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Zum Tode von Ralph Giordano: Ein hoch empfindsamer Demokrat

Ein Nachruf von Stephan Lohr

Ralph Giordano: Der Überlebende Fotos
DPA

Die Verfolgung im Nationalsozialismus und die Repressionen des Stalinismus haben ihn geprägt: Ralph Giordano war streitbarer Publizist und erfolgreicher Romanautor. Zuletzt trat er mit entschiedener Islamkritik hervor.

"Die Quelle meiner Arbeit ist Empörung", so resümierte Ralph Giordano sein Leben anlässlich seines 90. Geburtstags im Frühjahr 2013. Gepaart war diese Empörung mit den persönlichen Erfahrungen des am 20. März 1923 in Hamburg Geborenen, der die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib er- und überlebt hatte.

Ein Erlebnis als Elfjähriger könne er niemals vergessen, so Giordano: "Es war in den Sommerferien 1934. Ich fühlte mich unserer Clique unbedingt zugehörig. Als ich auf die Straße kam, merkte ich, dass etwas anders war als gestern noch. Mein bester Freund rief mir zu: Mit dir spielen wir nicht mehr. Du bist Jude." Sechs Jahre später wurde Giordano aufgrund der Nürnberger Rassegesetze vom renommierten Hamburger Gymnasium Johanneum verwiesen.

Wie er und seine Familie die Verfolgung in einem Keller in Hamburg-Alsterdorf überlebt haben, hat Giordano in seinem 1982 erschienen Roman "Die Bertinis" literarisch virtuos beschrieben. Heinrich Böll rezensierte es so: "Dieses Buch war notwendig, es hat gefehlt; es bietet Rückblick auf die unsäglichen Folgen des Rassenwahns, es kommt in einem Augenblick, wo Begriffe wie 'reines Blut' oder gar 'deutsches Blut' wieder zu spuken beginnen und Angst verbreiten..."

Als Giordano mit seinem Lebensroman "Die Bertinis" literarisch brillierte, hatte er längst als hochgeschätzter Fernsehjournalist einen Ruf. Vor allem für den WDR produzierte er seit Anfang der Sechzigerjahre TV-Features über politische und gesellschaftliche Themen, etwa über die Tragödie des armenischen Volkes oder über den "Rebell des Kreuzes" Camillo Torres, sowie 1968 den Film "Hunger - Herausforderung auf Leben und Tod", für den er 1969 den Grimme-Preis erhielt.

"Bis in den bewaffneten Selbstschutz hinein"

Als literarischer Publizist begann Giordano seine zweite Karriere. Dem Erfolg der "Bertinis" schickt er seine Streitschrift "Die Zweite Schuld oder von der Last Deutscher zu sein" hinterher. Ein Buch, das monatelang für erregte Diskussionen sorgte, beklagte Giordano doch die Scheinheiligkeit und Unvollständigkeit deutscher Vergangenheitsbewältigungen.

Giordano, der unmittelbar nach dem Krieg beim Deutschen Literaturinstitut Leipzig seine journalistische Ausbildung erfahren und erste Beiträge für die "Allgemeine Jüdische Wochenzeitung" geschrieben hatte, war 1946 in die KPD eingetreten und bis zu seinem Austritt 1957 auch von der Weisheit Josef Stalins überzeugt gewesen. "Die Partei hat immer Recht" heißt die Publikation, in der er seine Abrechnung mit dem Stalinismus veröffentlichte.

Der hoch empfindsame Demokrat reagierte deutlich - 1992 etwa mit einem offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl - auf rechtsextreme Ereignisse wie die Brandanschläge in Hoyerswerda und Mölln: "Bis in den bewaffneten Selbstschutz hinein" sei er bereit, gegen Rechts vorzugehen.

In den letzten Jahren gehörte Giordano zu den entschiedensten Islam-Kritikern. Er engagierte sich gegen den Bau der großen Moschee in Köln Ehrenfeld und überwarf sich deshalb mit vielen Freunden. Seine Forderung: "Der Islam ist uns den Beweis schuldig, ob er mit der Demokratie vereinbar ist!"

Zu seinem 90. Geburtstag kam Giordano noch einmal in seine Vaterstadt Hamburg - "mit Herzklopfen". Denn es war die Stadt, in der er überlebte, aber auch die, in der er Verfolgung erlitt.


NDR Kultur sendet am Mittwochabend von 19:30 - 20:00 Uhr ein Gespräch mit Ralph Giordano, das kurz vor dessen 90. Geburtstag im März 2013 aufgezeichnet wurde.

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