Reich-Ranickis Solo Feuerwerk mit feuchter Wunderkerze

Wenn Marcel Reich-Ranicki eine Ansprache hält, muss das noch nicht ansprechend sein. Die neue Solo-Sendung des "Literaturpapstes" zeigte den Wortgewaltigen seltsam paralysiert.

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TV-Alleinunterhalter Reich-Ranicki: Mit Hall, aber ohne Resonanz
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TV-Alleinunterhalter Reich-Ranicki: Mit Hall, aber ohne Resonanz

Am Ende fiel der Vorhang, und die Zuschauer sahen betroffen, es blieben keine Fragen offen. Schließlich war alles gesagt, denn keiner hatte Meister Marcel unterbrochen. Dreißig Minuten reine Redezeit im Fernsehen, diesen Luxus bekommt nicht mal der Bundeskanzler zu Neujahr. Und dennoch: So viel Freiheit schien der egomanischen Vortragsdampfwalze Reich-Ranicki gar nicht recht zu bekommen. Mit den Klängen von Robert Schumanns Marsch aus der Klaviersuite "Carnaval" startete der Kritiker pathetisch und wirkte einsam, redete quasi mit Hall, aber ohne Resonanz. Und so ging's auch weiter.

Das betulich zwischen Audimax und Café gestylte ZDF-Studio präsentierte literarischen Frontalunterricht. Reich-Ranicki unter einem türkisfarbenen Triumphbogen, am Lehrertisch, optisch gebändigt und doch disziplinarisch von der Talk-Leine gelassen: Eine seltsame Diskrepanz, welche dem zickigen Zensor anfangs behagte, ihm jedoch im Verlauf der Sendung beinahe in die Enge trieb. Am Ende hätte er sich noch fast beim Schlusswort verhaspelt - so ergriffen war er von der Qualität der vorgestellten Bücher. Was gab es zu feiern?

Zunächst Alfred Kerr. Der verdiente Groß-Kritiker des 20. Jahrhunderts - ein Idol Reich-Ranickis - wurde mit dem neu erschienen Sammelband "So liegt der Fall" vorgestellt, und eigentlich wollte Marcel Reich-Ranicki nur noch mal diesen toten Kollegen zitieren: "Ein Kritiker, der nicht gehasst wird, taugt nichts". Kerr und er - da hängt der Hammer.

Hohe Ehren für den ehemals Geschmähten

Dann Günter Grass: Seine neue Novelle "Im Krebsgang" über den Untergang des deutschen Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff" fand nicht nur Gnade vor Reich-Ranickis Augen, die alten Augen tränten dem vermeintlich Gnadenlosen sogar bei der Lektüre, wie er freimütig zugab. Und "Ich weine nicht unter meinem Niveau!" bekannte er mit Verweis auf Theatermann Fritz Kortner, der sich mal wegen Lachens unter eigenem Niveau geärgert hatte. Hohe Ehren also für den ehemals geschmähten Grass, aber das neue Buch hat ja auch nur 216 Seiten.

Autor Grass: Friede zwischen den großen Geistern
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Autor Grass: Friede zwischen den großen Geistern

Wer Reich-Ranickis Abneigung gegenüber dicken Büchern, speziell von deutschen Schriftstellern, kennt, der weiß: Kürze kann entzücken. Allerdings beklagte er den seiner Meinung nach ungerechtfertigten Tabubruch-Hype rund um das Grass-Buch, wie er durch das deutsche Feuilleton gegeistert war. Schließlich hätten Walser, Lenz & Co. dasselbe Thema schon vor 20 Jahren ohne Hinderung behandeln können, wer hätte es ihnen auch wehren sollen. Reich-Ranicki jedenfalls rühmte rückhaltlos einen neuen, großen Abschnitt im Grass-Werk, und das Publikum applaudierte erleichtert. Endlich Friede zwischen den großen Geistern.

Die anschließende Laudatio auf den neuen Roman von Philip Roth - ein Lieblingsautor des Vortragenden - fiel dann schon eine Nuance nüchternen aus, aber ein großes, wichtiges und bewegendes Buch des Autors war auch dieses für Reich-Ranicki. Noch ein Kaufbefehl aus berufenem Munde, wenngleich die Skizzierung des Roth-Werkes merklich blass geriet. Womöglich hätte hier ein bellender Einwurf der widerspenstigen Iris Radisch Wunder gewirkt. Man muss es Reich-Ranicki auch manchmal entlocken, das zumindest hatte das "Literarische Quartett" gelehrt.

Natürlich konnte es keinen ungebremsten Reich-Ranicki geben, ohne dass er auf seinen Leib- und Magenautor Thomas Mann zu sprechen kam. Gut, angesichts der jüngsten Mann-Mania, ausgelöst durch Breloers TV-Dreiteiler, war das auch fast in Ordnung. Mit seinem launigen Schlenker über die "Aktien" von Künstlern, die im Lauf der Zeit steigen und fallen, zeichnete er nach, wie wenig doch Thomas Mann nach dem Krieg in Deutschland willkommen war, wie schwer man sich mit Emigranten tat, und wie mürrisch später auch deutsche, renommierte Schriftstellerkollegen mit Manns Werk umsprangen. Einmal mehr kramte Reich-Ranicki dessen Tagebücher als Wendepunkt der Mann-Rezeption hervor - aber das hatten wir alles schon mal im "Quartett". Irgendwie schien ihm der Stoff für die halbe Stunde nicht ganz gereicht zu haben, so redete er so lange vor sich hin, bis ihn dann offenbar die Regie mit "Schlusszeichen" aus dem Konzept brachte.

Sehnte er sich nicht doch nach dem kauzig-knuffigen Karasek zurück, den er manchmal lehrermäßig an den intellektuellen Ohren ziehen konnte? Selbst die gouvernantenhafte Sigrid Löffler machte doch manchmal irgendwie Spaß. Gar nicht zu reden von der kecken Iris Radisch, die sich doch hin und wieder einfach nicht abwürgen ließ. Es ist halt kolossal erfrischend, zwischendurch einfach mal "Blödsinn!" brüllen zu dürfen - nicht zuletzt auch für die Zuschauer. Tempi passati. So war er frei und doch gefangen. Manchmal las er ab, manchmal hob er wie pflichtschuldigst die Stimme. Doch gegen wen? Es war kein Feuerwerk, dieses Solo. Eher eine leicht feuchte Wunderkerze. Aber vielleicht kriegt Marcel Reich-Ranicki ja nächstes Mal aus Versehen ein paar schlechtere Bücher zu fassen. Seine "Kaufwarnungen" sind ja häufig interessanter als die Lobreden.



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