Von Felix Bayer
"Es ist eine sehr amerikanische Sache, sich nach alter Kultur zu sehnen", sagt Simone Felice: "Aber warum tun wir es immer auf so billige Weise?" Der Romanautor und Songwriter erzählt von den Orten im US-Bundesstaat New York, seiner Heimat, die klingende Namen wie Rom oder Cairo tragen, aber in Wahrheit nichts anderes sind als "die heruntergekommensten Inzucht-Käffer". So wie Cairo zum Beispiel. Ein Ort, der aus einer Straße besteht, einer Tankstelle, einer Stripbar und einem Wal-Mart. "Es hat mich sehr inspiriert", sagt Felice.
Ein solcher Ort ist der Schauplatz seines ersten Romans, "Black Jesus", der gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist. Er hat das Städtchen Gay Paris genannt. Lionel White stammt von dort und kehrt dorthin nach seinem Einsatz im Irak-Krieg, verwundet an Leib und Seele. Lionel hat in einem Gefecht sein Augenlicht verloren, seine Mutter holt ihn ab; sie hat den Trailer, in dem sie ihren einzigen Sohn allein großgezogen hat, inzwischen abgefackelt. Jetzt lebt sie in einer ehemaligen Eisdiele und von den Verkäufen, die ihr mit einer Art Dauerflohmarkt an der Durchgangsstraße gelingen.
Songs wie "Courtney Love" oder "Sharon Tate"
"Geschichten zu erzählen war immer schon der Kern dessen, was meine Brüder und ich tun", sagt der 35-Jährige. "Wir haben angefangen, Folksongs zu schreiben, weil wir von Romanen inspiriert waren oder von Geschichten, die unser Großvater aus New York erzählt hat." Im Song "New York Times" verbindet Simone zum Beispiel die Geschichte eines indianischen Autodiebs mit der eines Kampfpiloten im Irak-Krieg, die er in der "New York Times" gefunden und dann weitergesponnen hat.
Anders als viele Zeitgenossen im Americana-Genre, die sich der Mythologie und Tradition so sehr verhaftet fühlen, dass ihre Songs zu einem beliebigen Zeitpunkt in den letzten 50 Jahren entstanden sein könnten, setzt Simone Felice Signale, die seine Figuren zeitlich verorten. Songs heißen "Courtney Love" oder "Sharon Tate", vor der Sensationslüsternheit und Prominenzfixiertheit der Gesellschaft warnt er mit der Zeile "Don't you dare hail the King of Pop". Und auch in seinem Roman gibt es Zeitmarkierungen; von den Songs im Oldieradio, die die Mutter hört, bis hin zu den großen politischen Ereignissen wie eben dem Irak-Krieg.
Der beschäftigt ihn, seit ein Freund mit seelischen Wunden aus Falludscha heimkehrte. "Ich wollte eine Geschichte über ein Trauma erzählen, und wie die Liebe helfen kann", sagt er über "Black Jesus". Das ist der Spitzname, den seine Kameraden dem jungen Romanhelden Lionel White geben. Für die Armeeleitung mögen die Soldaten bloße Nummern sein, untereinander geben sie sich neue Namen, neue Identitäten: "Fern von Zuhause finden sie eine Kameraderie, und für die Kameraden kämpfen sie. Die Anführer wissen das, und sie wissen es zu nutzen", sagt Felice. Lionel White möchte seinen Soldatennamen auch in der Heimat nicht ablegen, er besteht darauf, weiter Black Jesus genannt zu werden.
"Wir begegnen uns, endlich!"
Parallel erzählt Felice von der Reise einer Stripperin aus Venice Beach (Venedig! Altes Europa!) durch das ganze Land nach Osten. Gloria flieht vor ihrem prügelnden Lover, der ihr mit Gewalt die Chance verbaute, als Tänzerin auf angeseheneren Bühnen zu reüssieren. Die beiden Geschichten laufen zwangsläufig auf den Punkt zu, der mit der schönen Kapitelüberschrift "Wir begegnen uns, endlich!" eingeleitet wird. "Ich glaube, dass Romantik wieder in Mode kommen wird", sagt Felice. "Mit ihr ist es wie mit Rock'n'Roll: Sie wird niemals sterben."
In Felice' Geschichten tauchen immer wieder Menschen auf, denen man Vorwürfe machen könnte, die man moralisch verurteilen könnte. Doch seine Position bleibt die des Beobachters. Passenderweise ist der Hauptbösewicht in "Black Jesus" ausgerechnet einer, der sein Geld mit dem Urteil über die Kunst anderer verdient, ein Musikkritiker.
Zwei Begegnungen mit dem Tod
Doch Felice sagt, er habe für ihn genauso viel Mitgefühl wie für all seine Figuren: "Wir Menschen sind wie ein Mosaik, bestehend aus unseren Genen, aus Büchern, die wir gelesen haben, aus Fernsehsendungen, die wir als Kinder gesehen haben, aus Erinnerungen, Gefühlen, all dem. Alle meine Figuren sind kleine Teile von mir, ich versuche mir mit ihnen einen Reim auf mich selbst zu machen."
Das Mosaik des Simone Felice wurde kräftig durcheinandergeschüttelt, als er 2010 eine Operation am offenen Herzen durchstehen musste. "Es war der Moment der Wahrheit", erinnert er sich: "Ich wusste nicht, ob ich aufwachen würde. Meine Frau war im achten Monat schwanger. Aber ich bin wieder aufgewacht, und ich durfte meine wunderschöne Tochter einen Monat später kennenlernen." Schon einmal, da war er zwölf, war es eng: Nach einer Hirnoperation war er schon für klinisch tot erklärt worden. Für den britischen "Guardian" schrieb Felice einen anrührenden Artikel über seine zwei Begegnungen mit dem Tod.
Die Songs für sein Soloalbum hätten ihren Ursprung in dem Monat nach der Herzoperation, sagt Felice, als er unter Morphium-Einfluss stand und extrem ausdrucksstarke Träume hatte. Mit der Produktion des Albums habe er den Effekt erreichen wollen, den er als Jugendlicher bei Leonard Cohen oder Joni Mitchell geliebt habe: "Ich hatte das Gefühl, sie sprächen ganz direkt zu mir. So eine subtile übernatürliche Verbindung, als wäre ein Geist im Raum." Das klingt im Ergebnis manchmal etwas aufdringlich, die aufwendiger arrangierten Songs sind etwas kitschig geraten, etwa die Singleauskopplung "You & I Belong".
Felice sagt: "Wenn ich jemand mit meiner Musik oder meinen Geschichten berühre, wenn ich jemandem das Gefühl geben kann, nicht allein zu sein - das ist Erfolg für mich, nicht ein Anwesen oder ein Pelzmantel." Besser gelingt ihm das mit dem Roman "Black Jesus", der mit seinem tiefen Mitgefühl für seine verletzten Charaktere und seiner kaum verhüllten Wut über die Umstände, die sie in diese Situation brachten, im besten Sinne wie ein Protestsong funktioniert. Geschrieben von einem, der sein Land liebt und hasst. Von einem, der weiß, wie es sich anfühlt, wenn man alles zu verlieren droht.
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