Jugendroman "Bo": Ein Buch macht sich "Tschick"

Von Johan Dehoust

Junge am Romanschauplatz Monrovia: "Jeden Moment kann sich alles ändern" Zur Großansicht
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Junge am Romanschauplatz Monrovia: "Jeden Moment kann sich alles ändern"

Rainer Merkels "Bo" ist wie Wolfgang Herrndorfs "Tschick" ein Buch, bei dem nicht klar ist, ob es sich um einen Jugendroman für Erwachsene oder einen Erwachsenenroman für Jugendliche handelt - auf 700 Seiten entwickelt sich ein absurder Road-Trip durch Westafrika.

Das Chaos in Rainer Merkels Buch beginnt mit dem Verlust einer blauen Papiertüte. Sein jugendlicher Protagonist Benjamin hat sie zuhause in Berlin von seiner Mutter in die Hand gedrückt bekommen. Unter anderem darin: ein Abschiedsbrief der Mutter an seinen Vater, ein Sonnenhut und sein Personalausweis. Jetzt, kurz vor der Landung in Monrovia, kann Benjamin die Tüte nicht mehr finden. Hat die neben ihm im Flugzeug sitzende Dame sie gestohlen? Zu spät, um das herauszufinden. Ein Abschnallzeichen ertönt und schon hasten alle Passagiere durcheinander.

Auch als Leser fühlt man sich von dem Roman "Bo" überrumpelt. Benjamin, ein 13 Jahre alter Schulhof-Außenseiter, ist unterwegs, zum ersten Mal seinen Vater in Liberia zu besuchen. Und dabei soll er dem Entwicklungshelfer die Botschaft überbringen, dass sich seine Mutter von ihm trennen möchte. Nur: Wie soll er das ohne Ausweis schaffen? Der in Köln lebende Rainer Merkel, 49, lässt seinen Helden völlig ahnungslos in ein fremdes Land stolpern. Und mindestens so wirr und fragwürdig wie die Ereignisse Benjamin erscheinen müssen, schreibt der Autor von ihnen.

Merkel ist ein irrwitzig sprunghafter Erzähler. Kurzatmig lässt er einen an einer Odyssee teilhaben, die seinen Helden immer tiefer in ein mystisches, westafrikanisches Land hineinführt. Aber gerade in diesem dramaturgischen Chaos liegt zunächst die Sogkraft dieses Romans. Schnell gibt man es auf, das Geschehen in Frage zu stellen und stolpert gerne mit. Anders als bei der Handlung, ist Merkel bei seinen Beschreibungen der Orte und Stimmungen sehr detailbesessen. Man merkt, dass der Schriftsteller vor etwa fünf Jahren einige Zeit als Psychologe in Moravia gearbeitet hat.

Zauber des Chaos

Auf wundersame Weise kommt Benjamin in den Besitz eines alten, viel zu großen Mantels, in dessen Innentasche sich über 2000 Dollar befinden. Danach trifft er auf eine schräge Gestalt nach der anderen. Einen korrupten Grenzbeamten, der ihn passieren lässt, einen hinkenden Kleinkriminellen, der den Inhalt seiner Manteltasche entdeckt, einen christlichen Taxifahrer, der ihn im letzten Moment rettet. Sein Vater allerdings ist verschollen. Er ist nicht wie vereinbart zum Flughafen gekommen, um ihn abzuholen.

Zwei skurrile Personen, denen Benjamin immer wieder begegnet, sind Brilliant und Bo. Brilliant ist ein verwöhntes, kratzbürstiges Mädchen, das in Kalifornien lebt, gerade aber ihren schwerreichen Onkel in Liberia besucht. Bo ein blinder, im Slum lebender Junge, der die Gabe besitzt, seine Mitmenschen durch seine ungewöhnliche Phantasie zu manipulieren.

Wer will ihm Böses? Wer Gutes? Unfähig, das zu entscheiden, irrt Benjamin durch Moravia. Merkels Buch entwickelt sich zu einem verworrenen, kosmopolitischen Bildungsroman. In seinen Grundzügen erinnert es an Wolfgang Herrendorfs Bestseller "Tschick". Genau wie in diesem preisgekrönten Jugendroman macht sich auch in "Bo" ein Heranwachsender auf, um sich und seine Umgebung zu erkunden. In Merkels Roman allerdings tut der Held dieses nicht freiwillig und das Erkundungsfeld liegt nicht vor der Haustür, sondern auf einem anderen Kontinent. Eine Selbstfindung mit dem Vorschlaghammer.

Benjamins Verwirrung lässt erst nach als ihn eine Gruppe junger Mediziner der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen mit zu sich ins Wohnheim nimmt. Er beginnt, eigene Entscheidungen zu treffen und sich nicht nur treiben zu lassen. Aus verworrenen Beweggründen glaubt er, eine ehemalige Patientin des psychiatrischen Krankenhauses von Moravia aufspüren zu müssen. Deshalb begibt er sich gemeinsam mit Brilliant und Bo auf die Suche nach ihr.

Sollte das Trio nicht lieber Benjamins Vater suchen? Weshalb interessieren sich drei Jugendliche für eine unbekannte ehemalige Psychiatrie-Patientin? Warum sucht eigentlich keiner nach ihnen selbst? Das sind Fragen, die sich zunehmend aufdrängen. Der Zauber des Chaos wird breitgewalzt. Und der fast 700 Seiten lange Roman entwickelt sich zu einem immer absurderen Road-Trip.

"In Liberia passiert jeden Moment etwas anderes, jeden Moment kann sich alles ändern. Von einer Sekunde auf die andere, und du musst aufpassen, dass du nicht den Überblick verlierst", sagt Emily, eine der Medizinerinnen zu Benjamin. Ein Ratschlag, den man auch als Leser gerne etwas leichter befolgen können würde. Leider macht es Merkel einem zu schwer.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Fritz Rudolf Fries' "Last Exit to El Paso", Clarisse Thorns "Fiese Kerle", James Fenimore Coopers "Der letzte Mohikaner", Adam Johnsons "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do", Rolf Bauerdicks "Zigeuner".

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