"Der Traum von Olympia" Die Läuferin, die im Mittelmeer ertrank

Sie wollte bei den Olympischen Spielen in London antreten und starb vor Malta: In der Graphic Novel "Der Traum von Olympia" erzählt Reinhard Kleist die wahre Geschichte von Samia Yusuf Omar - exemplarisch für Ungleichheit und Flüchtlingselend.

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Reinhard Kleist/ Carlsen

Es ist eine Geschichte, die sich in diesen Tagen tausendfach wiederholt. Tausende Träume vom besseren Leben, Tausende Hoffnungen, die in den Auffanglagern von Lampedusa enden, oder wie die von Samia Yusuf Omar auf dem Grund des Mittelmeeres. Reinhard Kleist hat sich Samias Geschichte für seine neue Graphic Novel ausgesucht, stellvertretend für die vielen Schicksale, die unerzählt bleiben. Und weil Samias dennoch eine besondere Geschichte ist.

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking ging Samia mit 17 Jahren an den Start für ihr Heimatland Somalia. Als 200-Meter-Läuferin durfte sie die Flagge ihres Landes tragen und schied, vom Publikum bejubelt, als Letzte in ihrem Vorlauf aus. Es ist eines der eindrücklichsten Bilder, die Kleist in seiner Erzählung verwendet: Die schmale Somalierin im Schlabbershirt steht neben den muskelbepackten Konkurrentinnen auf der Laufbahn - ein Symbol für die ungleichen Startbedingungen, die Samia mit vielen Flüchtlingen teilt.

Denn nach ihrer Rückkehr steht ihr in Mogadischu nur das von Bombenkratern durchlöcherte Stadion als Trainingsort zur Verfügung. Die Al-Shabaab-Milizionäre, deren brutales Regime schon ihrem Vater das Leben gekostet hat, erschweren das Training der jungen Frau zusätzlich. Es reift der Entschluss zur Flucht nach Europa. Samia hat den großen Traum, 2012 in London noch einmal dabei zu sein.

"Was an den Außengrenzen von Europa täglich passiert"

Was folgt ist die strapaziöse, von Rückschlägen und Hindernissen geprägte Reise, die sie mit so vielen teilt. Auf der Flüchtlingsroute schlägt sie sich auf Pick-ups und Lastern durch die Sahara bis an die libysche Küste. Kleist benutzt einen Kniff, um den Lesern Samias Gedanken auf der beschwerlichen Flucht näher zubringen. In von ihm erdachten Facebook-Nachrichten lässt er sie ihre Zweifel und Hoffnungen notieren.

Obwohl das furchtbare Ende vielen Lesern schon vorher bekannt sein dürfte, schafft Kleist es mit seinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Mischung aus Bedrückung und Hoffnung auf der Flucht so eindrücklich darzustellen, dass man mitfiebert. Er sagt: "Ihre Geschichte und ihr Traum imponieren uns. Aber ihr tragisches Ende führt uns vor Augen, was an den Außengrenzen von Europa tagtäglich passiert. Dort gibt es nur selten ein glückliches Ende, von dem wir auch bei Samia gerne gehört hätten."

Auf Samias Geschichte stieß Kleist bei seiner Recherche zum Thema Flüchtlinge, als er auf Einladung des Goethe Instituts nach Sizilien reiste, im Rahmen einer arte-Dokumentation besuchte er ein Flüchtlingslager im Nordirak. Zur Vorbereitung auf das Buch traf sich Kleist mit Samias Schwester und sprach mit Weggefährten, das Resultat ist eine sehr persönliche Biografie, die dennoch nichts von ihrer Allgemeingültigkeit und Aktualität verliert.

Nicht erst seit seiner herausragenden Graphic Novel "Der Boxer" (erschienen 2012) gehört Kleist zu den profiliertesten deutschen Comiczeichnern. Mit Samias Geschichte hat er sich einmal mehr als Meister des zeichnerischen Erzählens erwiesen.

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hermannheester 03.02.2015
1. Kleist und der Gevatter Tod
Der Name Kleist hat irgendwie was Magisches, wenn es um den Tod geht, schon der große Heinrich von fand den Tod relativ anziehend.
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