Pol Pot und die Linken: Auf Austern mit dem Massenmörder

Von Oskar Piegsa

Kambodscha: Die Killing Fields des Pol Pot Fotos
AP

Solidarität mit der Revolution? 1978 besuchten vier Intellektuelle aus dem Westen das rote Kambodscha und hofierten den Steinzeit-Kommunisten Pol Pot. Nun zeigt ein kluges Buch, wie sie dazu kamen - stellvertretend für eine ganze Generation westlicher Linker, die dem Massenmörder huldigte.

Im August 1978 reisen vier westliche Intellektuelle nach Kambodscha. Aus dem kriegszerrütteten Land in Südostasien gibt es kaum verlässliche Informationen, deshalb wollen sie mit eigenen Augen sehen, was dort passiert. Zwei Wochen lassen sie sich durchs Land führen. Sie schauen sich Staudämme und Speisehallen an, sie sprechen mit Bauern und Beamten und schreiben dann einen Reisebericht.

Beherrscht wird das Land damals von den Roten Khmer. Geschätzte 1,7 Millionen Menschen sterben in den dreieinhalb Jahren, in denen Pol Pot, der Bruder Nummer Eins genannte Khmer-Führer, seine Bauernutopie erzwingen will: Einen Staat ohne Städte, ohne Privateigentum, ohne ausländische Einflüsse - und ohne individuelle Rechte.

Etwa 25 Jahre später entdeckt der schwedische Journalist Peter Fröberg Idling das Buch seiner Landsleute und ist verblüfft. "Zwangsarbeit", "Folter", "Hunger", sogar "Genozid" - das sind die Begriffe, mit denen heute über die Zeit gesprochen wird, als Pol Pot und die Roten Khmer in Kambodscha herrschten. Nichts davon ist den vier Besuchern aufgefallen.

Ihr Bericht sei eine "überaus enthusiastische Reiseerzählung", urteilt Peter Fröberg Idling. Handelt es sich dabei also um Lügen und Propaganda? Oder waren die Reisenden zu blind, um die grausame Wahrheit Kampucheas zu sehen? Um das herauszufinden, beginnt Idling eine eigene Reise und schreibt selbst einen Bericht.

Das Ergebnis, die essayistische Reportage "Pol Pots Lächeln", sorgte für Aufsehen in Schweden. Jan Myrdal, einer der Reisenden, die mit Pol Pot Austern schlürften, während der Rest des Landes verhungerte, ist ein in Schweden bekannter Autor. Auch Birgitta Dahl, die spätere Vorsitzende des schwedischen Parlaments, verteidigte damals die Roten Khmer gegen ihre Kritiker. Ebenso der Schriftsteller Per Olov Enquist und der berühmte amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky.

"Feind in dir vernichten"

Mit seinem Buch beschreibt Peter Fröberg Idling also nicht nur den Irrtum einiger Individuen, sondern den einer ganzen Generation westlicher Linker: Auch in der Bundesrepublik genoss Pol Pot seinerzeit Sympathien, so etwa beim Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW). Dessen damaliger Chef Joscha Schmierer machte unter Joschka Fischer Karriere im Planungsstab des Auswärtigen Amtes.

Dennoch hat Idling keine Anklageschrift geschrieben und auch keine Abrechnung mit den 68ern. Sein Buch ist nicht politisch motiviert. Stattdessen ist er daran interessiert, wie die Wahrnehmung der Reisegruppe so unvereinbar abweichen konnte von jener, die heute über die Roten Khmer in den Geschichtsbüchern steht.

Vorsichtig nähert er sich den siebziger Jahren an. "Es ist eine andere Zeit", schreibt er. Welcher Staatsstreich in einem Land der Dritten Welt würde es heute noch auf die Titelseiten bringen? Damals war die kambodschanische Revolution in Europa Gegenstand alltäglicher Unterhaltungen. Doch zugleich war die Nachrichtenlage dünn und jeder Augenzeugenbericht dem Propagandaverdacht ausgesetzt. Idling wurde als Kleinkind auf Demonstrationen gegen den amerikanischen Bombenkrieg in Kambodscha mitgenommen, der den Boden für die Revolution bereitete. Idling lässt keinen Zweifel daran, dass die Demonstrationen richtig waren. Doch wann hätte man merken müssen, dass die Solidarität mit der Revolution falsch war?

In "Pol Pots Lächeln" collagiert Idling Zeitungsausschnitte mit Reiseeindrücken aus Kambodscha. Er ergänzt sie mit historischen Fragmenten und Annäherungen an die Biografie Pol Pots. Er zitiert aus dem Tagebuch, das ihm eine der Reisenden überlassen hat, und aus Gesprächen mit Zeitzeugen. Er schildert wie Jan Myrdal jedes Interview abblockt, die anderen Mitreisenden sich aber offener und selbstkritischer zeigen. Dennoch bleibt "Pol Pots Lächeln" eminent lesbar. Die Montagetechnik ist keine bloße Spielerei, sondern der angemessene Ausdruck für Idlings suchende und tastende Annäherung an den unverständlich gewordenen Blickwinkel Myrdals und seiner Genossen.

Immer wieder streut Idling unkommentiert Parolen der Roten Khmer ein. "Wenn du den Feind vernichten willst, dann musst du den Feind in dir vernichten!", liest man da und fragt sich: Konnte ein denkender Mensch im Jahr 1978 solche Sprüche lesen, ohne das Grauen zu ahnen, das sie begründeten? Oder erscheint der Zusammenhang nur klar, weil wir heute vom kambodschanischen Foltergefängnis S-21 und den Killing Fields wissen? War das Lächeln von Pol Pot wirklich ansteckend und charismatisch, wie es Zeitzeugen berichten? Oder eher dämonisch, so wie es uns heute auf Fotos erscheint?

Auch nach langer Recherche und mehr als 300 Seiten Text entzieht sich Peter Fröberg Idling einer abschließenden Beurteilung der Rote-Khmer-Sympathisanten. Das ist unbefriedigend, aber nur konsequent: Seine Protagonisten waren sich sicher. Idling zweifelt. Seine Protagonisten glaubten, was sie sahen und stellten keine weiteren Fragen. Idling misstraut sich selbst und hört nicht auf, Fragen zu stellen. So erfährt er viel über die westliche Linke und über die Geschichte Kambodschas - und seine Leser mit ihm. Die Lektüre von "Pol Pots Lächeln" ist ein Genuss. Nicht zuletzt, weil sie zeigt, was Journalismus jenseits von Meinungen, Schnellschüssen und Rechthabereien sein kann.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Joachim Bessings "Untitled", Christos Ikonomous " Warte nur, es passiert schon was" , Jérôme Ferraris "Predigt auf den Untergang Roms", Torsten Schulz' "Nilowsky", Mo Yans "Frösche",Ernst-Wilhelm Händlers "Der Überlebende"und David Wagners "Leben".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
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1. Hat sich heute so viel verändert?
Layer_8 01.04.2013
Zitat von sysopSolidarität mit der Revolution? 1978 besuchten vier Intellektuelle aus dem Westen das rote Kambodscha und hofierten den Steinzeit-Kommunisten Pol Pot. Nun zeigt ein kluges Buch, wie sie dazu kamen - stellvertretend für eine ganze Generation westlicher Linker, die dem Massenmörder huldigte. Rezension: "Pol Pots Lächeln" von Peter Fröberg Idling - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/rezension-pol-pots-laecheln-von-peter-froeberg-idling-a-890956.html)
Es gibt sie ja auch heute noch, die Nordkorea-, Iran-, Assad- etc. Sympathisanten hier im wohligen Westen, von wo es sich trefflich in den Sessel pupsen lässt. Die wahren Schlimmen sind für die ja immernoch die USA, Israel und der böse agressorische Westen überhaupt, welcher sie andererseits prächtig ernährt. Man lese nur z.B. hier in diversen SPON-Foren. Es hat sich nicht soo viel verändert.
2. ...
cato. 01.04.2013
Zitat von sysopSolidarität mit der Revolution? 1978 besuchten vier Intellektuelle aus dem Westen das rote Kambodscha und hofierten den Steinzeit-Kommunisten Pol Pot. Nun zeigt ein kluges Buch, wie sie dazu kamen - stellvertretend für eine ganze Generation westlicher Linker, die dem Massenmörder huldigte. Rezension: "Pol Pots Lächeln" von Peter Fröberg Idling - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/rezension-pol-pots-laecheln-von-peter-froeberg-idling-a-890956.html)
Die Begeisterung der 68er für Mao und Pol Pot zeigt doch eindrucksvoll, dass sie geistig und moralisch ihrer Vätergeneration kein bischen überlegen waren und nur die Gnade der späten Geburt sie davor bewahrte Schuld auf sich zu laden bzw. erheblich weniger Schuld auf sich zu laden, die Zukunftsaussicht der Bundesrepublik ist ja auch nicht berauschend. Justiz, Verwaltung, Bildung ... haben sie ja schon heute mit ihren zahlreichen Reformen pervertiert.
3. optional
malcom3 01.04.2013
Merkwürdig nur, dass die Roten Khmer auch nach ihrer Entmachtung durch die vietnamesische Invasion von den Vereinten Nationen als legitime Vertretung Kambodschas anerkannt wurden. Unbestritten auch, dass der Kampf der Roten Khmer gegen die Vietnamesische Volksarmee durch westliche Waffenlieferungen unterstützt wurde.
4. Internationale Gemeinschaft unbelangter Verbrecher
robert.haube 01.04.2013
Der Verbrecher Pol Pot wurde nie zur Rechenschaft gezogen, genauso wenig wie die Verbrecher McNamara, Henry Kissinger...usw, die Kambodscha brutal bombardieren liessen. Auch Bush und Blair gehören, wie der südafrikanische Erzbischof Tutu verlangte, vor das Gericht in Den Haag.
5.
Thomas Kossatz 01.04.2013
Ich habe mich stets geweigert, diese weltfremden Subjekte Intellektuelle zu nennen. Und was meint der Autor? Die Revolution (gemeint: die Terrorherrschaft) in Kambodscha sei Tagesgespräch gewesen? Vielöleicht da, wo er sozialisiert wurde, nicht aber in der Mitte der Gesellschaft.
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