Rechtsstreit Günter Grass gewinnt gegen "FAZ"

Das Briefgeheimnis gilt auch für Nobelpreisträger: Nachdem Günter Grass sein spätes Waffen-SS-Geständnis abgegeben hatte, zitierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" aus alten Briefen des Autors, in denen der sich als moralische Instanz aufspielte. Grass klagte dagegen - mit Erfolg.


Berlin/Göttingen - Und die Moral von der Geschicht'? Trau Günter Grass' moralischem Zeigefinger nicht. Nach diesem Motto handelte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") im Jahr 2006, als sie nach dem spätem Waffen-SS-Geständnis des Literaturnobelpreisträgers in seinem autobiografischen Buch "Beim Häuten der Zwiebel" zwei Briefe des Wahlkämpfers Grass von 1969 und 1970 veröffentlichte. In denen ermahnte der Literat den damaligen SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller, doch endlich seine Vergangenheit in SA und NSDAP offenzulegen; pikante Dokumente, wenn man bedenkt, dass Grass mehr als 35 Jahre brauchte, um sich zu ähnlicher Offenheit durchzuringen.

Nobelpreisträger Grass: Sieg auf ganzer Linie
REUTERS

Nobelpreisträger Grass: Sieg auf ganzer Linie

Grass klagte dennoch gegen die Veröffentlichung; die beiden Briefe seien privater Natur und würden das Urheberrecht verletzten. Nun ist die "FAZ" in diesem Rechtsstreit endgültig unterlegen. Eine Sprecherin des Berliner Landgerichts sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Parteien hätten den Streit im Zuge einer sogenannten Hauptsachenerledigung für abgeschlossen erklärt. Danach ist die letztinstanzliche Entscheidung des Berliner Kammergerichts rechtsgültig, wonach die Veröffentlichung der Grass-Briefe unzulässig war.

Das Landgericht Berlin und das Berliner Kammergericht hatten auf Antrag von Grass dem Verlag der "FAZ" untersagt, die Briefe ohne ausdrückliche Freigabe und Lizenzerteilung durch den Literaturnobelpreisträger zu veröffentlichen. Bereits vergangene Woche hatte der Grass-Verlag Steidl in Göttingen mitgeteilt, dass der Verlag der "FAZ" "diese im Wege des einstweiligen Rechtsschutzes ergangenen Entscheidungen als endgültige Regelung wie ein rechtskräftiges Urteil anerkannt" habe. Damit stehe "rechtskräftig fest, dass die 'FAZ' zur Briefveröffentlichung nicht befugt war".

Auch in einem anderen Rechtsstreit konnte sich Grass behaupten. Der Grass-Biograf Michael Jürgs hatte in der Neuauflage seines Buches "Bürger Grass" von 2007 behauptet, der Autor habe sich als Siebzehnjähriger freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. Nachdem dieser gegen den Jürgs-Verlag Goldmann geklagt hatte, hatten sich die Parteien im Februar auf einen Vergleich geeinigt. In der Neuauflage des Buches wird stehen: "Günter Grass schrieb, dass er als 17-jähriger Wehrpflichtiger zur Waffen SS-Division Frundsberg eingezogen wurde."

Nun habe nach Angaben des Berliner Grass-Anwaltes Paul Hertin auch Biograf Jürgs eine entsprechende Unterlassungserklärung abgegeben; er werde künftig nicht mehr behaupten, Grass habe sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet.

tdo/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.