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Reich-Ranicki an Grass: "Ich muss Sie noch einmal belehren"

Seit Marcel Reich-Ranicki vor sieben Jahren Günter Grass' Roman "Ein weites Feld" verriss, schwelt eine dauerhafte Fehde zwischen dem Literaturkritiker und dem Nobelpreisträger. Kürzlich machte Grass seinem Kritiker ein Versöhnungsangebot, Reich-Ranicki antwortet jetzt in einem Brief. Das Schreiben erscheint Freitag in der "FAZ", SPIEGEL ONLINE dokumentiert es in Auszügen.

Im August 1995 erregte ein SPIEGEL-Titelbild die Literaturwelt: In einer Fotomontage zerriss der Kritiker Marcel Reich-Ranicki das damals neue Buch von Günter Grass, "Ein weites Feld". In der Ausgabe dokumentierte der SPIEGEL einen offenen Brief Reich-Ranickis an Grass, in dem er das Buch in den schärfsten Tönen kritisierte.

Eine langwierige Fehde zwischen Literaturkritiker und Schriftsteller entspann sich, bis Günter Grass, inzwischen Nobelpreisträger, am Mittwochabend in einem Interview mit dem WDR-Intendanten Fritz Pleitgen eine Entschuldigung von Reich-Ranicki einforderte. Der Kritiker antwortet am Freitag in der "FAZ" auf dieses "Versöhnungsangebot" - wiederum mit einem offenen Brief. SPIEGEL ONLINE dokumentiert ihn in Auszügen...

"Mein lieber Günter Grass,

ich habe Ihr ARD-Gespräch mit Fritz Pleitgen gesehen - nicht nur mit wachsendem Interesse, sondern auch mit aufrichtiger Freude. Das Entscheidende ist für mich Ihre Antwort auf Pleitgens Frage, ob denn mit einer Aussöhnung zwischen uns beiden nicht mehr zu rechnen sei. Darauf erwidern Sie ihm: "Das soll man nicht sagen." Ich verstehe das als Angebot, und ich nehme es gern an. (...)

Ihre erste und wichtigste Bedingung: Ich soll meine am 21. August 1995 im Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erschienene Kritik Ihres Romans "Ein weites Feld" zurücknehmen. (...)

Warum sollte ich, frage ich ganz bescheiden, meine Kritik revidieren? Weil sie einen "horrenden Fehler" mit einer "Kränkung" Ihrer Person verbinde. Die Kränkung bedauere ich, doch bisweilen ist, was Sie Kränkung nennen, in der Kritik leider unvermeidbar. Und der Fehler? Meinen Sie wirklich, daß Sie berufen und imstande sind, das Fehlerhafte einer Kritik zu erkennen, die Ihrem Buch gewidmet ist? (...)

Sie kommen dann in dem Gespräch auf das Titelbild des "Spiegels" zu sprechen, ein Thema, das in den vergangenen sieben Jahren in Ihren Äußerungen in schöner Regelmäßigkeit, etwa alle vier Wochen, wiederkehrt. Ich hätte, sagen Sie, dem "Spiegel" ein Bild zur Verfügung gestellt, auf dem zu sehen ist, wie ich Ihr Buch zerreiße. Das ist, mit Verlaub, barer Unsinn. (...)

Wir können uns ja rasch einigen, daß die meisten Redakteure des "Spiegels" Lumpen und Halunken sind. Wir können uns an Willy Brandts markiger und männlicher Formulierung ergötzen, der "Spiegel" sei ein "Scheißblatt". Nur kann ich Ihnen verraten, daß der "Spiegel", für den ich seit Jahrzehnten schreibe, mich immer fair behandelt hat und sich an die Spielregeln hält. (...)

Sie sagen auch, ich hätte vor vielen Jahren Ihren Roman "Die Rättin" mit meiner Kritik getötet. Mein Lieber, ich muß Sie noch einmal belehren: Wieder einmal überschätzen Sie mich und meinen Einfluß. Halten Sie es denn für ganz ausgeschlossen, daß der Mißerfolg Ihrer "Rättin" einen anderen Grund hatte?" (...)

Abseits der neu entflammten Grass-Debatte diskutiert der 82-jährige Literaturkritiker am Samstag auf der Frankfurter Buchmesse mit den SPIEGEL-Redakteuren Volker Hage und Mathias Schreiber über den Sinn und Unsinn des unter seinem Namen herausgegebenen Literaturkanons. Die Veranstaltung "Was man lesen muss - Wie sinnvoll ist ein Kanon?" findet am 12. Oktober um 17 Uhr in Halle 4.2, Raum "Dimension" statt.

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Kritiker Reich-Ranicki: "Sie überschätzen mich und meinen Einfluss"
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SPIEGEL-Titel vom August 1995: "Barer Unsinn"
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