist wichtig. Für das Selbstbild, für das Liebesleben. Reno, die 1977 im SoHo-Underground alle so nennen, weil Reno ihr Geburtsort ist, ist aber gar nicht so tough - zumindest, wenn es um das Amouröse geht. Aber als Künstlerin weiß sie, dass sie alles, was sie tut, in einen kreativen Akt verwandeln kann. So wie Giddle das auch macht, die als Kellnerin in einem Diner arbeitet und dies als Kunstprojekt sieht.

Reno ist wilder, was das angeht. Sie brettert in der großen Salzwüste in Utah auf ihrem Motorrad bei einem Rennen mit, in dem ein neuer Landgeschwindigkeitsrekord aufgestellt werden soll: Auch das ein ästhetischer Akt. Wenn man will - wie Reno.

Die Frau hat Power, und Kushner, 1968 in Oregon geboren, hat mit ihr einiges vor. Es ist eine fulminante Bildungsreise, auf die sie Reno schickt - in Kushners kühner Plot-Gesaltung ist nämlich keinerlei Langeweile vorgesehen.

Italienischer Geldadel

Und so ist der Mann, der Renos Herz bricht, ausgerechnet der aus der Art geschlagene Erbe einer italienischen Motorraddynastie. Sandro Valera also, natürlich ein Konzeptkünstler; mit ihm fliegt Reno nach ihrem Utah-Abenteuer und den vertrunkenen Abenden in SoHo nach Italien.

Dort sind die Roten Brigaden im Lauf des Jahrzehnts immer rabiater geworden. Die Valera-Sippe, deren Dekadenz Kushner hinreißend darstellt, wird erst mit einem Streik in der Fabrik konfrontiert und dann mit der Entführung von Sandros Bruder, der der Firmenboss ist.

Von den Valeras berichtet Kushner ausführlich: Vom Patriarchen, der das Imperium einst gründete. Von Sandro, der in Italien zum Geldadel gehört, aber in New York den Künstler-Lifestyle zelebriert und mit dem genauso promisk wie er lebenden Ronnie, ein alter Bettgefährte Renos, ein seltsames Freundschafts-Gespann bildet.

Kushner, die unübersehbar von Don DeLillo beeinflusst ist und in Amerika mit zwei Romanen (2008 erschien "Telex from Cuba") zur gefeierten Autorin wurde, erzählt stilsicher und zügig; sie erzählt viele Geschichten in einer, die trotz ihrer deutlich sichtbaren Hauptlinien gar nicht so leicht zu benennen ist.

Zwischen Occupy und Roten Brigaden

"Flammenwerfer" ist ein Zeitbild, in dem wir unsere Welt noch gerade so wiedererkennen - wenn wir viel Imaginationskraft aufwenden und in literarischen Protesterklärungen wie "Der kommende Aufstand" oder der heutigen Berliner Prekariatspartykreativherrlichkeit noch Reste der alten Unbedingheit entdecken. Kushner beschreibt eine Generation, die zwischen Hedonismus und Aufstand changiert - dies- und jenseits des Atlantiks.

Ernst nimmt sie das alles nicht immer, vielleicht ist es eher ein Staunen über die einstige Überhitzung der westlichen Gesellschaften, das wir in "Flammenwerfer" antreffen. Irgendwann, als die Beziehung zwischen dem untreuen Sandro und der treuen Reno längst gescheitert ist, nimmt sich das pulsierende New York eine Auszeit: Der Blackout von 1977 ist nur eines von vielen historischen Zitaten in diesem anspielungsreichen Roman.

Gerade die Männer-Figuren erscheinen manchmal bemitleidenswert eitel und machistisch oder gar misogyn, etwa der Liebhaber der garstigen Mutter Sandros - und Reno bezeichnet Männer an einer Stelle des Romans einmal grundsätzlich als lächerliche Gestalten. Dabei ist sie es, die auf bemerkenswerte Weise nie im Mittelpunkt der Geschehnisse steht:

In "Flammenwerfer" wird von Kunst und Revolte aus Sicht der Geliebten erzählt. Geschichte machen die Männer; Männer wie der ebenfalls in dieser viele Jahre umspannenden Geschichte zumindest am Rande vorkommende Verlegerrevolutionär Feltrinelli, der 1972 beim Versuch umkam, einen Hochspannungsmast zu sprengen.

Kushner hat viel recherchiert für diesen eigenartig schönen Roman. Im eigentlich überflüssigen Nachwort nennt sie selbst das geschichtliche Spannungsfeld, in dem sie ihre literarische Reise in die große Zeit der Subversion machte: Occupy und "Der kommende Aufstand" hier, das rote, längst vergangene Italien da. Unangenehm nach Theorie riecht "Flammenwerfer" nie, es ist lebendig und hat den Flow eines guten Films.

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