Ungelenker Debütroman: Spilker, bleib bei deinen Sternen

Von Tobias Becker

Der Sterne-Sänger Frank Spilker hat ein Krisenbuch geschrieben - leider ein schlechtes Zur Großansicht
Philipp Glauner/ Hoffmann und Campe

Der Sterne-Sänger Frank Spilker hat ein Krisenbuch geschrieben - leider ein schlechtes

Zu lang, zu kraftlos: Frank Spilker, Sänger der Hamburger Indie-Band Die Sterne, scheitert an seinem ersten Roman. Er lässt einen erfolglosen Grafikdesigner aus Hamburg zurück in seine Provinzheimat reisen. Schöne Idee, doch das Buch fällt weit hinter Spilkers brillante Songtexte zurück.

Wo fing das an und wann? Was hat ihn irritiert? Was hat ihn bloß so ruiniert, diesen Thomas Troppelmann? Er möchte sich in die Ecke verkriechen, aber das hilft nicht. Er könnte den ganzen Tag nur noch schrein, aber nein. Es hilft nichts auf der Welt, wenn einem St. Pauli auf den Geist fällt.

Der Hamburger Grafikdesigner Troppelmann ist der bedröppelte Held im Debütroman von Frank Spilker, dem Sänger, Gitarristen und Texter der Hamburger Indierock-Band Die Sterne. Troppelmanns Freundin ist schon weg, Troppelmanns Geschäftsgewinn schwindet gerade, und auch Troppelmanns Büro wird bald weg sein: Aufträge zur Gestaltung von Plattencovern, von denen er einst recht gut leben konnte, gibt es kaum noch. Zudem hat er es versäumt, den Mietvertrag für seine Agentur Tropical Design auf St. Pauli rechtzeitig zu verlängern. Um ihn herum tobt die Gentrifizierung. Nun ist er fest entschlossen, diesen Ort zu verlassen, die Fesseln zu sprengen und fortan zu hassen, was er je geliebt hat, und was ihn. Denn wahr ist, was wahr ist, dass das, was war, nicht mehr da ist. Also rein in den Zug und raus aus Hamburg.

Troppelmann, der einst aus der Provinz nach Hamburg geflüchtet war, flüchtet aus Hamburg zurück in die Provinz: zu einer einstigen Geliebten, einer kleinbürgerlichen Krankenschwester in Hildesheim, zu seinen Eltern, kleinen Selbständigen in Nordrhein-Westfalen, zum Ort eines Kindheitstraumas, einer evangelischen Kurklinik im Schwarzwald. Troppelmann lässt sich durch Deutschland treiben und durch seine Erinnerungen, immer auf der Suche nach den Gründen, die ihn zum Verlierer haben werden lassen.

Die Träumereien der Kultur-Boheme

Sterne-Sänger Spilker, aufgewachsen in einem Gärtnerei-Betrieb im westfälischen Bad Salzuflen, hat ein Krisenbuch geschrieben: ein Buch über die Wirtschaftskrise allgemein und über die Krisen der Musikindustrie und der Medien speziell, ein Buch zudem über eine Sinn- und Lebens- und Liebeskrise. Er hat ein Buch geschrieben über Themen, die ihm nahe sind: Über preußisches Arbeitsethos, Drill und Gehorsam in Provinzunternehmen und Kleinstadtkirchen. Über kreatives Chaos, Träumereien und Orientierungslosigkeit in der urbanen Kultur-Boheme, dem vieldiskutierten Kulturprekariat, das sich selbst ausbeutet, das nicht aufmacht, "wenn das Geld vor der Tür steht". Über Themen also, über die er sonst Songtexte dichtet. Songtexte, die zu den besten gehören, die es in deutscher Sprache gibt.

Der Romantitel "Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen" klingt wie einer seiner Songtitel: spröde und doch sinnlich, versponnen intellektuell und doch emotional. Er hat einen eigenen Sound. Leider ist das schon das Beste, was sich über Spilkers Roman sagen lässt. Gemeinsam mit dem Lektorat des Verlags Hoffmann & Campe hat er ihn auf 160 luftig gesetzte Seiten heruntergekürzt, aber das reicht noch nicht, selbst auf 160 Seiten bringt Spilker noch viel zu viele Belanglosigkeiten unter. Wer weiß: Vielleicht wäre der Text ein Hit, hätte er ihn auf drei Minuten und 30 Sekunden gekürzt.

Als Roman fehlt ihm das, was jeder gute literarische Text braucht, auch ein Songtext: die Leerstellen. Die Geschichte Troppelmanns ist auserklärt und dadurch entsetzlich lahm, sie ist zu bieder, zu brav, auch im Rhythmus frei von dem groovenden Funk, der den Sterne-Sound auszeichnet. Hier und da ließe sich ein gewolltes Sprachbild monieren, aber das eigentliche Problem ist, dass Spilker sprachlich viel zu wenig will: Er schreibt kraftlos und so ungelenk wie sein bedröppelter Held Troppelmann Schlittschuh läuft (ein Sprachbeispiel: "Ich wälze mich und meine Gedanken wanken hin und her, immer im Kreis").

Für Frühjahr 2014 hat Spilker ein neues Sterne-Album angekündigt. Wir wünschen ihm, dass es ein Erfolg wird. Nicht dass er auf den Gedanken kommt, einen zweiten Roman zu schreiben. Denn von allen Gedanken schätzen wir doch am meisten die interessanten.


Frank Spilker: Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen. Hoffmann und Campe; 160 Seiten; 17,99 Euro.

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1.
cincinna 13.05.2013
Ein irres Buch geistert durch die Lande. Gruselig, wie ich finde. Gruselig, wie es in ihm spricht. Normalerweise schreibt Frank nicht. Zumindest keine Bücher, und das ist auch besser so. Dazu fällt mir noch was ein: Lieber Frank S., warst du nicht fett und rosig? Warst du nicht glücklich? [...] Was hat dich irritiert? Was hat sich bloß so ruiniert? Geh Lieder schreiben, das kannste :)
2.
melvin weaver 13.05.2013
Das Buch ist nicht unbedingt schlecht. Wenn man etwas darüber sagen kann, dann eher, dass es mutlos ist. Ein Roman wie ein Sicherheitsgurt. Als hätte Frank S. so großen Respekt vor der Kunstform des Romans gehabt, dass er sich selbst nicht zugetraut hat, für den Anfang mehr als das Offensichtliche zu wagen. Also bekommt man eben nur das obligatorische Umfeld des Autoren geschildert, den obligatorischen lakonischen Stil, die obligatorische tragische Komik. Es langweilt mich, dass Musiker meinen, nur weil sie auch sehr gute bis brillante Songtexte schreiben können, wäre es logisch, auch die Langform zu beherrschen, an die sie sich dann allerdings nur wagen, weil sie wissen, dass es bei ihrem Namen auch veröffentlicht wird und die Mühe lohnt. Das klingt negativer, als es sollte, aber es ist schon was dran: Es gibt ehrlicherweise einfach keinen Grund, solch mittelmäßige Bücher zu lesen... Was macht eigentlich Spilkers Kollege Jochen Distelmeyer? Von dem hat man lange nichts gehört... ich hoffe, er schreibt nicht an seinem ersten Roman...
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