Jennifer Egans "Der größere Teil der Welt" Prügel für die späten Hippies

Ein Pulitzer-Preisstück, wie es im Buche steht: Jennifer Egans neuer Roman "Der größere Teil der Welt" erzählt von amerikanischen Medienmenschen, Musikmonstern und dem alltäglichen Schrecken. Das ist nicht immer kulinarisch, aber stets unterhaltsam.

Autorin Jennifer Egan: Rasend effiziente Literatin
Pieter M. van Hattem

Autorin Jennifer Egan: Rasend effiziente Literatin

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So schnell kann's gehen! Eben noch beschreibt ein Interviewer eloquent die Gesprächssituation mit einer jungen, attraktiven Schauspielerin, im nächsten Moment ergeht er sich in einer cool verbalisierten Vergewaltigung derselben Schönheit im New Yorker Central Park: Nie weiß man vorher, welche abgründigen Wendungen der Plot in Jennifer Egans jüngstem Roman "Der größere Teil der Welt" (Schöffling) nimmt.

Von einer Seite zur nächsten, manchmal sogar von einem Absatz zum nächsten - so schnell wie die Gedanken springen, so flink kann Egan erzählen. Das Schöne an diesen Wechselbädern ist, dass sie nicht beliebig oder absurd wirken, sondern in ihrer Logik stets schwungvoll und zwingend vorbereitet sind. Der Schrecken ist so schrecklich naheliegend, und das macht ihn für den Leser so teuflisch attraktiv.

Die Geschichte von Egans Protagonistin Sasha und deren Liaison mit dem Rockmusik-Produzenten Benny Salazar ist Ausgangs- und immer wiederkehrender Mittelpunkt eines schlanken Epos, das von der späten Hippie-Ära über die Punk- und New-Wave-Jahre bis ins Internetzeitalter reicht. Sashas Leben zwischen Kleptomanie und Rock'n'Roll gibt die Akkordstruktur vor, wobei es nicht nur um Musik, sondern stets auch um Weisheit, um Moral und Gewalt, um Politik und Gesellschaft geht. Keine Angst, die Autorin sorgt sich weniger um den Staatserhalt als um ihre Charaktere und deren Gefährdungen.

Denn Jennifer Egan ist eine rasend effiziente Literatin in bester anglo-amerikanischer Tradition der Wellmade Novel. Ihre Figuren erscheinen in kürzester Zeit plastisch vor dem inneren Auge des Lesers, und ihre Handlungen und Gedanken erstehen umweglos dank sprachlich effizienter Mittel, die nie das Geschehen überstrahlen. Das geschwätzige Grauen, das in Deutschland gern mit dem Camouflage-Begriff Fabulierkunst bezeichnet wird, trifft man hier nirgends an.

Kein Kuscheln mit der Nostalgie

Dass Jennifer Egan die dichten Handlungsstränge rund um ihre Protagonisten klug und wirkungsvoll miteinander verbindet, entspringt nicht purer Routine, sondern zielsicher geführter Phantasie und straffer Struktur ihrer Erzählung. Da werden Szenen manchmal nur angerissen, was Tempo erzeugt und an den Stil eines Isaac Bashevis Singer erinnert, aus dessen Nebensätzen andere Autoren ganze Novellen gebaut hätten.

Kein Nostalgie-Alarm an der Erinnerungsfront: Mit den Hippies und 68ern kuschelte Jennifer Egan nie wirklich, wie auch ihr bereits in deutscher Übersetzung erschienener Roman "Die Farbe der Erinnerung" (Piper) von 2001 belegt, der aufgrund der Pulitzerpreis-Aktualität nun eine Neuauflage erfahren sollte.

Die 1962 in Chicago geborene Autorin debütierte 1993 mit dem Erzählungen-Band "Emerald City", schrieb aber stets auch Essays und andere Beiträge für das Magazin "New Yorker" und die "New York Times". Ihr jüngstes Werk (im Originaltitel "A Visit From The Goon Squad" / etwa "Ein Besuch vom Schlägertrupp") strotzt denn auch von würzend eingestreuten Aphorismen - ohne didaktische Geste, aber doch als intellektueller Pulsschlag spürbar.

Eher bösartig parodiert die Autorin die Ergriffenheit vor den verwehenden Jugendidealen und opfert lieber das Pathos der arrivierten Revoluzzer: Dass der ehrliche Musikmakler Benny Salazar irgendwann von seinem eigenen, groß gewordenen Label "Sow's ear" gefeuert wird, weil er dem Aufsichtsrat zum Mittagessen Kuhfladen servierte, klingt dünnbrettig.

Die ironische Sicht auf die Gegenkultur-Branche hebelt alle Hoffnung auf Erlösung aus. Jennifer Egan macht nicht einmal wohlfeile Witze darüber wie andere, und manchmal klingen ihre Sätze sogar erfrischend humorlos und kalt - und wirken damit im besten Sinne zeitgemäß.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert:Anna Katharina Hahns "Am schwarzen Berg", Joan Didions "Blaue Stunden"und Jens Sparschuhs "Im Kasten".

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