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Reaktionen: "Politisch zu begrüßen, ästhetisch eine Pleite"

Die Literaturbranche reagierte sehr unterschiedlich auf die Auszeichnung Doris Lessings mit dem Literaturnobelpreis. Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki fand die Entscheidung der Akademie "bedauerlich", Börsenvereins-Vorsteher Honnefelder nannte sie "großartig".

Frankfurt am Main - Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki empfand die Entscheidung der Nobelpreis-Jury für Doris Lessing als enttäuschend. "Ich finde sie bedauerlich", sagte der 87-Jährige. Er habe erwartet, dass Philip Roth oder John Updike ausgezeichnet würden und sei der Meinung, dass die angelsächsische Welt, "viele, jedenfalls mehrere bedeutendere, wichtigere Schriftsteller hat".

Von Lessing hätte er "vielleicht drei" Bücher gelesen, keins davon hätte ihn wirklich beeindruckt. Überrascht hätte ihn die unerwartete Entscheidung des Komitees aber nicht. "Wir hatten ja mehrere Autoren, die im Laufe der letzten Jahre den Preis bekommen haben, wo es eigentlich ganz und gar unbegreiflich war." Als Beispiele nannte er Dario Fo und "eine deutschsprachige Autorin", ohne Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek namentlich zu nennen.

Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hätte zwar lieber seinen eigenen Lieblingsautor, den Amerikaner Philip Roth, als Gewinner gesehen. Trotzdem bezeichnete er den Literaturnobelpreis für Doris Lessing als "großartige Wahl". "Ich finde es fabelhaft", sagte Honnefelder der Nachrichtenagentur dpa. "Ein solcher Preis hat ja nicht nur einen Entdeckungssinn, sondern auch einen Wiederentdeckungssinn." Honnefelder sagte, er selbst habe fast ein Dutzend von Lessings Büchern in seinem Regal stehen.

Umberto Eco: "Große, individuelle literarische Seele"

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco bezeichnete Lessing als "große, individuelle literarische Seele" bezeichnet. Die Schriftstellerin verdiene die Auszeichnung zweifellos sagte Eco und bemerkte im Hinblick auf den Nobelpreisgewinner von 2005, Harold Pinter, es sei sehr außergewöhnlich, dass die Schwedische Akademie den Preis zwei Mal in so kurzer Zeit an das gleiche Land verleihe.

Der Literaturkritiker Denis Scheck kritisierte, die Entscheidung für Doris Lessing käme 20 Jahre zu spät, auch Lessings Werk gegenüber zeigte er gemischte Gefühle: "Politisch ist die Entscheidung zu begrüßen, weil hier eine Vorkämpferin des Feminismus und des Anti-Rassismus geehrt wird. Ästhetisch dagegen ist es eher eine Pleite."

Günter Berg, Geschäftsführer des Verlags Hoffmann und Campe, der einen gutes Dutzend von Lessings Werken im Programm hat, wurde am Stand auf der Frankfurter Buchmesse von der Entscheidung völlig überrascht. Seine erste Reaktion. "Großartig!" Berg sagte, Lessing habe "50 kompromisslose Bücher" geschrieben, und sich nie von Moden beeinflussen lassen. "Sie hat immer ihr Ding gemacht." Auch persönlich zeigte sich Berg von der 87-Jährigen beeindruckt: "Ihre Dynamik, Wachheit und Klarheit sind bewundernswert."

Gregor Gysi freut sich für seine "Tante"

Ganz persönlich freute sich Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender von "Die Linke" über die Auszeichnung Lessings: Die Schriftstellerin ist eine angeheiratete Tante Gysis. Lessing war in zweiter Ehe (1944 bis 1949) mit dem deutschen Emigranten Gottfried Anton Nicolai Lessing verheiratet, einem Bruder von Gysis Mutter Irene.

Elke Heidenreich, die im ZDF die Büchersendung "lesen!" moderiert, freute sich über die Lessings Erfolg. "Sie ist immer ihren eigenen Weg gegangen", sagte Heidenreich. "Ich habe von Doris Lessing in meinen feministischen wild bewegten Jahren alles rauf und runter gelesen."

Die deutsche Übersetzerin Barbara Christ würdigte Lessings Bücher als "Werke voller Wärme, Kraft und Energie". "Lessing nimmt kein Blatt vor den Mund; sie äußert sich unverstellt und mit großer Offenheit", sagte Christ, die bereits fünf von Lessings Büchern übersetzte - darunter den erst vor kurzem erschienenen Roman "Die Kluft".

acl/ssu/dpa/ddp/AP

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