Gegen den Selbstoptimierungswahn: Herrlich, diese schlechte Laune!

Von Jenny Hoch

Wir müssen bloß an uns arbeiten, schon finden wir Erfüllung - das suggerieren regalmeterweise Bücher. Zwei Autoren fordern nun das Ende der Positiv-denken-Diktatur: Glücklich sind demnach die Unglücklichen. Ein Befreiungsschlag oder doch bloß der nächste Ratgeber-Trend?

Bücher gegen den Selbstoptimierungswahn: Mies drauf ist besser Fotos
Corbis

Sind Sie auch so schlecht gelaunt? Der Sommer ist vorbei, der Chef nervt, die Kollegen sind eine Zumutung. Die Beziehung ist auch nicht mehr die, die sie mal war, und die neue Jeans spannt in der Bauchgegend. Ganz zu schweigen von den großen Problemen. Im Nahen Osten droht vielleicht Krieg. Mit Europa geht es den Bach runter, die Griechen und Spanier sind pleite. Mal sehen, wie lange es noch dauert, bis Deutschland an der Reihe ist. Es ist zum Verzweifeln.

Sie können jetzt eine Bachblütentherapie machen oder Yoga. Sie können Motivationsseminare besuchen, Lachkurse belegen und im Buchladen die Regalmeter mit Ratgebern plündern: "Ändere dein Leben in 60 Minuten", "Das Erfolgsbuch - Wie Sie alles im Leben erreichen können", "Lebensmut statt Depression", "Sorge dich nicht, lebe!".

Sie könnten aber auch einfach mal schlecht gelaunt sein. Total pessimistisch auf das Schlimmste gefasst sein. Ängstlich in die Zukunft blicken, Einwände formulieren, auf ganzer Linie versagen. Und dann den ganzen Frust rauslassen. Fühlt sich gut an?

Wenn es nach dem Psychologen Arnold Retzer geht, tun Sie damit genau das Richtige. "Miese Stimmung" heißt sein neues Buch, das er als "Streitschrift gegen positives Denken" verstanden wissen will. Ähnlich sieht es der Philosoph Wilhelm Schmid, dessen Buch "Unglücklich sein" ausdrücklich als "Ermutigung" gedacht ist.

Chemische Keule gegen die desolate Stimmungslage

Was ist da los? Da plagt man sich jahrelang ab, ein glücklicherer, zufriedenerer und erfolgreicherer Mensch zu werden. Optimiert Geist und Körper bis zum Gehtnichtmehr. Und nun soll das alles nichts mehr zählen?

Retzers Argumentation ist plausibel: In den westlichen Gesellschaften scheint es das Einfachste auf der Welt zu sein, Glück und Zufriedenheit zu erlangen. Man hat ja alle Wahlmöglichkeiten und braucht nur die richtige auszuwählen, und schwupps, stellt sich das Wohlgefühl ein. Wem das nicht gelingt, werde allenthalben suggeriert, sei selber schuld. Auf der anderen Seite gab es noch nie so viele Depressive und Burnout-Opfer wie heute. Acht Millionen Deutsche leiden an behandlungsbedürftigen Ängsten, Tendenz steigend. Das passt nicht zusammen.

Erleben wir Niederlagen oder sind in schlechter Stimmung, werde das, schreibt Retzer, "seit mindestens einem Jahrhundert unserer angeblich fehlerhaft funktionierenden Psyche zugeschrieben - was immer das sein soll". Um unsere desolate Stimmungslage wieder auf Trab zu bringen, muss die chemische Keule her: Pro Tag, rechnet der Psychologe vor, verordnen Mediziner in Deutschland mehr als zwei Millionen Tagesdosen von Antidepressiva, Privatversicherte und stationär behandelte Patienten nicht mitgerechnet. Noch mehr Menschen setzen auf Alkohol, Drogen und Doping, um wieder in die richtige, also positive Stimmung zu kommen.

Das Ideal der Fehlerlosigkeit muss aufgegeben werden

Retzer fährt schwere rhetorische Geschütze auf, um seine Diagnose an den Leser zu bringen. Er nimmt Anleihen aus der Wirtschaftswelt, vergleicht das eigene Leben mit einer Ich-AG, die eigene Stimmung mit dem Geschäftsklimaindex. Es gehe darum, das "individuelle Humankapital" funktionsfähig zu erhalten, "um nicht im Marktabseits zu verschwinden". Allseits verfügbare Helfer seien Botox, Viagra, Ritalin und Antidepressiva.

Ihre Radikalität offenbart die "Streitschrift" aber vor allem in den ersten Kapiteln. Darin plädiert Retzer dafür, wesentliche "Glaubensbekenntnisse unserer Kultur" aufzugeben. Es sei bitter nötig, zur Bewältigung der Krise nicht auf bewährte Vorstellungen zurückzugreifen. Und dann macht er Tabula rasa: Der Held, hier verstanden als Inbegriff des gesellschaftlichen Hoffnungsträgers, der keine Resignation kennt, müsse sterben. Das Ideal der Fehlerlosigkeit solle aufgegeben werden, ebenso Werte wie Erfolg, Spaß, Autonomie, Selbstbewusstsein, Optimismus, Wissen und Glaubensfestigkeit.

Aufgewertet werden sollten dagegen Angst, Trauer, Hoffnungslosigkeit, Pessimismus, Ungewissheit, Scheitern, Katastrophen und Tod. All diese Zustände und Phänomene hätten, so Retzers These, nicht nur das Zeug dazu, aus der Krise zu führen, sondern auch dazu, zu besserer Stimmung beizutragen.

Selbstdarstellung und Auffallen um jeden Preis

Dagegen erscheint das kleinformatige Büchlein "Unglücklichsein" von Wilhelm Schmid wie ein harmloser Gedankenspaziergang. Allzu oft ist bei ihm die Rede von "Lebenskunst" und dem "gelingenden Leben". Seine Erkenntnis, "das Glück in einer Art von Dauerlust zu suchen, ist der sicherste Weg, unglücklich zu werden", wirkt banal, die Feststellung, die Wirkung chemischer "Glücklichmacher" werde "zuweilen etwas übertrieben", geradezu naiv.

Überdeutlich tritt hier eine fundamentale Differenz der Autorenpersönlichkeiten zutage. Auf der einen Seite steht der handfeste Praktiker Retzer, der in seiner Arbeit oft genug in menschliche Abgründe geschaut hat und entsprechend scharf analysiert. Auf der anderen Seite der freundliche Denker Schmid, der sein Leben offensichtlich im Elfenbeinturm der Philosophie verbracht hat.

So oder so, die Diagnose, die beide Autoren stellen, ist bedenkenswert. Der Irrtum des modernen Menschen liegt darin, dass er das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 festgeschriebene Recht auf "Streben nach Glück" (pursuit of happiness) mit einem "Recht auf Glück" verwechselt, wie Schmid anmerkt. Das ist ein kleiner Unterschied mit großen Folgen.

Nach Retzer leben wir in einer Erfolgsgesellschaft, die sich nach den Disziplinargesellschaften des 19. Jahrhunderts und den Leistungsgesellschaften der fünfziger und sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer weiter ausbreitet. Die Crux: Der Erfolg koppelt sich von der Leistung ab und wird gleichzeitig immer mehr zur Pflicht. Selbstdarstellung und Auffallen um jeden Preis sind die neuen Leitwährungen.

In diesem Sinne: Steigen Sie noch heute aus der Selbstoptimierungsspirale aus! Lassen Sie auch mal fünfe gerade sein! Genießen Sie das Schmuddelwetter, den bitteren Bürokaffee, den ganz normalen Alltagswahnsinn! Die Hoffnung macht laut Retzer zwar "blind, blöd und kriminell", aber sie stirbt bekanntlich zuletzt. Es kann also nur besser werden.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Einfach mal schlecht gelaunt sein...
rasalguhl 10.11.2012
scheint ja in manchen Kreisen inzwischen wirklich nicht mehr zu gehen. Wer sich dieser immer gut drauf, immer leistungsfähig, immer potent und gesund Unkultur anschließt ist selbst schuld. Ich jedenfalls kann auch den dunklen Momenten im Leben etwas abgewinnen und möchte sie nicht missen.
2. Einfach mal schlecht gelaunt sein...
rasalguhl 10.11.2012
scheint ja in manchen Kreisen inzwischen wirklich nicht mehr zu gehen. Wer sich dieser immer gut drauf, immer leistungsfähig, immer potent und gesund Unkultur anschließt ist selbst schuld. Ich jedenfalls kann auch den dunklen Momenten im Leben etwas abgewinnen und möchte sie nicht missen.
3. Gääähhn ....
TeslaTraX 10.11.2012
... mehr gibt zu solchen Artikeln ja nicht zu sagen...
4. An den Haaren herbeigezogene Probleme...
Praeludium 10.11.2012
.... wie wäre es, wenn man sich das ganze bla bla sparen würde und es mit der Wahrheit versuchen würde (lässt sich aber schlecht verkaufen): Gefühle und Launen zu unterdrücken macht den Menschen auf Dauer nicht gesund. Was nicht bedeutet, dass man nicht an seiner Einstellung arbeiten kann, wenn man das möchte. Pessimismus bringt keinen gut durchs Leben und führt zu nichts, erzwungener Optimismus aber auch nicht. M.E. fehlt heute etwas, das man mit Geld nicht kaufen kann: Gesunder Menschenverstand und eine natürliche, ungekünstelte aber dafür reflektierte Sicht auf die Dinge. Man sollte anfangen, den Kindern so etwas in der Schule zu vermitteln, die Eltern bringen es heute offensichtlich nicht mehr fertig - und dann stapeln sich bei jungen Leuten massenweise sogenannte "Ratgeber" im Regal, und jede Woche wird ein neuer Verhaltenstrend erprobt. Glücklich macht das auf Dauer nicht, es führt eher zu dem überflüssigen Gedanken "bin ich eigentlich mit meiner gesunden Lebenseinstellung, die Dinge grundsätzlich erstmal nüchtern zu betrachten und abzuwägen und DANN zu entscheiden ob ich lache oder weine" total fehl am Platz?" Ich denke eher nicht.
5. Undenkbar im Job
zefir62 10.11.2012
Zitat von sysopCorbisWir müssen bloß an uns arbeiten, schon finden wir Erfüllung - das suggerieren regalmeterweise Bücher. Zwei Autoren fordern nun das Ende der Positiv-Denken-Diktatur: Glücklich sind demnach die Unglücklichen. Ein Befreiungsschlag oder doch bloß der nächste Ratgeber-Trend? http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ratgeber-zum-ungluecklichsein-wilhelm-schmid-und-arnold-retzer-a-861877.html
Schlechte Laune im Job können sich nur wenige leisten, da die Gute-Laune-Kultur mittlerweile fester Bestandteil unserer Selbstausbeutungskultur ist. Dort gibt es inzwischen auch nichts Schlechtes mehr. Beispiel: Eine Pulliverkäuferin nimmt die Reklamation ("Material riecht nach Schwer-Öl") freundlichst mit den Worten entgegen: "So riecht Wolle". Ja, Jamal, so weit sind wir schon gekommen hier!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema Literatur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 73 Kommentare
Buchtipps

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller