Bradbury-Neuauflage Das Schöne kommt in neuem Gewand

Kann man einem herausragenden Roman wie "Das Böse kommt auf leisen Sohlen", ein Meisterwerk des großen Büchermenschen Ray Bradbury, etwas hinzufügen? Ja, dem Comiczeichner Reinhard Kleist gelingt das.

Reinhard Kleist/ Aladin

Von Jörg Böckem


Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man geneigt sein, dieses Werk als ziemlich überflüssig zu betrachten: eine Hardcover-Neuauflage des Romans "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" des Schriftstellers Ray Bradbury, illustriert von einem deutschen Comiczeichner, und dann auch noch zum dreifachen Preis des Taschenbuchs. Was soll das?

Ein Roman, der wie kaum ein anderer vielschichtige, stimmungsvolle Bilder vor dem inneren Auge der Leser entstehen lässt, eine Geschichte aus dem Zwischenreich von Traum und Wachen, die den Leser dermaßen gefangen nimmt, braucht kein Beiwerk, keine Zeichnungen, keine Illustrationen. Eigentlich.

Aber diese Ausgabe von Ray Bradburys inhaltlich wie sprachlich wohl schönstem Werk ist ein großer Glücksfall. Zum einen natürlich, weil eine liebevoll gestaltete Neuauflage dieses Klassikers schon an sich ein Glücksfall ist.

Ray Bradbury
Tony Hauser

Ray Bradbury

Bradbury, Autor von "Fahrenheit 451" und "Die Mars-Chroniken", gilt Literaturkritikern in Deutschland als "Meister der Science Fiction", wie in zahlreichen, durchaus respektvollen, Nachrufen zu seinem Tod vor fünf Jahren nachzulesen war.

Aber Ray Bradbury, das kann nicht oft genug gesagt werden, war viel mehr als nur einer der besten Autoren fantastischer Literatur und ein begnadeter Geschichtenerzähler - er war ein großartiger Schriftsteller und Literat. Einer, der seinerseits die Literatur liebte: Es ist schwer möglich, eine größere Liebeserklärung an das Buch, an das geschriebene Wort, an die Kraft der Erzählung, zu finden als Bradburys berühmtesten Roman "Fahrenheit 451" über einen autoritären Staat, der Bücher verbrennen lässt, um die Bürger unmündig und konform zu halten und selbstständiges Denken zu verhindern; über Dissidenten, die das Erbe der Menschheit bewahren, indem sie Bücher auswendig lernen und so selbst zu wandelnden Büchern werden.

Viel mehr als eine fantastische Gruselgeschichte

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Kleist illustriert Bradbury: Jahrmarkt der Gruseligkeiten

Bradbury selbst war Zeit seines Lebens ein Buchmensch: Der Autor, der nie eine Universität besuchte und von sich sagte, Bibliotheken hätten ihn erzogen, setze sich bis ins hohe Alter aktiv für den Erhalt öffentlicher Bibliotheken ein und schrieb jeden Tag seines Lebens, selbst, als er an den Rollstuhl gefesselt war. Ein Besessener, im besten Sinne.

Zudem war Bradbury ein großer Humanist, der, bei aller Schwermut und Melancholie, bei aller Gesellschaftskritik und Dystopie in seinen Büchern, sich einen liebevollen Blick auf die Menschen, ihre Schwächen und Sehnsüchte, bewahrt hatte. Sicher, bei einem solchen Vielschreiber ist nicht jede Erzählung ein Meisterwerk, das ist wohl auch nicht zu erwarten. Aber erstaunlich viele seiner Kurzgeschichten und Romane sind genau das, allen voran das nun neu aufgelegte Werk.

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Ray Bradbury:
Das Böse kommt auf leisen Sohlen

mit Illustrationen von Reinhard Kleist

übersetzt von Norbert Wölfl

Aladin, 352 Seiten, 25,- Euro (gebunden)

"Das Böse kommt auf leisen Sohlen" ist viel mehr als die fantastische Gruselgeschichte um einen geheimnisvollen Jahrmarkt voller dunkler Verlockungen, auf dem sich bedrohliche Gestalten tummeln. Bradbury erzählt in fesselnder, poetischer Sprache vom Erwachsenwerden, von Sehnsüchten und Ängsten, von der speziellen Beziehung zwischen Vätern und Söhnen und von der ganz besonderen Freundschaft, die wohl nur in der magischen Lebensphase der Adoleszenz existiert.

Für den deutschen Comic-Zeichner Reinhard Kleist bedeutet "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" in gewisser Weise auch eine Rückkehr zu seinen Wurzeln: Kleists erste, bemerkenswerte Comics wurzelten im Fantastischen, sie basierten auf Werken von H. P. Lovecraft und H. C. Artmann. Seine gleichermaßen stimmungsvollen wie zurückgenommenen Schwarz-Weiß-Zeichnungen spiegeln kongenial die Stimmung von Bradburys Geschichte, in jedem Bild ist die Liebe des Zeichners zum Roman, sein Respekt und Verständnis spürbar. Bradburys Meisterwerk hat einen angemessenen Rahmen erhalten.

Reinhard Kleist
Wolf-Dieter Tabbert

Reinhard Kleist

In jedem Bücherregal sollte es so etwas wie einen Erste-Hilfe-Koffer geben: Eine Ansammlung von Büchern, die uns zu trösten und zu begeistern vermögen, wenn wir aus welchen Gründen auch immer Trost, Begeisterung und Zuspruch dringend nötig haben, die uns mitnehmen auf eine wundersame, gleichermaßen melancholische wie faszinierende Reise. Dieses Buch gehört dort hinein, unbedingt.

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3daniel 22.11.2017
1. Danke SPON
Das Buch habe ich als Jugendlicher vor 40 Jahren gelesen und war tief beeindruckt. In der Zwischenzeit habe ich es "vergessen". Diese Neuauflage kaufe ich mir und lese es nochmal zusammen mit meiner Tochter. Die Bilder sind eine Wucht.
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