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Leben in der Stress-Kultur: Jetzt chill doch mal!

Von Maren Keller

Hat ein umfassendes Werk zur Unruhe geschrieben: Ralf Konersmann Zur Großansicht
Bodo Kremmin

Hat ein umfassendes Werk zur Unruhe geschrieben: Ralf Konersmann

Wirtschaftswachstum, Freizeitstress, Burn-out: Die Unruhe ist zum prägenden Gefühl unserer Kultur geworden - Ralf Konersmann hat ihr eine Philosophie geschrieben.

So sieht sie also aus, die Ruhe: Unter einem Himmel, den die Wolken in Falten gelegt haben, liegt eine Frauengestalt. Mit zu viel Anmut, als dass eines der Worte passen würde, die so naheliegend wären. Kein Hinfläzen ist hier zu sehen, kein Faulenzen.

Eine nackte Frau, die keine Unruhestifterin ist, sondern das Gegenteil. Gemalt von Jean-Baptiste Camille Corot, Vorläufer des Naturalismus und Impressionismus, berühmt als französischer Landschaftsmaler, begehrt unter Kunstsammlern und bekannt dafür, dass von kaum einem anderen mehr Bilder gefälscht wurden.

Das Bild stammt aus dem Jahr 1860, als mit dem jahrtausendealten Ideal der Ruhe längst gebrochen worden ist. Und die schwarzhaarige Frauengestalt würde, wenn sie denn sehen könnte, aus ihrem Bild hinausgucken in die Kultur der Unruhe - in der wir leben.

Der Stress, ein neues Gefühl

Diese Kultur prägt uns so sehr, dass der Philosophieprofessor Ralf Konersmann in seinem Buch "Die Unruhe der Welt" schreibt: "Am Ende scheint es, als sei es gerade das, was die westliche Kultur mehr als alles andere auszeichnet und wodurch sie sich sowohl von ihrer eigenen, vorneuzeitlichen Vergangenheit als auch von anderen Kulturen unterscheidet: durch die kategorische, allen weiteren Überlegungen vorgreifende Weigerung, die Dinge auf sich beruhen zu lassen."

Die Unruhe hat viele Gesichter. Als Wachstum taucht sie in der Wirtschaft auf, als Fitness im Lifestyle, als Bewegung in der Geschichte, als Aktivismus in der Politik, als Zerstreuung in der Freizeit. Dann wieder als Stress, als Burn-out, als Phrasen wie diese in unserer Sprache: dass wir nur einmal leben und immer Schritt halten müssen und nach vorne gucken sowieso.

Jedes einzelne dieser Symptome der Unruhe ist ausführlich bearbeitet worden. Ganze Ratgeber-Regalreihen geben Tipps zum Thema Burn-out. Magazine gründen auf der Sehnsucht nach Entschleunigung.

Historiker haben untersucht, wie vor 60 Jahren mit dem Stress ein neues Gefühl benannt wurde. "Umso erstaunlicher ist die Beobachtung, dass es die Diagnosen ihrer diversen Erscheinungsformen zwar zu beträchtlicher Popularität gebracht haben, dass aber keine Theorie vorliegt, die uns die Unruhe einmal rein als solche erschlossen hätte."

Das fühlt sich nach Vorlesung an

Konersmann hat diese Lücke geschlossen. Er hat dem Gefühl der Unruhe ihre Philosophie geschrieben. Er analysiert Gemälde, Geschichten und Worte darauf, ob und in welcher Form die Unruhe darin auftaucht. Er spürt diesem Gefühl nach und versucht, es zu beschreiben. Er will fassen, wie es dazu kam, dass mit der Neuzeit die Ruhe plötzlich als vermeidenswert galt. Und assoziiert wurde mit Stillstand und Lethargie.

Seine Philosophie ist keine chronologische Kulturgeschichte. Eben noch war von Claude Lévi-Strauss die Rede, schon geht es zu Thomas Manns "Der Zauberberg", plötzlich zu Kain und der Genesis-Erzählung; zwischendurch mal eine semantische Analyse zur Redewendung, dass "alles im Fluss sei", und dann ein paar Seiten zu Mythos und Logos.

Alles im Vokabular der Theorie. Konersmann kann sensationell gut ungeahnte Verbindungen herstellen und neue Lesarten bekannter Erzählungen aufzeigen. Voraussetzungsfrei schreiben kann er nicht oder will er nicht, was dazu führt, dass sich das Lesen dieses Buches auf jeder einzelnen Seite nach Vorlesung anfühlt.

Das muss natürlich nichts Schlechtes sein, vorausgesetzt, man hat zum Lesen dieses Buches - welch irgendwie konsequenter, irgendwie ironischer, irgendwie zwangsläufiger Schluss - genug Ruhe.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Stress ist was ganz anderes
tomita 03.06.2015
Dass der Stress für die grosse Masse zugenommen habe, halte ich für eine gewagte These. Verglichen mit dem Stress unserer Vorahnen, die als Sammler und Jäger ständig den Tod im Nacken hatten, kann man unsere Lage doch nur privilegiert nennen. Was wir daraus machen liegt ganz an uns. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Mangels existenzieller Not nehmen wir uns selbst so wichtig, dass wir sogar in Versuchung geraten solche unnötigen Ratgeber zu benötigen.
2. Jeden Tag ...
unifersahlscheni 03.06.2015
... wenigstens eine halbe Stunde in der Natur spazieren gehen, dabei Smartphone ausschalten. Ausreichend Schlaf. Dann ist schon viel geholfen.
3.
moneysac123 03.06.2015
ich werde einen bauernhof kaufen, ausbauen und dort leben wir vor 60 Jahren, offline, slow, gästezimmer bauen und für je 4 Wochen an gestresste städter vermieten.
4. Selbstbauprojekt Stress
Iggy Rock 03.06.2015
Zitat von tomitaDass der Stress für die grosse Masse zugenommen habe, halte ich für eine gewagte These. Verglichen mit dem Stress unserer Vorahnen, die als Sammler und Jäger ständig den Tod im Nacken hatten, kann man unsere Lage doch nur privilegiert nennen. Was wir daraus machen liegt ganz an uns. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Mangels existenzieller Not nehmen wir uns selbst so wichtig, dass wir sogar in Versuchung geraten solche unnötigen Ratgeber zu benötigen.
Gehen sie davon aus, dass Todesangst einerseits beseitigt, auf der anderen Seite in unserem Alltag noch immer ein Dauergast ist. Ob jemand von einem Bär gefressen, oder von einem Auto überfahren wird, ist defacto das Gleiche. Der soziale Absturz war für unsere Vorfahren nur durch grobes Fehlverhalten möglich, dass unter Umständen sogar zu einem Gruppenausschluß führte. Heute reicht eine unverschuldete Krankheit oder die Geburt des eigenen Kindes, um in wenigen Monaten nachhaltig aus dem sozialen Umfeld und dem System zu rutschen. Den übrigen Stress schaffen wir uns selbst, schließlich leben wir im Zeitalter der Selbstverschuldung. Du bist nicht glücklich, hast einen schlechten Job, verdienst zu wenig, hast den falschen Partner, immer zu wenige Freunde, bist zu dick, dünn, hässlich, ernährst dich ungesund, an all dem bist du selber schuld. Du perfektionierst dich nicht richtig. Dauerkonsum wird bei all dem als Problemlöser vermarktet. Noch vor wenigen Jahrzehnten sah das eine Mehrheit völlig anders, damals gab es noch Ursachen für die eigene Misäre, die man nicht selber in der Hand hatte.
5. Missverständnis
optional! 03.06.2015
Zitat von tomitaDass der Stress für die grosse Masse zugenommen habe, halte ich für eine gewagte These. Verglichen mit dem Stress unserer Vorahnen, die als Sammler und Jäger ständig den Tod im Nacken hatten, kann man unsere Lage doch nur privilegiert nennen. Was wir daraus machen liegt ganz an uns. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Mangels existenzieller Not nehmen wir uns selbst so wichtig, dass wir sogar in Versuchung geraten solche unnötigen Ratgeber zu benötigen.
Es geht nicht um einen Ratgeber, sondern um eine kulturphilosophische Betrachtung eines Aspekts der westlichen Neuzeit. Insofern ist ihre Abwertung, was nötig oder unnötig sei, fehl am Platz. Sie zeigt nur mehr auf, dass sie Ihr Urteil eben ohne Muße die Lektüre abgeben. Wozu dieser Stress...? Als Ratgeber eignet sich zum Beispiel "Leo Babauta, The Power of Less". Als kleiner psychologisches Exkurs mag "Marc Wittmann, Gefühlte Zeit" dienen. Eine ökonomische Betrachtung liefert "Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken". In Sinne Ihres Kommentars eine Besinnung auf das Seiende und mal aus östlicher Richtung bietet "Kodo Sawaki, Zen ist die grösste Lüge aller Zeiten". Zurück aber zu Konermann bzw wie Kremmin ihn sieht: Unruhe als neue definierende Eigenschaft, vielleicht. - Es gibt allerdings schon des längeren Untersuchungen zu dem Themenfeld Geschwindigkeit, Beschleunigung, Überwindung von Distanz in mehreren Disziplinen, auch der Philosophie. Ich hätte Konermanns neues Buch gern in Bezug gesetzt gesehen.
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