Mit 91 Jahren Schriftsteller Ralph Giordano ist tot

Sein Roman "Die Bertinis" machte ihn berühmt: Der Schriftsteller und Journalist Ralph Giordano war einer der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands. Nun ist er im Alter von 91 Jahren in Köln gestorben.

Ralph Giordano: Am Mittwochmorgen in seiner Wahlheimat Köln verstorben
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Ralph Giordano: Am Mittwochmorgen in seiner Wahlheimat Köln verstorben


Er galt als moralische Instanz und nutzte sowohl die Literatur als auch Reden und Zeitungsartikel, um auf Missstände hinzuweisen: Seit seinem Roman "Die Bertinis" von 1982 war Ralph Giordano einer der maßgeblichen öffentlichen Intellektuellen in Deutschland. Wie sein Verlag Kiepenheuer & Witsch bestätigte, ist Giordano am Mittwochmorgen in Köln verstorben. Er wurde 91 Jahre alt.

Giordano wurde 1923 in Hamburg geboren, sein Vater war gebürtiger Sizilianer, seine Mutter war deutsche Jüdin. Wegen seiner jüdischen Abstammung wurden die Giordanos unter den Nazis massiv drangsaliert, 1940 musste Ralph das Gymnasium ohne Abschluss verlassen. Als die Mutter deportiert werden sollte, wurde die Familie von einer Hamburgerin in einem Ruinenkeller versteckt. Am 4. Mai 1945 befreite die 8. britische Armee die völlig ausgezehrte Familie.

Trotz dieser Erfahrungen entschied sich Giordano, nach dem Kriegsende in Deutschland zu bleiben. Er trat der KPD bei und berichtete bis 1956 für kommunistische Zeitungen als Reporter. 1957 verließ Giordano die KPD und veröffentlichte vier Jahre später die schonungslose Abrechnung "Die Partei hat immer Recht" über seine Zeit in der KPD. Über dieses Buch kam Giordano zum Fernsehen des NDR. Fortan machte sich Giordano als engagierter Dokumentarfilmer einen Namen, bis zu seiner Pensionierung 1988 drehte er rund hundert Fernsehfilme.

Kritik an Walser, aber auch am Islam

Während seiner Arbeit als Journalist schrieb Giordano gleichzeitig an einem autobiografisch geprägten Roman über die Erfahrungen einer jüdischen Familie in Nazi-Deutschland. 1982 erschien der 800-Seiten-Roman "Die Bertinis" und wurde ein nationaler wie internationaler Erfolg. 1988 war die fünfteilige Verfilmung von Egon Monk im ZDF zu sehen.

Immer wieder mahnte Giordano in den folgenden Jahren den verantwortungsvollen Umgang mit der deutschen Geschichte an, so etwa in seinem viel beachteten Buch "Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein", das 1987 erschien. Als es Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland zu mehreren verheerenden fremdenfeindlichen Anschlägen kam, schrieb Giordano einen offenen Brief an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, in dem er dem Staat unverantwortliche Schwäche gegenüber rechtsextremen Gewalttätern vorwarf.

Auch in der Kontroverse um Martin Walsers Äußerungen zum Holocaust und zur deutschen Erinnerungskultur bezog Giordano eindeutig Stellung und warf dem Schriftstellerkollegen in der "FAZ" eine "geschichtsverfälschende Synchronisierung aus der Mottenkiste des deutschen Revanchismus" vor. Mit "Erinnerungen eines Davongekommenen" legte Giordano 2007 noch einmal ein eindrückliches Zeugnis seiner Lebensgeschichte ab.

Zuletzt machte Giordano vor allem mit seiner scharfen Kritik am geplanten Bau einer Großmoschee in seiner Wahlheimat Köln, wo er seit 1972 wohnte, auf sich aufmerksam. "Nicht die Moschee, der Islam ist das Problem", kommentierte Giordano den Konflikt.

Giordano war zwei Mal verheiratet, seine erste Frau Helga verstarb 1984, seine zweite Frau Roswitha 2002. Er selbst erlag laut Kölner "Express" nun den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs, den er sich vor einigen Wochen bei einem Sturz in seiner Wohnung zugezogen hatte.

hpi/AFP

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