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Politischer Comic: Der Rassist im Bilderbuch

Von Claudia Malangré

Brutaler Rassismus: Ein Südafrikaner mahnt an Fotos
avant-verlag

In seinem Comic "Papa in Afrika" lässt Anton Kannemeyer weiße Protagonisten auf Schwarze schießen. Der Südafrikaner will mit seinen brutalen und verstörenden Zeichnungen klar machen: Rassismus ist längst nicht ausgestorben.

"Oh my god!! These black dicks are outta control!" ("Oh mein Gott!! Diese schwarzen Schwänze sind außer Kontrolle!") heißt es in einer Zeichnung, in der zwei weiße Männer mit zwei schwarzen Riesenpenissen kämpfen. Eine weitere Zeichnung zeigt eine Afrika-Karte, die von schwarzen Penissen übersät ist: "Fertile land", also "Fruchtbares Land" steht dort als Unterzeile.

Die Zeichnungen stammen von dem weißen Südafrikaner Anton Kannemeyer, der damit zwei Ziele verfolgt: provozieren und auf Rassismus aufmerksam machen. Dass Rassismus gegen Schwarze ein aktuelles Thema ist, zeigt nicht zuletzt die Erschießung eines unbewaffneten dunkelhäutigen Jugendlichen durch einen weißen Polizeibeamten in Ferguson. Kannemeyer will mit seinem gerade auf Deutsch erschienenen Comic "Papa in Afrika" klarmachen, dass sich in unserem Denken in den letzten hundert Jahren weniger verändert hat, als wir glauben wollen.

In seinem 64 Seiten starkem Band, kombiniert Kannemeyer verschiedene Comic-Kurzgeschichten. Die vierfarbigen Zeichnungen sind zum Teil an Hergés Comic "Tim im Kongo" angelehnt, dem ersten Band der berühmten Reihe mit Tim und Struppi, der schon mehrfach wegen rassistischer Inhalte kritisiert wurde.

Dunkelhäutige als Beute der Weißen

Indem Kannemeyer den Original-Comic in veränderter Form aufgreift, entlarvt er den Rassismus, der darin steckt. 2007 urteilte die Kommission für die Gleichheit aller Rassen in Großbritannien, dass die Einheimischen in "Tim im Kongo" "wie Affen aussehen und wie Geistesgestörte reden". Kannemeyer macht in "Papa in Afrika" auf diese Gleichsetzung von dunkelhäutigen Menschen und Tieren aufmerksam, indem er eine Szene aus "Tim im Kongo" so verändert, dass der Protagonist statt wilden Affen dunkelhäutige Menschen erschießt. Anschließend betrachtet der Tim-Klon zufrieden seine erlegte Beute und nimmt sie in einem Sack mit nach Hause - auch hier eine Parallele zum Original, in dem der Protagonist das eroberte Elfenbein auf der Schulter davon trägt.

Diese Comicbilder verstören, insbesondere weil Kannemeyer Hergés kindlichem und scheinbar harmlosem Zeichenstil treu bleibt. Auch er zeichnet im Stil der Ligne Claire, der geradlinigen Strichführung, und hat eine Figur geschaffen, die Hergés Tim sehr ähnlich sieht, allerdings anstelle einer orangefarbenen Haartolle eine Halbglatze hat.

In einem anderen Comic taucht eine Art Superman auf, den Kannemeyer "Super Rich Man" genannt hat. In der Zeichnung hält der vermeintliche Held einem schwarzen Jungen einen Geldbeutel hin: das typische Klischee eines reichen Weißen, der sich als Wohltäter ansieht, weil er einem schwarzen Kind etwas von seinem Reichtum abgibt. Und Kannemeyer erzählt die Geschichte von Sonny, einen weißen Jungen, der von seinem autoritären Vater sexuell missbraucht und gedemütigt wird und nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist.

Kannemeyer wollte die Apartheid nicht akzeptieren

Auch Kannemeyer wurde von seinen Eltern autoritär erzogen. Seine Kindheit war von Gehorsam, Willkür und Disziplinierungsmaßnahmen geprägt. 1967 in Kapstadt als Sohn weißer Siedler geboren, wurde Kannemeyer dazu erzogen, die damals herrschende Rassentrennung im Apartheidsstaat Südafrika hinzunehmen. Doch Kannemeyer wollte die Benachteiligung von Schwarzen nicht akzeptieren.

Im Jahr 1992 gründete er mit dem Grafikdesigner Conrad Botes das bis heute existierende Comicmagazin Bitterkomix, mit dem er, teilweise unter dem Pseudonym Joe Dog, die politischen Veränderungen in Südafrika begleitet und sie aus seiner Perspektive als weißer Staatsbürger kritisiert und reflektiert. Um Aufmerksamkeit zu erregen, greift Kannemeyer dabei auch auf plakative Mittel zurück: Sexualität ist in vielen seiner Zeichnungen Thema. Das wirkt manchmal sehr gewollt. Andererseits erreicht Kannemeyer damit tatsächlich die Aufmerksamkeit, die er sich wünscht.

Kannemeyer will nicht der Aufklärer sein, der seinen Lesern vorgibt, wie sie ihn zu verstehen haben. Seine Zeichnungen sind vielmehr eine Herausforderung: "Ich mag es, die Leute zu provozieren: Das fördert immer Diskussionen und kritisches Denken", erklärt er. Die Provokation gelingt ihm. Mit seinen Zeichnungen stößt Kannemeyer immer wieder auf politischen Widerstand: Verbote und Zensur begleiten seine Karriere von Anfang an.

Besonders einprägsam ist eine seiner Zeichnungen, auf der ein strahlender weißer Mann und ein weinender Schwarzer zu sehen sind. Darunter zitiert Kannemeyer die Wörterbücher Chambers und Oxford, in denen weiß für "unschuldig", "rein" und "makellos" steht und schwarz für "dreckig", "jämmerlich" und "bösartig".

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