Rassismus-Debatte Der "Bastard" bleibt im Gespräch

"Ich benutze 'Neger', wann ich will", sagte Parsifal-Tenor Endrik Wottrich und liegt damit im Trend einer neuen sprachlichen Unbefangenheit, die sich in den Medien hierzulande breit macht. "Neger" und "Bastarde" sind nicht mehr tabu in deutschen Zeitungen. Zum Glück gibt es jetzt ein kritisches Nachschlagewerk als Korrektiv.

Von Judith Reker


"Afrika und die deutsche Sprache": Alternativen zum rassistischen Sprachgebrauch

"Afrika und die deutsche Sprache": Alternativen zum rassistischen Sprachgebrauch

Tenöre lernen in jahrelanger Ausbildung unter anderem, Worte deutlich zu artikulieren. Über Worte nachzudenken, lernen sie nicht unbedingt. Für alle, die trotz oder wegen ihres Berufs an der Bedeutung und Wirkung von Worten interessiert sind, ist jetzt unter dem Titel "Afrika und die deutsche Sprache" ein Nachschlagewerk erschienen. Es erläutert mehr als 30 Begriffe mit Bezug auf Afrika, die fest im Inventar der deutschen Sprache verankert sind.

"Stamm", "primitiv", "Bastard" und "Mischling" gehören dazu. Dass die meisten dieser Vokalbeln in der Zeit der Kolonialisierung Afrikas und der Formierung der Rassentheorien entstanden sind und deren Werturteile weitertragen, ist in Deutschland noch kaum angekommen - anders als in anderen ehemaligen Kolonialmächten wie Frankreich und England.

Zum Beispiel "Neger": Bekannt ist, dass das Wort auf das lateinische "niger", "schwarz", zurückgeht. Der Begriff tauchte in Deutschland im 17. Jahrhundert auf, etwa zur selben Zeit, als das Wort "Rasse" aus dem Reich der Flora und Fauna auf Menschen übertragen wurde. Pseudowissenschaftliche Rassentheoretiker wie zum Beispiel Pflanzenfreund Carl von Linné haben von Anfang an körperliche Merkmale mit moralischen und geistigen Eigenschaften verknüpft. "Neger sein" hieß nie nur "schwarz sein", sondern auch: faul, triebhaft, intellektuell minderwertig und kulturunfähig.

Schwarze gleich Neger

Das aktuellste Beispiel für genau diese Verknüpfung lieferte am vergangenen Montag der Bayreuther Tenor Endrik Wottrich gegenüber dem Nordbayerischen Kurier. Da versuchte der Parsifal-Sänger, "Neger" zu einem harmlosen Wort zu erklären ("Ich bin als Kind aufgewachsen: Schwarze gleich Neger"), und landete gleich im nächsten Satz bei "primitiven afrikanischen Stämmen, die heute noch in der Steinzeit leben".

"Ich habe es doch nicht so gemeint", heißt ein Kapitel in "Afrika und die deutsche Sprache". Es handelt davon, mit welchen Verweigerungsstrategien Weiße rassistisches Sprechen rechtfertigen. In der Regel, schreiben die Herausgeberinnen Susan Arndt und Antje Hornscheidt, werden keine Argumente angeführt, warum dieses oder jenes rassistische Wort benutzt werden muss.

Vielmehr weichen Kritisierte auf eine allgemeinere Ebene aus und stellen Begriffskritik an sich in Frage. Ein Verharmlosungsmuster ist zum Beispiel, Sprache der "Wirklichkeit" gegenüberzustellen. Worte seien doch gar "nicht so wichtig", ihr Vermeiden ohnehin nutzlos. Zuerst einmal müsse sich doch die "Wirklichkeit" ändern. Gesellschaftliche Veränderung also vor sprachlicher?

An dieser Stelle hätten sich die Autorinnen trauen können, den Umgang mit dem antisemitischen Wortschatz zum Vergleich heranzunehmen. Arndt und Hornscheidt stellen zwar fest, dass "ein reflektierter Umgang mit nationalsozialistischem Vokabular" nicht selten mit "Ignoranz" gegenüber "kolonialistisch geprägter Sprache" einhergeht. Aber die Chance zu anschaulichen Beispielen vergeben sie. Niemand in Deutschland, der reflektiert mit Sprache umgeht, würde wohl behaupten, erst müsse der Antisemitismus in der Gesellschaft überwunden werden, bevor man sich daran stören könne, wenn Juden als "artfremd" diffamiert werden.

Arm an Kontext, reich an Vorurteilen

Man ist nicht gleich ein Rassist, wenn man einen rassistischen Begriff benutzt, das stellen die Autorinnen von "Afrika und die deutsche Sprache" klar. Aber der Gebrauch rassistischer Vokabeln setzt grundsätzliche Akzente. "Vehemente Verteidigungen rassistischer Begriffe und Äußerungen sind in letzter Konsequenz nicht einfach nur als Unkenntnis, sondern als bewusstes Handeln zu bewerten", schreiben sie.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zählte am vergangenen Dienstag in einer Besprechung der Bayreuther Parsifal-Inszenierung das Bühnen-"Inventar" wie folgt auf: "Tücher, Bücher, Bilder, Möbel, Salzgebäck, Fettecken und Ingwerwurzeln, Feldsteine, Neger und sonstige Reiseandenken".

Die Wochenzeitung "Die Zeit" führte in ihrer Ausgabe vom 22. Juli die Begriffe "Bastard" und "Mischling" wieder ein. Im Zusammenhang mit dem Mord am südafrikanischen Premierminister Hendrik Verwoerd 1966 schreibt das renommierte Blatt: "Demitrios Tsafendas, der Täter, war ein Bastard, ein Mischling, den die Rassenpolitik in den Wahnsinn getrieben hatte."

In Redaktionen und Lektoraten greift, wer sich nicht sicher ist, zu Duden und Brockhaus. Arndts und Hornscheidts Kompendium zerstört im Kapitel "Wörterbücher" jedoch die Illusion einer wertneutralen, politisch korrekten Informationskultur. Zwar gelten Wörterbucheinträge nicht als individuelle Meinungsäußerungen, sondern als Autorität für Sprachgebrauch und Bedeutung. Vergessen wird aber schnell, dass die Autoren von Nachschlagewerken eben keine indifferenten Instanzen sind, sondern Individuen mit eigener Sozialisierung.

Bildungsgrundlage Brockhaus: "Im Sinne von 'Bastard'"
DPA

Bildungsgrundlage Brockhaus: "Im Sinne von 'Bastard'"

"Folglich schreiben sich in Wörterbücher tendenziell Weiße, akademisch geprägte Mittelschichtsnormen ein", so Arndt und Hornscheidt. Selten haben sich die Verfasser mit den kulturellen Kontexten beschäftigt, die fehlende Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte der deutschen Sprache schlägt hier wortwörtlich zu Buche. Beispiel: der völlig unkommentierte Eintrag in der Brockhaus-Enzyklopädie für "Mulatte" (Band 15, 1991): "span. zu mulo , lat. mulus 'Maultier' (im Sinne von 'Bastard') Mischling mit europidem und negridem Elternteil."

Nachschlagewerke wie "Afrika und die deutsche Sprache" bilden leider immer noch die Ausnahme. Manche wertvolle Studie, wie die Berichte der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Afrika-Darstellung in deutschen Medien, dümpeln in akademischen Fachzirkeln vor sich hin. Wer sich für das Gewordensein von Sprache, ihre historischen Bedingungen und Kontexte, interessiert, für den ist Arndts und Hornscheidts Text allerdings Pflichtlektüre. Neben der versierten und überaus wichtigen ideologiekritischen Schelte für selbstverständlich gewordene Begriffe bieten die Autorinnen nämlich auch konkrete Alternativen zum tendenziösen Sprachgebrauch.

So hätte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" statt "Neger" auch "Schwarze" schreiben können. Statt als "Bastard" hätte "Die Zeit" den Mörder des Premierministers als Sohn eines Griechen und einer Mosambikanerin bezeichnen können. Manchmal reicht statt "Neger" einfach auch Frau, Fotograf, Bäuerin oder wer auch immer uns sonst in Texten begegnet.


"Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk"
hg. von Susan Arndt und Antje Hornscheidt. Unrast Verlag. Münster 2004, 266 Seiten. 16 Euro.





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