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Reisecomic über Kuba: Höllenmalerei von Havanna

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Alles so schön bunt hier! Viele Künstler vermitteln den Eindruck, Kuba sei die romantischste Diktatur der Welt. Der deutsche Comic-Autor Reinhard Kleist, ein Meister des Düsteren, sieht das anders. In einem Reisebuch zeichnet er das Bild eines Landes, das die Apokalypse fest im Griff hält.

Schöner kann man nicht unterdrückt werden. Kuba ist das romantischste Feindbild der Welt: eine fröhliche kleine Diktatur vor Amerikas Haustür, ein großes gallisches Dorf unter südlicher Sonne, das mit Zigarren, Rum und Buena Vista Social Club statt Bier, Wildschwein und Barden standhaft dem Kapitalismus trotzt. Wim Wenders hat es doch gezeigt. Ry Cooder bezeugt es, Michael Moore auch. Doch dieses idyllische Bild blendet die ganz banale Realität von Zensur, wirtschaftlichem Verfall und politischer Verfolgung auf der Insel weitgehend aus.

Auf den ersten Blick scheint auch Reinhard Kleist dieses Bild zu zeigen. "Havanna - Eine kubanische Reise" heißt sein Buch - und auch eine gleichnamige Ausstellung in Hamburg, die diesen Freitag beginnt. Das Werk ist ein gezeichneter Reisebericht über einen Aufenthalt auf Kuba im März 2008, nur Wochen nach der endgültigen Abdankung Fidel Castros. Wie dieses Kuba, von dem so viele reden, jetzt sei, habe er wissen wollen.

Auf knapp 100 Seiten verbindet Kleist mal schnell, mal aufwendig gestrichelte Erlebnisskizzen aus Havanna in Farbe und Schwarzweiß mit kurzen Comics, die seine Kontakte zu Einheimischen schildern: seine Gastgeber und ihr tragikomischer Versuch, Internetzugang zu erhalten, die Ausreisewillige, die nicht ausreisen darf, die Musiker, deren der Kontakt zum Westler polizeilich unterbunden wird.

Es sind schöne Bilder, von klassischer Architektur, alten Wagen, herrlichen Landschaften, musizierenden Menschen, und die erzählten Geschichten sind niemals zu tragisch, um die Schönheit zu zerstören. Selbst der allgegenwärtige Verfall, die Armut von Menschen, die vom Aufsammeln von Getränkedosen leben und die Darstellung wild improvisierter Elektroanlagen, deren Kabel in alle Richtungen wuchern, sind von ganz eigener Romantik.

Aber es ist die Romantik einer Apokalypse, wie Kleist schon im Vorwort des Buches über die Motive seiner Reise andeutet. Laut ihm "hatte der Name für mich immer schon einen verheißungsvollen Klang. Nach Abenteuer. Fernweh. Glücksspiel. Untergang."

Das ist das Stichwort. "Havanna" verbreitet Endzeitstimmung. Wenn Kleist zur Farbpalette greift, leuchtet die Stadt in den Farben der Hölle: brennendes Rot, flammendes Orange, glühendes Gelb.

Morbider Grundton

Und wo sie das nicht tut, etwa vor den Toren der US-Botschaft, ist alles eisig blau und metallisch schwarz. Scheinbar nur noch die überall hängenden Castro-Plakate und verblassenden Che-Graffitti halten das morsches Gebälk und Kabelgewirr dieses endzeitlichen Havannas zusammen.

Höhepunkt der himmlisch bunten und ausweglosen Höllenmalerei ist ein vierseitiger Folder in der Mitte des Buches. Ein betörend bedrückender Sonnenuntergang am Meer ist da zu sehen, mit lavafarbener See und glutroten Häusern.

Mit Schreckensbildern kennt sich der 1970 geborene Zeichner jedenfalls aus. Nicht erst seit er 2006 die Lebensgeschichte des großen Schmerzensmannes des Country, Johnny Cash, adaptierte und zu einer berauschenden schwarz-weiß-Erfahrung über Aufstieg, Fall und Comeback machte. "I see a darkness" heißt dieses großartige Buch.

Die Dunkelheit sah Kleist schon zuvor. Seine ersten professionellen Comics waren Adaptionen des Horrorautors H.P. Lovecraft. Dafür erhielt er 1996 den Max-&-Moritz-Preis des Comicsalons Erlangen. Mit dem Autor Tobias Meissner gestaltete er ab 2003 im Geiste F.W. Murnaus und Fritz Langs die Trilogie "Scherbenmund" über ein alternatives Berlin, in dem Vampire die Herrschaft übernommen haben. Seit über einem Jahrzehnt veröffentlicht der Zeichner nahezu jedes Jahr ein neues Buch, nahezu jedes mit morbidem oder apokalyptischem Grundton.

Zwiespalt aus Idyll und Apokalypse

Nun ist Kleist nicht der erste reisende Comiczeichner. Anfang der neunziger Jahre prägte der Amerikaner Joe Sacco mit seinen naturalistischen Comicberichten aus Palästina und Bosnien den Begriff der Comicreportage. Für seine umfangreichen Bücher hatte er monatelang vor Ort recherchiert, sie enthalten ausführliche gezeichnete Interviews und Augenzeugenberichte. Und von 2000 bis 2007 gestaltete der Frankokanadier Guy Delisle aus seinen Erfahrungen als Animator unter anderem in China, Nordkorea und Birma eine beeindruckende Trilogie, die persönliche und politische Erfahrungen verbindet.

Aber nicht nur Krisenherde locken Zeichner an. Als Independent-Comicstar Craig Thompson 2004 auf Afrika- und Europareise war, hatte er sein Skizzenbuch dabei - "Tagebuch einer Reise" heißt das veröffentlichte Ergebnis. 2006 verbrachte der deutsche Zeichner Dirk Schwieger beruflich einige Zeit in Tokyo. Über sein Blog forderte er seine Leser auf, ihm Aufträge zur Erkundung der Stadt zu geben. Aus den Erfahrungen gestaltete er kurze Comics, die er Online stellte. Unter dem Titel "Moresukine" liegen diese inzwischen auch als Buch vor. Und im Februar 2008, nur Wochen vor Kleists Reise, lud das Goethe-Institut auf Kuba die Zeichner der Stuttgarter Comicgruppe Moga Mobo nach Kuba ein, justament zum Zeitpunkt der Abdankung Fidels. Unter dem Titel "Aventuras en Cuba" veröffentlichten sie einen kurzen Reisebericht, der - ein Novum für den deutschen Markt - auch Gastcomics kubanischer Zeichner beinhaltet.

Reinhard Kleist jedenfalls hat eine wirkliche Antwort auf seine Fragen nach Kubas Wesen nicht gefunden, wie er im Epilog zugibt. Aber genau dieser Zwiespalt aus Idyll und Apokalypse macht den Reiz von "Havanna" aus, das den Leser mit unvergleichlicher Schönheit in einen Abgrund des Zweifels lockt.


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Ausstellung "Havanna – Eine kubanische Reise", Hamburg, Kunst- und Kulturverein LINDA, 9.1. bis 18.1. 2009.

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