Büchner-Preis für Rainald Goetz Irre

Eine Akademie wacht auf: Endlich bekommt der Schriftsteller Rainald Goetz den Büchner-Preis. Kein anderer beherrscht den Sound der Gegenwart wie er.

Ein Kommentar von Volker Weidermann

Autor Rainald Goetz: Wurde Zeit mit dem Büchner-Preis
DPA

Autor Rainald Goetz: Wurde Zeit mit dem Büchner-Preis


Gerade ist wieder diese fantastische Langweiligkeitsshow, das Wettlesen um den Bachmann-Preis in Klagenfurt aufs allerlangweiligste zu Ende gegangen und man fragte sich wieder einmal, wohin diese ganze Energie, die mal dort war, wo die hingegangen ist, mit den Jahren.

Und ja, das allerlangweiligste Klagenfurt-Klischee ist natürlich dies: die aufgeschnittene Stirn des jungen Autors Rainald Goetz, damals, 1983, als er seinen Text "Subito" las und sich, als er bei der Stelle war "Ihr könnts mein Hirn haben", mit der Rasierklinge über die Stirn fuhr und dann das Blut nur so strömte. Und er las "Noch in meiner schwächsten Schwäche bin ich stark" und "Wie geht das Scheißleben?" und "So muss geschrieben werden!" und am Ende, an die Jury, an das Publikum, blutüberströmt das Manuskript, das Hemd, der Kopf: "Los ihr Ärsche, ab ins Subito!"

Und wie dann Marcel Reich-Ranicki, völlig ungerührt von der Hirnschneiderei des Autors, den Text sezierte, sachlich feststellte, dass der Protest gegen das literarische Leben, der hier vorgetragen wurde, "tief in der literarischen Tradition" stehe, dass der Autor "sehr gut und dramatisch vorgetragen" habe und resümierte: "Selten habe ich einen Text gehört, in dem so viel Leben wäre."

Das war so ein großer, intensiver, irrer, fantastischer Literaturmoment und ist es bis heute. Dann erschien "Irre", Goetz' Roman aus der Psychiatrie, dann sein RAF-Roman "Kontrolliert", seine Weltmitschriften 1989, die glücksentrückte Tanzerzählung "Rave", sein musikphilosophisches Gespräch mit DJ Westbam "Mix, Cuts & Scratches", er beschloss die Neunzigerjahre mit dem - später gedruckten - Internettagebuch "Abfall für Alle".

Gigantische Intensität

Zuletzt schrieb Goetz den Kulturbetriebsaneignungsbericht "loslabern" und den Wirtschaftsroman "Johan Holtrop", in dem er den Untergang einer middelhoffähnlichen Lichtgestalt und den irren Wirtschaftskosmos unserer Gegenwart beschreibt.

Jedes seiner Bücher, selbst die schwächsten, sind von einer so gigantischen Intensität und Sprachkraft und einem Sinn für Sound und Gegenwart und Poesie und Schönheit. Nichts wirkt je ausgedacht, abgelesen, hinterhergeschrieben. Der letzte Text, der von Goetz erschien, ist ein Nachwort, das er in die Lebenserinnerungen Albert von Schirndings hineinschrieb.

Darin heißt es: "Der Autor verkörpert ein Geheimnis, das Versprechen einer verborgenen Botschaft, man ahnt etwas von einem neuen, anderen Leben, das über das jetzt gelebte hinausgeht, sich einem vielleicht später irgendwann erschließen könnte, durch die Lektüre der Texte, am Beispiel des Autors. Glücklich sind die, die auf diese Art ansprechbar sind, denn sie führen eine unruhige, experimentelle Existenz."

Es ist ein Witz, dass die Akademie für Sprache und Dichtung ihn erst jetzt auszeichnet. Wie viele mickrige Preisträger gab es in den vergangenen Jahren! Rainald Goetz ist wie für den Büchner-Preis gemacht. Er ist - wie jener - Arzt und schreibt - wie jener - revolutionäre Prosa. Und er hat das ganz selbstverständliche Selbstbewusstsein, dass man natürlich auch heute noch Büchner-Prosa schreiben kann, nur eben verwandelt, neu, in unsere Gegenwart übertragen.

Als Elfriede Jelinek in ihrer Dankesrede für den Büchner-Preis sagte, der sei heute unerreichbar, protestierte er quasi live: "Stimmt doch gar nicht. Büchner ist herrlich, gerade wenn man jung ist und extrem erreichbar. Sofort ist er Bruder, ganz nah. Er schickt einen los, wie andere junge, speziell jung kaputte Schreiber auch. Und man selber denkt: ich auch, so ist das Gefühl, so mache ich es auch. Und genau so macht man es dann."

Und das künstlerische Programm, das Büchner in seiner Erzählung "Lenz" fordert, das ist unbedingt das literarische Konzept seines späten Nachfolgers: "Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es hässlich ist, das Gefühl, das Was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen."

Selten habe er einen Text gehört, in dem so viel Leben sei, hatte Reich-Ranicki dem blutenden Jüngling vor 32 Jahren zugerufen. Er hätte es jedem später erschienen Goetz-Buch zurufen können. Jetzt hat es auch die Akademie mitbekommen. Ein späte, großartige Nachricht!

Zum Autor
  • imago
    Volker Weidermann ist Literaturkritiker beim SPIEGEL. Ab Oktober leitet er im ZDF die Neuauflage des "Literarischen Quartetts".



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mam71 08.07.2015
1.
Aufgrund von Artikeln wie diesem habe ich einmal versucht, ein Buch von Goetz zu lesen (loslabern). Es war das bislang einzige Mal, dass ich trotz echter Bemühung ein Buch nach ca. 20 Seiten weggelegt habe. Es mag aber daran liegen, dass ich mit dem "Sound der Gegenwart" nichts anfangen kann.
keetenheuve 08.07.2015
2. Merkwürdige Wendung
2012 noch "Johann Holtrop" verrissen - jetzt eine Lobeshymne. Die Prosa von Goetz hat sich nicht verändert. Herr Weidermanns Urteil allerdings um 180 Grad.
dallgaard 08.07.2015
3.
Ist ja alles Geschmackssache... aber wie man bei einem Werk wie "Rave" wirklich behaupten kann: "Nichts wirkt je ausgedacht, abgelesen, hinterhergeschrieben." das ist für mich völlig unverständlich. Der Autor hat entweder den Roman nicht gelesen oder hat die Rave-zeit nicht selbst miterlebt. ansonsten würde er erkennen, dass der Autor nicht der Szenekenner ist, für den er sich gerne ausgibt.
bellfleurisse 08.07.2015
4. Gigantische Intensität?
"Der erste Blog im Internet" wird sein Buch "Abfall für alle" genannt. Lachhaft. Diese Kritiker denken an Internet wie man es heute kennt, es gab schon ein virtuelles "Leben" vor dem was sich heute Blog nennt. Die Preisverleihung halte ich für eine weitere Fehlentscheidung der "Kenner"
thomasneuhauser 09.07.2015
5.
Schöner, programmatischer Satz von R.G. - wobei er eben nicht behauptet, dass der Stein denkt, sondern nur, dass man (im Sinne eines musilschen Möglichkeitsdenkens) davon ausgehen muss. So kommt man seinen Texten (und seinem Denken) näher, die in der großen Zorn-Tradition eines Rolf Dieter Brinkmann oder Thomas Bernhard stehen. Großer Autor, verdienter Preis. Über Weidermanns damalige Rezension von "Johann Holtrup" konnte man sich nur wundern (wobei sie natürlich auch einiges über den Rezensenten sagte). Egal, er ist ja jetzt klüger geworden und sieht die Bedeutung. Intelligente Affirmation und Teilhabe als subversive Erkenntnisinstrumente - "we'll never stop living like this!"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.